SAP-Anwender

DSAG kritisiert ERP-Komplexität und Wartungsmodelle

Vice President Software & SaaS Markets PAC Germany
Neben dem IT-Kosten-Management stehen Fragen zum Enterprise Support, der Wunsch nach einfacherer Software und die ERP-Modernisierung ganz oben auf der Tagesordnung der SAP-Kunden.

Wie alle Unternehmen haben auch die SAP-Anwender mit den wirtschaftlichen Turbulenzen zu kämpfen. Mehr denn je achten die Firmen darauf, dass Softwareprojekte - und seien es nur einfache Release-Wechsel - einen Wertbeitrag liefern. Was die SAP-Kunden außerdem bewegt, erfuhr die COMPUTERWOCHE im Rahmen einer Diskussion mit dem Führungsgremium der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe (DSAG).

Release-Wechsel von R/3 auf ERP 6.0

Früher konnten IT-Leiter Upgrades aus ihrem Budget bestreiten, heute müssen sie einen Business Case vorlegen können, so Otto Schell, der als DSAG-Vorstandsmitglied den Bereich Branchen verantwortet.
Früher konnten IT-Leiter Upgrades aus ihrem Budget bestreiten, heute müssen sie einen Business Case vorlegen können, so Otto Schell, der als DSAG-Vorstandsmitglied den Bereich Branchen verantwortet.

Rund die Hälfte der SAP-Anwender nutzt nach Angaben der DSAG noch ein R/3-System in Version 4.6C oder 4.7. In nächster Zeit dürften jedoch weitere Firmen auf das aktuelle Release ERP 6.0 umsteigen. Wie viele, hängt von deren wirtschaftlicher Situation, aber auch von der SAP-Wartungsstrategie ab. Der Wartungsplan für R/3 4.7 wurde auf 2013, der für R/3 4.6C auf 2010 ausgedehnt. Somit können Firmen noch eine Weile das Altprodukt nutzen. Im Augenblick haben viele von ihnen andere Probleme, als sich um SAP-Upgrades zu kümmern. Und selbst wenn sie sich zu einem Umstieg durchringen können, müssen die SAP-Verantwortlichen in den Unternehmen nachweisen, welchen Vorteil der Release-Wechsel bringt. "Früher konnten IT-Leiter Upgrades aus ihrem Budget bestreiten, heute müssen sie einen Business Case vorlegen können", so Otto Schell, der als DSAG-Vorstandsmitglied den Bereich Branchen verantwortet. "Zusätzlich benötigen sie einheitliche und verlässliche Informationen über die langfristige SAP-Produktstrategie, um Entscheidungen zu treffen."

Kommt es dann zum Release-Wechsel, bleiben Neuerungen in Geschäftsprozessen oft außen vor. Statt zusätzliche Funktionen in Betrieb zu nehmen, vollziehen die Anwender einen rein technischen Umstieg. Neue Funktionen und Abläufe in SAP etablieren sich daher nur schwer. "Manche Firmen arbeiten mit der ERP-Software so, als hätten sie noch das Release R/3 4.5, obwohl die Software bereits auf dem Versionsstand ERP 6.0 ist", so der DSAG-Vorstandsvorsitzende Karl Liebstückel. Andere Anwender wiederum aktualisieren die Software wegen einzelner Funktionen, die sie dann auch einführen. Die Vorteile anderer Weiterentwicklungen der SAP-Welt bleiben ungenutzt. Offenbar sind den Anwendern die neuen Funktionen, die ERP 6.0 gegenüber R/3 bietet, nicht bekannt. In Zusammenarbeit mit der DSAG hat SAP den "Solution Browser" bereitgestellt, der Softwarekunden aufzeigt, was ERP 6.0 gegenüber dem Altprodukt leisten kann. Künftig soll dieser um weitere Funktionen ergänzt werden beziehungsweise soll es weitere Hilfen geben. Sie sollen den SAP-Verantwortlichen im Unternehmen in die Lage versetzen, seine Geschäftsführung den Nutzen einer Migration weg von R/3 plausibel zu machen.

ERP-Systeme ausmisten

Allerdings sind neue Funktionen dabei nur ein Argument für ERP 6.0: Ein Release-Wechsel bietet immer die Chance, selbst entwickelte Reports oder Workarounds, sofern wirtschaftlich sinnvoll, durch Standardfunktionen zu ersetzen. Dadurch sinkt der Pflegeaufwand. Es geht dabei gar nicht in erster Linie darum, neue oder bessere Features einzuführen.

Karl Liebstückel, DSAG-Vorstandsvorsitzender, will die Weiterentwicklung der SAP-Software gezielter als bisher beeinflussen.
Karl Liebstückel, DSAG-Vorstandsvorsitzender, will die Weiterentwicklung der SAP-Software gezielter als bisher beeinflussen.

Die Weiterentwicklung der SAP-Software will die DSAG gezielter als bisher beeinflussen. Im Rahmen der "Customer-Engagement-Initiative" hat SAP zugesagt, Anwender frühzeitiger als bisher in die Entwicklung einzubinden. Nach Angaben der Anwendervereinigung erfahren Softwarekunden so, welche Schwerpunkte SAP setzt, und können dann an deren Ausgestaltung mitarbeiten. Diese Nähe zum Kunden habe das Softwarehaus in den letzten Jahren vermissen lassen, so die DSAG. Offensichtlich hat die heftige Auseinandersetzung wegen der unerwarteten Erhöhung der Wartungsgebühren so manche Tür geöffnet. Umgekehrt profitiert natürlich auch der ERP-Anbieter von der Zusammenarbeit: SAP erfährt rechtzeitig, was Firmen wünschen beziehungsweise kaufen wollen.