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Loveparade-Katastrophe

Duisburg contra Blogger - der PR-GAU ist perfekt

Jan-Bernd Meyer betreut als leitender Redakteur Sonderpublikationen und -projekte der COMPUTERWOCHE. Auch für die im Auftrag der Deutschen Messe AG publizierten "CeBIT News" ist Meyer zuständig. Inhaltlich betreut er darüber hinaus Hardware- und Green-IT- bzw. Nachhaltigkeitsthemen sowie alles was mit politischen Hintergründen in der ITK-Szene zu tun hat.   
Wegen eines angeblichen Verstoßes gegen das Urheberrecht hat Duisburg eine einstweilige Verfügung beim Landgericht Köln gegen den Blog Xtranews erwirkt. Die Online-Szene reagiert prompt.

Die Stadt Duisburg hat über die Anwaltskanzlei Heuking Kühn Lüer Wojtek gegen den Duisburger Blog Xtranews eine einstweilige Verfügung erwirkt. Danach ist es den Bloggern verboten, Anhänge zu einem Gutachten zur Loveparade-Katastrophe zu veröffentlichen. Den "Zwischenbericht zur Loveparade" selbst hatte die Stadt veröffentlicht.

PR-Super-GAU: Die Online-Szene schlägt zurück

Schon vor der Loveparade-Katastrophe hatte ein Autor mit Namen "klotsche" sich sehr kritisch zum Loveparade-Sicherheitskonzept bei "DerWesten.de" geäußert.
Schon vor der Loveparade-Katastrophe hatte ein Autor mit Namen "klotsche" sich sehr kritisch zum Loveparade-Sicherheitskonzept bei "DerWesten.de" geäußert.
Foto: Der Westen

Kaum ist den Machern des Xtranews-Blogs die einstweilige Verfügung mit dem Verbot der Veröffentlichung der Anhänge zum Zwischenbericht zugestellt, muss Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland lernen, was soziale Medien wie Blogger, Twitter, Facebook etc., was die gesamte kollektive Intelligenz im Netz bewirken kann. Auf Twitter brach prompt ein Sturm der Empörung los. Zudem vermeldeten innerhalb kürzester Zeit etwa die Blogger von Ruhrbarone: "Alle verbotenen Sauerland-Papiere sind wieder da".

In ihrer Meldung schreiben die Ruhrbarone-Blogger: "Ein Twitterer mit dem Namen DJVBB-Brandenburg hat uns und anderen Blogs, unter anderem Netzpolitik, gerade den Rapidshare-Link geschickt, unter dem die Unterlagen zu bekommen sind."

Die Netzpolitik-Redaktion netzpolitik.org schrieb umgehend, es könne in den nächsten Tagen "spannend werden". Denn dann lasse sich die "neue PR-Offensive der Stadt Duisburg" mit den Inhalten der gesamten Anlage vergleichen. Dem "offiziell veröffentlichten Gutachten fehlen die Anlagen, die jetzt überall verteilt sind." Nicht ohne ironischen Unterton weisen die Netzpolitik-Autoren darauf hin, was ihrer Meinung nach der Effekt der einstweiligen Verfügung der Stadt Duisburg gegen den Xtranews-Blog sein wird: Das werde ein "Streisand-Effekt".

Gemeint ist, dass sich Oberbürgermeister Sauerland genau den Fehler leistet, den auch die US-amerikanische Schauspielerin Barbara Streisand einmal machte. Sie wollte dem Fotografen Kenneth Adelman und der Website Pictopia verbieten, ein Foto ihres kalifornischen Anwesens zu veröffentlichen. Erst durch die Klage - in der es übrigens um 50 Millionen Dollar ging - wurde eine große Öffentlichkeit aufmerksam. Prompt verbreitete sich die Luftbildaufnahme ihres Hauses - wie Wikipedia schreibt - im Schneeballsystem im Internet.

Erbärmlicher Oberbürgermeister

Auch Udo Vetter. Fachanwalt für Strafrecht und Lehrbeauftragter an der Fachhochschule Düsseldorf, äußerte sich zu der Rechtscausa sofort in seinem Lawblog. Unter der Überschrift "Der erbärmliche Oberbürgermeister" schreibt Vetter, die Stadt Duisburg habe das Gutachten, dass die Stadtoberen entlasten würde, "freizügig an die Journalisten gestreut". Die anhängenden Dokumente aber, die "die Qualität des Gutachtens überprüfbar machen" insbesondere auch deshalb, "weil sie offenbaren, was bei der Stadt Duisburg und den anderen Beteiligten im Vorfeld der Loveparade passierte", die Veröffentlichung eben dieser Dokumente hätten Sauerlach und die Stadt Duisburg aber nun via einstweiliger Verfügung zu verhindern versucht. Und das, obwohl laut Anwalt Vetter, es "ganz im Sinne Adolf Sauerlands und seiner Stadtverwaltung sein sollte, wenn die Öffentlichkeit Einblick in die Unterlagen erhält, aufgrund derer er und seine Mitarbeiter sich reinwaschen wollen." In den Papieren sollen Protokolle und Konzepte von Verwaltung, Polizei und Veranstalter Lopavent detailliert nachzulesen sein, schreibt der Newsdienst Meedia.

Auch aponaut.de, der Blog, der sich als selbsternannte Zeitung für kulturelle Entwicklung gibt, die Blogbu.de oder wemaflo.net gehören zu der versammelten Online-Intelligenzia, die eine Gegenöffentlichkeit zur Stadt Duisburg und seinem Oberbürgermeister im Netz herstellen.

Der Newsdienst Meedia zieht nicht ganz zu Unrecht ein Fazit dessen, was sich für die Stadt Duisburg und sein Oberhaupt zu einem PR-Desaster auswachsen könnte: "Mit dem aktuellen Vorgehen hat der Duisburger OB Sauerland jedenfalls so ziemlich das Gegenteil von dem bewirkt, was er angekündigt hatte: Aufklärung." (jm)