VoIP-Anbieter Sipgate warnt

Droht Kunden mit Next Generation Network eine neue Servicewüste?

Manfred Bremmer beschäftigt sich mit (fast) allem, was in die Bereiche Mobile Computing und Communications hineinfällt. Bevorzugt nimmt er dabei mobile Lösungen, Betriebssysteme, Apps und Endgeräte unter die Lupe und überprüft sie auf ihre Business-Tauglichkeit. Bremmer interessiert sich für Gadgets aller Art und testet diese auch.
Anzeige  Aus Sicht des VoIP-Anbieters Sipgate ist das von Carriern beworbene "Next Generation Network" in vielerlei Hinsicht ein Rückschritt - zumindest für die Nutzer.

Die Abschaltung der deutschen Telefonnetze schreitet voran. Festnetz-Anbieter wie Arcor und Hansenet stellen den Telefonanschluss bereits über das IP-Netz bereit. Die Deutsche Telekom zieht 2012 nach. Anstatt von Voice over IP sprechen die Netzbetreiber jedoch von 'Next Generation Network' (NGN).

Ziel dieser Namensgebung ist laut "Sipgate"-Anbieter Indigo Networks eine möglichst starke Abgrenzung zu alternativen VoIP-Diensten. "Verbraucher wissen in der Regel nicht, dass NGN gleich VoIP ist, NGN ihnen aber zentrale Vorzüge der Internet-Telefonie vorenthält", sagt Thilo Salmon, Geschäftsführer der Indigo Networks GmbH. So sei bei NGN-Anbietern der Telefonservice erneut fest an den Breitbandanschluss gekoppelt. Eine separate Buchung werde entgegen dem Markttrend ausgeschlossen. Zusätzlich würden Kunden weitgehend zur Nutzung der NGN-Telefonie gezwungen, da die Betreiber-Hardware den Einsatz anderer VoIP-Provider nicht duldeten. Mittels alternativer Anbieter günstiger in die Mobilfunk- und Auslandsnetze zu telefonieren, werde damit unmöglich.

Als weiteren Nachteil führt Salmon auf, dass bei Vertragskündigung sowohl Internet-Zugang als auch Telefondienst verloren gehen. NGN bevormunde Verbraucher folglich nicht nur in ihrer Nutzung, sondern erhöhe zugleich die Abhängigkeit vom Zugangsanbieter.

Aber auch die Funktionalität werde bei NGN eingeschränkt, behauptet Sipgate: So sei es ein wesentlicher Vorteil von VoIP, dass Nutzer unterwegs an jedem Breitbandanschluss weltweit per Telefon-Software oder VoIP-fähigen Handy unter ihrer Ortsrufnummer erreichbar seien. Ist der Anschluss in Deutschland registriert, falle für Telefonate in die Heimat nur der deutsche Tarif an. NGN verzichtet dagegen auf diesen Komfort und schließt die nomadische Nutzung aus.

Aber auch die Hardwareunterstützung ist laut Sipgate bei NGN eingeschränkt: So ist das so genannte IAD (Integrated Access Device), an dem das heimische Festnetz-Telefon angeschlossen wird, die Drehscheibe der NGN-Nutzung. Nicht unterstützt würden dagegen VoIP-fähige Telefone, die über zusätzliche QoS (Quality of Services) sowie deutlich mehr Funktionen verfügen. Ebenso würden Dual-Mode-Handys unbrauchbar. Kunden hätten damit kaum die Möglichkeit, Hardware einzusetzen, die ihren Anforderungen sowie dem technischen Fortschritt entspreche, folgert Sipgate.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass NGN-Nutzer ausschließlich auf die Betreiber-Technik zugreifen und deshalb weiterhin in Festnetzqualität telefonierten. Nicht zum Zug käme dagegen das von VoIP-Providern verwendete offene SIP-Protokoll, welches stetig weiterentwickelt würde und inzwischen eine Sprachgüte auf Hifi-Niveau biete.

Letztendlich sie NGN daher für Festnetzkunden als ein Rückschritt zu bewertet, so das Fazit von Sipgate: Errungenschaften, wie die erst seit kurzem existierende Möglichkeit, den Breitbandzugang unabhängig zum Telefonanschluss zu bestellen, würden mit NGN zunichte gemacht. Technischer Fortschritt und die mobile Nutzung des Anschlusses blieben ebenso außen vor wie die freie Wahl des Endgerätes. Nach Einschätzung von Sipgate verfolgten die Netzbetreiber mit NGN das vorrangige Ziel, nicht den Service, sondern vor allem die Gewinnmarge deutlich zu verbessern. (mb)