Telematiksysteme

Digitaler Lebensstil auf der Straße

Tobias Wendehost beschäftigt sich als Volontär aktuell mit verschiedenen Hardwarethemen und stellt täglich ein Gadget des Tages vor. Ansonsten arbeitet er sich thematisch durch die Ressorts Job und Karriere, Software, Netzwerke und Mobile sowie IT-Strategie. Wer möchte, kann Tobias bei Twitter (@tubezweinull) folgen oder bei Xing eine Nachricht schreiben.
Mit Telematiksystemen wird aus dem Auto ein rollendes Multimedia-Center. Derzeit steht die Anbindung von sozialen Medien und Google-Diensten auf der Agenda der Hersteller. Office-Anwendungen sind dagegen noch Mangelware.
Nicht per Mausklick, sondern meist per Drehrad navigiert der Benutzer im Auto durch das Internet.
Nicht per Mausklick, sondern meist per Drehrad navigiert der Benutzer im Auto durch das Internet.
Foto: Audi

Bereits auf der CeBIT im März deutete sich an, dass die Automobilhersteller auf mehr IT in ihren neuen Modellen setzen. Während der Messe präsentierte zum Beispiel Audi seinen neuen A3 mit dem Telematiksystem "Connect". Von außen betrachtet zunächst unscheinbar, versteckt sich die Innovation im Inneren. Auf Knopfdruck fährt ein Display aus dem Armaturenbrett, auf dem der Fahrer nicht nur ein herkömmliches Navigationssystem steuern kann, sondern auch verschiedene Multimedia-Dienste an die Hand bekommt. Aber nicht nur Audi treibt die Entwicklung voran. BMW hat mit "ConnectedDrive" eine ähnliche Technik bereits seit Jahren im Portfolio. Gleichzeitig bietet Mercedes-Benz seit kurzem mit "Comand Online" Services an, die in die gleiche Richtung deuten.

Die Stoßrichtung dieser Initiativen ist klar: Die Autos sollen dauerhaft mit dem Internet verbunden werden sowie untereinander ("Car-to-Car") und mit ihrer Umgebung ("Car-to-Infrastructure") kommunizieren können. Der Digital Lifestyle, wie ihn die Nutzer von Mobilgeräten kennen, wird mit Telematiksystemen in die Fahrzeuge übertragen. Allerdings sind die Systeme in ihrem Funktionsumfang noch limitiert. Office-Anwendungen finden sich nur spärlich. Dafür halten etwa soziale Medien und News-Funktionen Einzug in den Autos.

Im Video erklärt Jürgen Hill, was im vernetzten Auto machbar ist.

Das Auto als Hotspot

Facebook everywhere - auch im Auto ist das soziale Netzwerk per App dabei.
Facebook everywhere - auch im Auto ist das soziale Netzwerk per App dabei.
Foto: BMW

Audi hat mit Connect ein System auf den Markt gebracht, das eine handelsübliche Handy-SIM-Karte verwendet. Die Anlage ist für nahezu alle Modelle vom A1 bis zum Q7 erhältlich. Allerdings müssen sich Kunden vor dem Kauf bewusst darüber sein, dass sie zwei Sonderausstattungen für den Internet-Zugang benötigen. Dazu gehören "MMI Navigation plus" mit Touchpad-Eingabe für 3500 Euro und das Autotelefon "Bluetooth online", das noch einmal 890 Euro kostet. Der Kunde erhält damit als Alternative zum Mobiltelefon ein UMTS-Modul. Möchte man das System ohne Smartphone-Anbindung nutzen, empfiehlt sich eine Dual-SIM-Karte, wie sie verschiedene Mobilfunkbetreiber anbieten. Neben der Verwendung des Moduls ist die Kopplung mit einem Smartphone per Bluetooth via "SIM Access Profile" gewährleistet. Für Fans von Apple-Geräten und einigen Android-Mobiltelefonen besteht der Nachtteil, das derzeit nicht alle Devices diesen Übertragungsmodus unterstützen.

Wie bei BMW und Mercedes-Benz bietet Connect die Möglichkeit, das Auto als WLAN-Hotspot zu verwenden. Audi zufolge funktioniert die Konfiguration einfach: Das System findet automatisch den MobilfunkProvider. Einzustellen ist lediglich, ob die Datenverbindung automatisch oder auf Nachfrage erfolgen soll. Je nach Mobilfunknetz und verfügbarer Datenrate ergeben sich hierbei Unterschiede bei der Datenübertragung. Nutzen mehrere Personen das WLAN, verringert sich der Datendurchsatz.

Neben der WLAN-Konnektivität umfasst das Angebot momentan sechs Funktionen. So verspricht Audi mit "Music Stream" den weltweiten Empfang von Internet-Radiosendern - ein Beispiel für den hohen Stellenwert der weltweiten Vernetzung in der Konzernstrategie von Audi. Musiksender lassen sich ansonsten nach Musikrichtung oder Freitextsuche auswählen. Zusätzlich ist das Abspielen der auf dem Smartphone gespeicherten MP3s über Connect möglich.

Atos baut "Smart Mobility"

Der IT-Dienstleister Atos hat das Thema "Connected Vehicle" zu einem strategischen Wachstumsfeld erklärt und arbeitet mit zahlreichen OEMs zusammen (unter anderem BMW, Daimler, Renault, Volks wagen). Kern dieser Ausrichtung sind Mobilitätslösungen für den gesamten Automarkt ("Smart Mobility") und Software für Telematiksysteme. Das Unternehmen entwickelt hierbei beispielsweise das Frontend, App Stores sowie Content-Management- und Infotainment-Systeme.

Die angebotenen Lösungen sollen laut Atos Multi-Plattform- und Multi-Prozessor-kompatibel sein. Der Dienstleister bleibt mit seinem Service allerdings im Hintergrund ("white labeling").

Staus umgehen per Crowdsourcing

Wer Staus umgehen möchte, kann auf Verkehrsdaten zugreifen und Informationen über Stauentstehung sowie einzelne Straßenabschnitte abrufen. Audi-Partner Inrix, ein Anbieter für Live-Staumeldungen, liefert hierfür die Informationen. Die App "Inrix XD Traffic" sammelt im Gegensatz zu herkömmlichen Systemen die Staudaten per Crowdsourcing über Mobiltelefone. Während der Fahrt sendet das Handy oder UMTS-Modul anonymisierte Ortsdaten an ein zentrales System. Die gesammelten Informationen bleiben aktuell, und der Nutzer wird in Echtzeit mit neuen Verkehrsdaten versorgt.

Audi bietet mit seinem Telematiksystem grundsätzlich zwei Navigationsarten an. Zum einen existiert mit "myAudi" ein personalisierter Service für registrierte Kunden. Auf diese Weise kann man die Reise bereits auf dem heimischen Rechner planen und über das Autotelefon an das MMI-Navigationssystem schicken. Daneben kann der Fahrer die Route mit Hilfe von Google Maps errechnen. Da Audi die Nutzung der Internet-basierten Anwendungen während der Fahrt erlaubt, ist etwa die Google-Suche im Browser auch unterwegs möglich.

Die Anlage lässt sich neben der Sprachsteuerung über ein berührungssensitives Eingabefeld bedienen ("MMI touch"), welches das Handling eines Smartphones imitiert. So kann der Fahrer etwa Buchstaben für Notizen oder Telefonnummern per Finger auf das Eingabefeld malen.

Navigation in 3D

Ein Schmankerl ist die Navigation mit Google-Earth-Bildern sowie Street View. Die Bilder werden bei dieser Variante als dreidimensionale Stadt- und Landschaftsansicht dargestellt. Wer während der Fahrt ein Museum oder Restaurant sucht, kann einen Point of Interest via Sprachbedienung ausfindig machen ("City Events"). Ein weiterer Dienst zeigt Wetterprognosen an, die mit der Suche nach alternativen Reisezielen kombinierbar sind. Regnet es auf der Fahrt zu einem Ort, helfen Wikipedia-Einträge, ein alternatives Ziel zu suchen. Schließlich bietet das System eine Nachrichtenfunktion, bei der eine Überschrift mit kurzem Teaser-Text wie in einem Nachrichtenticker angezeigt wird. Der Inhalt stammt von verschiedenen Nachrichtenportalen, die der Fahrer länderspezifisch eingrenzen kann. Für Social-Media-Freunde bietet etwa der A3 die Community-Dienste Facebook und Twitter an. Vorgefertigte Textbausteine für Facebook lassen sich in der Anwendung mit aktuellen Ortsdaten kombinieren. Der Fahrer kann seinen Freunden mitteilen, wo er sich aufhält. Wird die Funktion von einem Bekannten verwendet, navigiert Connect den Nutzer zur aktuellen Position des Bekannten.