Transformation mit IoT und Big Data

Digitalisierung zwischen Theorie und Praxis

Bettina Tratz-Ryan ist Research Vice President und verantwortlich für Gartners Empfehlungen zu den digitalen Transformationsthemen Intelligente Geschäftsfelder und Smart Cities sowie Industrie 4.0. Frau Tratz-Ryan untersucht unter anderem Wertschöpfungsmodelle und Technologielösungen, die durch das Internet der Dinge sowie die dazugehörigen Dienste und deren Datenanalyse gestützt werden. Des Weiteren steuert Frau Tratz-Ryan den Gartner Research über Aufbau, Positionierung und Implementierung betrieblicher und gesellschaftlicher Ziele, unter Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien und dem demografischen Wandel; sie identifiziert Chancen und Forschungsprojekte im ITK-Bereich, die sich auf Themen zur strategischen Nachhaltigkeit beziehen. Hierzu zählen u.a. Smart Microgrids, Urbane Mobilität, intelligentes Transport- und Verkehrswesen sowie innovative Arbeitsplätze, Gebäudetechnik und Städte.
Digitalisierung gilt als Mantra für die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen. Doch trotz Standards und Techniken wie Industrie 4.0, dem Internet der Dinge (IoT), Big-Data-Analysen oder Automatisierung ist die digitale Transformation in Betrieben häufig nicht mehr als ein theoretischer Ansatz. Und in der Praxis ist sie nur erfolgreich, wenn Prozesse reduziert und eine messbare Wertschöpfung generiert werden.

Die Wachstumsaussichten der deutschen Unternehmen für dieses Jahr sind im Großen und Ganzen gut, die Auftragsbücher weitgehend gefüllt. Mit der Plattform Industrie 4.0 gibt es zudem ein Standardisierungsbemühen der Industrie und Politik, digitale Systeme und Prozesse für alle Betriebe zur Verfügung zu stellen. Und darüber hinaus wurden auch die Fortschritte der öffentlichen Hand, bestehende Verwaltungsprozesse digital zu vereinheitlichen und dadurch schneller zugänglich zu machen, durch die "Digitale Agenda" angestoßen und weiter diskutiert. Trotzdem drängen sich folgende Fragen auf:

• Wie schafft die Digitalisierung den Sprung in die Praxis?

• Wie können sich Unternehmen die Digitalisierung so zunutze machen, dass es nicht nur um Technologiefähigkeiten geht, sondern die Wertschöpfung klar gesteigert wird?

Messbare Wertschöpfung

Im Rahmen einer Gartner-Umfrage aus dem Jahr 2015 zum Reifegrad der digitalen Geschäftsmodelle in Industrie und Verwaltung bestätigten 53 Prozent der befragten IT-, Bereichs- und Unternehmensleiter, dass sie die Digitalisierung generell als große Chance ansehen. Dabei hoben die Befragten vor allem Differenzierungsmöglichkeiten für bestehende und neue Kundenmärkte hervor. Chancen sehen sie außerdem in der besseren Interaktion mit Personal und Partnern sowie in der Reduzierung von Prozessen und komplexen Techniken und Dienstleistungen. Katalysatoren für diese Differenzierungsansätze sind Investitionen in Technologien wie das industrielle Internet der Dinge (IoT), Sensorik, Automatisierung und Big-Data-Analysen. Die Investitionen müssen sich jedoch messbar auf die Wertschöpfung auswirken. Solche Effekte sind dann auch in Kennzahlen darstellbar. Messen lässt sich beispielsweise der Effekt digitaler Technologien auf das Qualitätsmanagement, das Kundenmanagement und die Effizienz des Cost-to-Serve, auf das Innovationsniveau, die Agilität der Unternehmensorganisation oder auf die Ausrichtung des Portfolios nach neuen Branchengrenzen.

Strategische Transformation der Organisation

So verstanden stellt Digitalisierung die strategische Transformation der Organisationskultur dar. Sie wird von einer Ansammlung smarter Technik getragen, aber beeinflusst vom Ideenreichtum vieler Akteure innerhalb und außerhalb einer Organisation. Innovation wird hierbei nicht nur von dedizierten Bereichen betrieben, sondern auch durch eine neue Anwendungslogik vorangebracht, in Zusammenarbeit mit industrie- oder unternehmensfremden Teilnehmern durch Crowdsourcing und Partner-Ökosysteme.

The Next Now! - Foto: shutterstock.com - SFIO CRACHO

The Next Now!

Der Mitarbeiter mit Startup-Mentalität ist in diesem Rahmen eine neue Qualifikation. Digitalisierung stellt bestehende Unternehmenssilos in Frage, setzt aber gleichzeitig dynamische Impulse im Markt und im Umgang des Unternehmens mit seinen Kunden. Das spiegelt die gesellschaftliche Entwicklung wider, denn durch die Verbreitung von Kommunikationstechnik und selbstlernenden Informationsdiensten setzt Digitalisierung diese neuen Impulse auch im Alltag.

Dieser Fortschritt stellt neue Anforderungen vor allem an die Geschwindigkeit der bestehenden technischen oder virtuellen Digitalisierungsplattformen. Der Fokus bewegt sich weg von der Prozessabwicklung und hin zur Entwicklung von Plattformen für Collaboration und Kommunikation. Diese müssen durch Datenanalyse und die dazugehörigen algorithmischen Verfahrensmuster die Impulse, Anregungen oder Ergebnisse für die Akteure spezifisch in Informationen oder auch Collaboration-Felder umsetzen. Dabei werden verschiedene Interaktionskanäle angestrebt.

Digitale Sicherheitsstrategie erforderlich

Die funktionsübergreifende Vernetzung von Interaktionen, Collaboration-Modellen und Prozessen braucht eine digitale Sicherheitsstrategie, die nicht nur auf Cyber-Security, den Schutz vor Erpressungssoftware und IT-OT-Sicherheitsprinzipien abzielt. Vielmehr ist es nötig, durch Schulung und Gamifizierung eine digitale Sicherheitsmentalität im Unternehmen herauszubilden und die Wahrnehmung der Mitarbeiter zu steigern. Während die Gefahren der Unterlassung einer digitalen Sicherheitsstrategie theoretisch bekannt sind, gestaltet sich die Umsetzung durch die unterschiedlichen Systeme und Schnittstellen komplex. Das schränkt die Wertschöpfung durch Digitalisierung ein oder gefährdet sie gar komplett.

Um Digitalisierung in die Praxis umzusetzen, brauchen Unternehmen eine Leitfigur und ein Team, das die strategische Reichweite und Innovation aufzeigen und durch ein Regelwerk langfristig umsetzen kann. Eine Voraussetzung dafür sind Collaboration-Modelle innerhalb der Industrie und branchenübergreifend. Bimodale Ansätze bringen eine Implementierung der Transformation in zwei Geschwindigkeiten hervor. Dabei lagern Unternehmen einen Teil der Transformation beispielsweise in Inkubatoren-Hubs aus und testen neue Geschäftsmodelle in einer separaten Unternehmenseinheit oder an einem neuen Standort. So können sie Risiken verringern, praxisorientierte Verfahren entwickeln und neue Methoden anschließend in das Unternehmen zurückführen. Technik muss diese praxisorientierten Verfahren unterstützen, und die Investitionen müssen durch eine Wertschöpfungsdiskussion bestätigt werden. Diese Diskussionen werden auch beim Gartner CIO & IT Executive Summit 2016 in München am 6. und 7. Juni geführt. (pg)