Arbeiten als Berater

Digitalisierungprojekte erhöhen Tempo in IT-Beratung

Ingrid Weidner arbeitet als freie Journalistin ín München.
Die Kunden ungeduldiger, die Berater agiler – mit der Digitalisierung verändern sich Inhalte und Tempo im IT-Consulting-Geschäft.

Selbst versierte IT-Berater kommen nicht vom Papier los. Sie sammeln Taxiquittungen und Restaurantrechnungen, erstellen eine digitale Reisekostenabrechnung und reichen dann die Belege analog ein. Bernhard Kirchmair möchte dieses antiquierte Verfahren durch eine mobile App ersetzen. Einfach die Quittung mit dem Smartphone fotografieren und sofort landet der Beleg im Abrechnungssystem.

Mit der Digitalisierung verändern sich Inhalte und Tempo im IT-Consulting-Geschäft.
Mit der Digitalisierung verändern sich Inhalte und Tempo im IT-Consulting-Geschäft.
Foto: ra2studie - shutterstock.com

Kirchmair arbeitet als Chief Digital Officer, kurz CDO, und sein Job ist es, die digitale Transformation seines Arbeitgebers Fritz & Macziol voran zu bringen. Dabei kümmert er sich genauso um interne Abläufe des Ulmer Beratungshauses wie um neue digitale Service-Angebote für Kunden.

"Früher gab es drei Geschäftsfelder in der Beratung. Es wurde eine Strategie entwickelt, neue Anwendungen wurden implementiert und die IT-Systeme betrieben. Heute lösen sich diese Grenzen auf, die Kunden erwarten schnelle Lösungen, sie haben keine Zeit für langwierige Projekte", so die Erfahrung von Kirchmair. Heute komme es in der IT-Beratung vor allem darauf an, schnell die Anforderungen des Kunden zu verstehen und in ein schlankes Produkt zu gießen.

Bernhard Kirchmair, CDO bei Fritz & Macziol: "Die Kunden erwarten schnelle Lösungen, sie haben keine Zeit für langwierige Projekte."
Bernhard Kirchmair, CDO bei Fritz & Macziol: "Die Kunden erwarten schnelle Lösungen, sie haben keine Zeit für langwierige Projekte."
Foto: Fritz & Macziol

Mitarbeiter erwarten Echtzeit-Kommunikation

Auch Hans-Werner Wurzel beobachtet, dass sich die Projektlandschaft verändert. "Die IT ist ganz wichtig, doch es wird immer weniger ganz große Projekte geben, weil immer mehr Anwendungen über Cloud-Services zur Verfügung gestellt werden", sagt der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater (BDU). Der Wirtschaftsingenieur arbeitet seit 1987 in der Beratung und hat viele Veränderungen mitgestaltet. Er ist davon überzeugt, dass die Digitalisierung bald Alltag sein wird. Kernbranchen der deutschen Industrie wie Maschinenbau, Automotive oder Anlagenbau sieht er auf einem guten Weg. "Prozesse werden noch weiter automatisiert, Produktgrenzen fallen weg", nennt Wurzel einige Merkmale der Digitalisierung und fügt hinzu: "Mit Big Data sind mehr Informationen verfügbar, die Analysen erhalten ein neue Qualität. Gleichzeitig werden Simulationen möglich, die früher einfach nicht machbar waren."

Cloud, Mobile, Big Data sind Treiber der Digitalisierung und verändern auch die Art und Weise, wie Menschen zusammenarbeiten. "Junge Mitarbeiter erwarten andere Formen der Zusammenarbeit", weiß Wurzel aus seinem Arbeitsalltag als Partner bei BearingPoint. Wissens-Management und Social Media rücken in den Mittelpunkt.

Ähnlich sieht es auch Uwe Rotermund, Geschäftsführer der mittelständischen IT-Beratung Noventum in Münster. "Der Markt wird immer schneller, die Mitarbeiter erwarten Realtime-Kommunikation." Chat-Apps, Skype oder auch Whatsapp nutzen die Berater untereinander ganz selbstverständlich, um sich auszutauschen. Rotermund vermutet, dass auch die Kunden bald ähnliches von der Beratern einfordern.

Uwe Rotermund, Geschäftsführer von Noventum: „Klinkenputzen ist out, viele neue Kunden nehmen den Telefonhörer in die Hand und rufen bei uns an."
Uwe Rotermund, Geschäftsführer von Noventum: „Klinkenputzen ist out, viele neue Kunden nehmen den Telefonhörer in die Hand und rufen bei uns an."
Foto: Noventum

Kunden erwarten schnelle Ideen

Die neue Schnelligkeit zeigt sich auch in den veränderten Vertriebswegen. "Klinkenputzen ist out, viele neue Kunden nehmen den Telefonhörer in die Hand und rufen bei uns an", erzählt Rotermund. Dann müsse es schnell gehen. Der Vertriebsmitarbeiter am Telefon braucht fundiertes Wissen für die Erstberatung, oft setzen sich anschließend einige Experten zusammen, diskutieren und präsentieren spätestens nach zwei Tage ein erstes Konzept. "Der Kunde erwartet von uns schnell Ideen und Anstöße. Unsere Berater müssen die Wertschöpfungsketten viel tiefgreifender verstehen, sie brauchen mehr Branchenwissen", ergänzt Frank Petersen, stellvertretender Geschäftsführer von Noventum. Auf das Beratungshaus stoßen potenzielle Kunden auch über die professionell gestaltete Website, publizierte Projektberichte und ein Kundenmagazin.

Weiterbildung für Berater per App

IT-Beratungen überzeugen dann ihre Kunden, wenn sie selbst die Digitalisierung leben. "Wir arbeiten nur dann erfolgreich, wenn wir selbst Erfahrung mit Digitalisierung haben", sagt Kirchmair. Deshalb beschleunigt der Informatiker digitale Prozesse im Ulmer Beratungshaus, auch die Weiterbildung zählt dazu. "Trainings bringen nichts, wenn das Wissen nur theoretisch vermittelt wird. Wissen muss praktisch anwendbar sein", meint der Informatiker. Kirchmair setzt deshalb stark auf Verhaltenstrainings und Rollenspiele, in denen Berater beispielsweise Kundengespräche üben. Auch ein alter Grundsatz taucht im Lernkonzept von Kirchmair wieder auf, nämlich Wiederholung und Übung.

E-Learning und mobiles Lernen nutzen viele ganz selbstverständlich. Gerade weil ein Berater heute Know-how aus unterschiedlichen Fachgebieten parat haben muss, entwickelte Kirchmair zusammen mit Kollegen eine Wissens-App, die die Berater von Fritz & Macziol im Arbeitsalltag einsetzen. "Wir haben technologische Fragen und Produkte verschlagwortet und jedes Thema mit einem Experten aus unserem Haus verknüpft. Stößt ein Kollege beim Kunden auf eine Frage, die er nicht beantworten kann, gibt er das Schlagwort in die App ein und findet so schnell einen Ansprechpartner." Der Chief Digital Officer Kirchmair denkt auch darüber nach, diesen Service für Kunden weiterzuentwickeln. "Digitalisierung heißt auch, mit dem Überangebot an Informationen klar zu kommen." Deshalb erwartet er von IT-Spezialisten, dass sie sich autodidaktisch neues Wissen aneignen und sich selbständig weiterbilden.

Persönlicher Wissensaustausch bleibt wichtig

Auf Wissensaustausch und Weiterbildung legt auch Noventum großen Wert. Zwei Mal im Jahr treffen sich alle 100 Mitarbeiter, tauschen sich aus, teilen Wissen und Erfahrungen aus Projekten. Dazwischen halten sich die Berater mit Team-Meetings, Web-Konferenzen und Whatsapp-Foren auf dem Laufenden. "Die persönlichen Treffen von allen Kollegen sind weiterhin essenziell für uns. Vertrauen entsteht nur analog, davon sind wir überzeugt. Doch es sind neue Formen des Austauschs hinzugekommen", beschreibt Rotermund die Firmenphilosophie.

Frank Petersen, stellvertretender Geschäftsführer bei Noventum: „Der Kunde erwartet von uns schnell Ideen und Anstöße."
Frank Petersen, stellvertretender Geschäftsführer bei Noventum: „Der Kunde erwartet von uns schnell Ideen und Anstöße."

Auch im Zeitalter der Digitalisierung braucht ein IT-Berater soziale Kompetenzen. Noventum achtet deshalb beim Recruiting darauf, dass die neuen Mitarbeiter diese Fähigkeiten mitbringen, bildet sie dann in Projekt-Management und unterschiedlichen Fachgebieten weiter. Die Noventum-Mitarbeiter verfeinern ihre sozialen Kompetenzen in Trainings oder mit einem Coach. "Ein Berater muss in sich ruhen und kommunikationsstark sein", davon ist Rotermund überzeugt.

Der fachlichen Qualifikation räumt Noventum viel Raum ein. Ein- bis dreiwöchige Weiterbildungen sind nicht ungewöhnlich, doch es kommt durchaus vor, dass sich ein Berater komplett für zwei bis drei Monate aus der Projektarbeit zurückzieht und sich weiterbildet. "Dieses Wissen trägt der Kollege anschließend ins Team zurück, deshalb ist es für uns eine wichtige Investition", sagt Petersen. Die Fluktuation ist gering, doch das Unternehmen wächst und sucht jedes Jahr zehn bis 20 neue Mitarbeiter. Absolventen und Berufseinsteiger findet das IT-Beratungshaus einfacher als erfahrene Berater, sagen die Noventum-Chefs. Doch gerade auf die Bewerbungen von schwer zu findenden Senior-Beratern freut sich das Münsteraner Unternehmen.