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Dolchstoß für die Killerspiele

29.10.2008
Von pte pte
Der Killerspieler, einst Liebling der Spielebranche, hat ein Problem: Mit familiengerechten Games wollen die Hersteller ihr schlechtes Image abstreifen und neue Erlösquellen anzapfen.

Die Videospielindustrie konzentriert sich immer stärker auf gewaltfreie, familientaugliche Games. Während noch in der vergangenen Weihnachtssaison das Kriegsspiel "Call of Duty 4" die Hitlisten anführte, werden die Händler ihre Läden in diesem Jahr vermehrt mit harmlosen, familienfreundlichen Spielen wie Sonys "LittleBigPlanet" bestücken. Das Game ist beispielgebend für eine ganze Flut an Spielen und Services, die auf Familien ausgerichtet sind. Mit dieser Mainstream-Strategie versucht sich die Branche zwei Herausforderungen zu stellen: Zunächst soll ein breiteres Publikum abseits der typischen, eingefleischten Spielefreaks erschlossen werden. Infolge dessen wollen sich die Unternehmen auch neue Einnahmequellen in wirtschaftlich schlechten Zeiten sichern.

Dieses Spiel ist nicht für Kinder geeignet - Call of Duty 4.
Dieses Spiel ist nicht für Kinder geeignet - Call of Duty 4.

Die Videospielentwickler haben Millionen in das Segment Social bzw. Casual Games investiert. So sind etwa zwei Drittel der 20 neuen Titel von Sony familienorientiert. Electronic Arts (EA) hat sein Angebot in dem Bereich ebenfalls verdreifacht. "Nicht jugendfreie Gewaltspiele hatten - anders als häufig in der öffentlichen Diskussion vermittelt wird - grundsätzlich nie einen sehr großen Anteil an den Verkaufszahlen. Der Bereich lag und liegt im Schnitt bei sechs bis acht Prozent", erklärt Martin Lorber, Pressesprecher von EA Deutschland, im Gespräch mit pressetext. Gewaltinhalte seien demnach nie besonders ausschlaggebend für den Erfolg von Videospielen gewesen. "Natürlich sieht man jetzt aber, dass Familienspiele an Zulauf gewonnen haben, erfolgreich sind und sehr viel mehr genutzt werden."

Call of Duty ist auch nichts für Gelegenheitsspieler.
Call of Duty ist auch nichts für Gelegenheitsspieler.

Dennoch bleibt abzuwarten, ob sich der gewaltfreie Familientrend auch tatsächlich in dem Ausmaß in bares Geld verwandeln lässt, wie es sich die Hersteller wünschen. Analysten warnen davor, dass die Videospielindustrie sich in ihren Erwartungen an das Mainstream-Publikum überschätzt, berichtet das "Wall Street Journal". Gelegenheitsspieler würden nicht regelmäßig derart viele Games kaufen, wie das zum Beispiel Hardcore-Spieler tun. In den Regalen sei zwar Platz für einige, nicht aber für 20 verschiedene Casual Games, meint Michael Patcher, Analyst bei Wedbush Morgan Securities. Ego-Shooter und Action-Rollenspiele wie "Fallout 3", das im nächsten Monat erscheint, werden trotz Familientrend auch in dieser Weihnachtssaison hoch im Kurs stehen und sich stark verkaufen, erwarten Branchenexperten.

Die Videospielentwickler sehen trotzdem Sinn darin, sich an die Zielgruppe Familie zu richten. Vor allem vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Krise argumentieren sie, dass Computergames im Schnitt 50 Dollar kosten und damit eine relativ günstige Unterhaltungsalternative für Familien bieten. Regelmäßige Kinobesuche, Ausflüge oder andere Aktivitäten im kompletten Familienverband belaufen sich im Vergleich meist auf höhere Ausgaben. Das neue Casual-Gaming-Label von EA, das diesen Juni gegründet wurde, soll laut Schätzungen schon dieses Jahr zehn Prozent der Gesamteinnahmen des Unternehmens erbringen. Insgesamt werden die Videospielverkäufe dieses Jahr allein in den USA voraussichtlich um 14 Prozent wachsen. Damit behauptet sich die Branche derzeit als eine der wachstumsstärksten in der Medien- und Unterhaltungsindustrie. (pte)