Integral statt fragmentiert

Digitalisierung ist kein reines IT-Thema

Maximilian Hille ist Analyst des IT-Research- und Beratungsunternehmens Crisp Research. Seine inhaltlichen Schwerpunkte sind Cloud Computing, Social Collaboration und Mobile Innovations.
In diesem Beitrag der dreiteiligen Serie zu Umsetzungsstrategien und Initiativen der Digitalisierung deutscher Mittelstandsunternehmen werden die Grundlagen und strategischen Überlegungen aus Sicht von IT-Entscheidern eingeordnet und analysiert. Den Ergebnissen liegt eine nicht-repräsentative Befragung von 70 bis 120 IT-Entscheidern im Rahmen einer Eventserie zugrunde.

Die Digitale Transformation ist ein omnipräsentes Thema. Spätestens im Jahr 2015 kommt kein Unternehmen mehr daran vorbei. Die Auswirkungen reichen von spezifischen operativen Prozessen bis zu den Unternehmensstrategien. Mehrfach wurde in den Diskussionen um das Thema konstatiert, dass Unternehmen unterschiedlich schnell konkrete Umsetzungsszenarien entwickeln. Gleichzeitig mit der Strategiebildung der Unternehmen drängen auch neue Innovationen und Lösungen durch die Anbieterseite in den Vordergrund.

Digitalisierung: Der deutsche Mittelstand vergisst die Kunden

Mit der digitalen Transformation bricht ein neues Zeitalter des Unternehmensalltags an. Im Zuge der Digitalisierung werden viele Geschäftsprozesse und -modelle neu definiert oder sogar neu geschaffen. Die Grenzen zwischen IT und Business verschmelzen immer mehr.

Nichtsdestotrotz sehen die meisten Entscheider in der Digitalisierung immer noch vornehmlich ein IT-Paradigma. So tendieren 47 Prozent der während der Eventserie befragten IT-Entscheider deutscher Mittelstandsunternehmen dazu, dass die Digitalisierung maßgeblich ein reines IT-Paradigma sei.

Knapp ein Drittel dieser Entscheider (32 Prozent) sieht durch die stärkere Integration von IT-Systemen in den Arbeitsalltag verstärkt ein Organisationsparadigma und damit die Infragestellung der bisherigen Arbeitswelt (sh. Abbildung 1). Im Rahmen dieses Organisations-Paradigmas sehen die befragten IT-Entscheider eher eine mobile und flexible Arbeitswelt, die nicht mehr nur IT-gestützt, sondern maßgeblich von IT-Lösungen im Back- und Frontend begleitet wird.

Abb. 1: 31,9 Prozent sehen mit der Digitalisierung eine neue Arbeitswelt auf sich zukommen.
Abb. 1: 31,9 Prozent sehen mit der Digitalisierung eine neue Arbeitswelt auf sich zukommen.
Foto: CEMA/Crisp Research AG

Die Veränderung der Geschäftsprozesse und -modelle und damit ein Business-Paradigma sieht knapp jeder fünfte mittelständische IT-Entscheider, der im Rahmen der Eventserie befragt wurde (18 Prozent). Nur drei Prozent dieser Befragten stellen die Kunden in den Vordergrund und sehen in der digitalen Transformation ein Customer Experience-Paradigma.

Die gleiche Frage wurde im Rahmen einer repräsentativen Studie zum Thema Digitale Transformation Anfang des Jahres 2015 an Business- und IT-Entscheider aus Unternehmen mit mindestens 500 Mitarbeitern gestellt. Dort wurden im Vergleich zu dieser Auswertung deutlich häufiger die Antworten Business Paradigma (29 Prozent) und Customer Experience Paradigma (11 Prozent) gegeben. Damit zeigt sich deutlich, dass insbesondere die im Rahmen der Eventserie befragten IT-Entscheider ein zu technisches Verständnis von der Digitalen Transformation besitzen.

Doch gerade im Mittelstand sind Business- und Kunden-Orientierung der Digitalisierung in besonderem Maße erfolgskritisch. So verfügen viele der mittelständischen Unternehmen zwar über ein stabiles Geschäft und kontinuierliches Wachstum. Dennoch stehen insbesondere die mittelständischen Unternehmen immer stärker unter massivem Wettbewerbsdruck. Nicht nur internationaler Wettbewerb, sondern auch große inländische Konzerne drängen die Mittelständler oft aus ihren Wettbewerbspositionen und damit aus ihren Wachstumsambitionen.

Auch Startups und Kleinunternehmen, die oft deutlich agiler und innovativer auftreten, üben einen starken Druck aus. Die Weiterentwicklungen der Kundeninteraktion und Geschäftsprozesse sind für den Mittelstand folglich unternehmenskritisch. Die IT nimmt im Rahmen der Digitalen Transformation eine Enabler-Rolle ein. Sie ist dafür verantwortlich, dass die eigentlichen Mehrwerte wie neue digitale und mobile Kundenkanäle möglich gemacht werden. Nur mit dieser Einsicht können die Mittelständler ihre Kunden im digitalen Zeitalter binden.

Nur ein Viertel verfügt über eine wettbewerbsfähige IT

Um diese Chancen der Digitalisierung auch nutzen zu können, müssen die Unternehmen zunächst ihre bestehende Infrastruktur auf Vordermann bringen. Die IT-Abteilungen müssen sich idealerweise eine Digital Infrastructure Fabric schaffen, die für die neuen Workloads wie Mobility, Internet der Dinge oder Industrie 4.0 geeignet ist. Denn nur mithilfe einer geeigneten Systemlandschaft, die skalierbar, dynamisch und flexibel ist, ist es überhaupt möglich, derartig weitreichende Veränderungen im Arbeitsalltag, Kundenkontakt, der Organisation oder der Geschäftsmodelle vorzunehmen.

Hier sind IT und Top-Management maßgeblich gefragt. Denn einerseits geht es hier um die Bereitstellung eines ausreichenden Budgets und andererseits um die konkrete Umsetzung, Migration und Integration neuer Infrastrukturkomponenten und IT-Lösungen.

Offensichtlich ist es aber noch immer so, dass diese Schritte bislang nicht hinreichend ausgeführt werden.

Denn nur 26 Prozent und damit gut jeder vierte IT-Entscheider, der im Rahmen der Eventserie befragt wurde, sieht sein Unternehmen in der Lage, mit der bestehenden IT-Infrastruktur die bevorstehenden Herausforderungen der Digitalisierung auch bewältigen zu können. Im Umkehrschluss sind also drei von vier dieser mittelständischen Unternehmen noch immer nicht in der Lage eine Next-Generation-Infrastruktur bereitzustellen (sh. Abbildung 2).

Abbildung 2: Nur ein Viertel der Befragten ist sich sicher, mit der vorhandenen IT-Infrastruktur das Thema Digitalisierung umsetzen zu können.
Abbildung 2: Nur ein Viertel der Befragten ist sich sicher, mit der vorhandenen IT-Infrastruktur das Thema Digitalisierung umsetzen zu können.
Foto: Crisp Research AG

Immerhin scheint es allerdings so, als würden erste Initiativen bereits gestartet sein. Denn weit mehr als die Hälfte der IT-Entscheider, die an der Eventserie teilnahmen, gaben an, dass die bestehende IT-Landschaft wenigstens teilweise die Anforderungen einer Next-Generation-IT abdecken kann. Damit gilt hier, dass entweder zusätzliche Budgets fehlen oder die Maßnahmen noch nicht abgeschlossen sind. Diese Tatsache bringt IT und Top-Management durchaus in eine Drucksituation. Denn das schnelle Handeln ist im digitalen Zeitalter ein wesentlicher Erfolgsfaktor.

Dies gilt noch verstärkt für diejenigen Unternehmen, die bislang nur geringfügig beziehungsweise gar nicht in eine Next-Generation-Infrastruktur investiert haben. Denn 15 Prozent, der im Rahmen des Events befragten Entscheider, sehen die bestehende IT-Infrastruktur "eher nicht" und weitere sieben Prozent sehen sie "auf keinen Fall" für die noch kommenden Herausforderungen gerüstet.

Im Vergleich mit der repräsentativen Studie zur Digitalen Transformation zeigen sich die im Rahmen der Eventserie befragten mittelständischen IT-Entscheider deutlich kritischer. Denn die repräsentative Stichprobe ergab seinerzeit, dass bereits 50 Prozent der IT- und Business-Entscheider die eigene IT-Infrastruktur voll und ganz für die Digitalisierung gerüstet sahen. Offensichtlich haben die auf den Events befragten IT-Entscheidern im Vergleich zur anderen Stichprobe insgesamt den deutlich direkteren Zugang zu den Systemen und somit das genaue Wissen, dass die bisherige IT-Ausstattung für das nächste Level der Anforderungen nicht ausreicht. Der stärkere Austausch zwischen Business und IT, der im Rahmen der Digitalisierung gewünscht wird, ist offenbar noch nicht erreicht.

Auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt

Für die Unternehmen wird es Zeit eine Digitalisierungsstrategie zu entwickeln und konsequent umzusetzen. Diejenigen, die bereits erste Initiativen gestartet haben, sollten sich nun schnellstmöglich auf die nächste Ebene begeben, und sich mit der Umstrukturierung der internen und externen Prozesse beschäftigen.

Insbesondere diejenigen Unternehmen, die noch ganz am Anfang der Digitalisierungsaktivitäten stehen, müssen jetzt handeln. Denn der Vorsprung, den sich die Konkurrenten aus den Reihen der Großunternehmen und Startups, aber auch teilweise aus dem Mittelstand, bereits aufgebaut haben, wird weiter wachsen. Es wird der Tag kommen, an dem die Nachzügler und Digitalisierungs-Verweigerer diesen nicht mehr kompensieren können. Die Folgen für die betreffenden Unternehmen sind möglicherweise weitreichend. Der Fortbestand der meisten Unternehmen wird wenigstens teilweise über den Erfolg der Digitalen Transformation determiniert.

Die genutzten Daten wurden auf der Veranstaltungsreihe IT.forum des Systemhauses CEMA erhoben. Maßgeblich wurden CIOs und Systemadministratoren von mittelständischen Unternehmen mit mindestens 200 Mitarbeitern befragt.

Lesen Sie im nächsten Teil welche Initiativen die Unternehmen bei der Virtualisierung der IT-Infrastruktur ergreifen und wie sich diese Maßnahmen auf die Digitalisierungsbestrebungen der Unternehmen auswirken können. (bw)