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Eigene Position stärken

Digitale Transformation als Chance für die IT

Bert Schulze leitete das Co-Innovations Programm für SAP S/4HANA. Zuvor war er Mitglied des globalen SAP Kunden- und Marktstrategie-Teams der SAP Cloud Business Unit. Bert Schulze hat umfangreiche Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Kunden in verschiedenen Rollen als Lösungsarchitekt, im Business Development und der Leitung Internationaler Vertriebsorganisationen. Dies ermöglicht ihm, Markt- und Kundenanforderungen zielgerichtet zu analysieren. Er ist regelmäßig Sprecher auf nationalen und internationalen Konferenzen zu IT- und Business-Strategie. Seine Kernkompetenzen sind Cloud Lösungen, IT-Strategien und Simplifizierung von Enterprise Prozessen, Platformen, Social Media und hybride Konzeptionen. Bert Schulze ist diplomierter Maschinenbauingenieur (Dipl.-Ing.) und Wirtschaftsingenieur (Dipl.-Wirt.-Ing.).
Die IT-Abteilung war schon immer vielen Veränderungen unterworfen und mit der äußeren Dynamik schwankt auch der direkte Einfluss auf das Unternehmen. In Zeiten von großen Veränderungen hat die IT eine historische Chance, strategisch wieder wichtig zu werden.

Aktuell befindet sich die IT in einer Art Balanceakt zwischen der traditionellen Rolle/Aufgabe und der Rolle des Innovators. Die Frage ist, wie die moderne IT-Organisation aus diesem Balanceakt einen größeren Einfluss entwickeln kann?

Marktveränderungen beeinflussen die Erfolgschancen eines Unternehmens. Beispiel: Lange Zeit reichten ein knackiger Slogan, eine gute TV Werbekampagne und etwas Unterstützung von Plakaten aus, um den Erfolg eines neuen Produktes oder einer Marke zu garantieren. Heute aber finden wir uns in einer Welt wieder, die eher der vor Einführung der Massenmedien ähnelt. Denn Mundpropaganda ist die neue Antriebskraft des Marketings. Daraus folgt, dass jeder Kunde individuell angesprochen werden möchte und Marketing plus Produkte möglichst auf ihn zugeschnitten sein sollten. So wie früher… nur mit dem Unterschied, dass alles eine deutlich größere Dimension hat.

Customer-Relationship-Management ähnelt nicht mehr dem, was man vor zehn Jahren darunter verstanden hat. Zuvor hat man angenommen, dass ein Unternehmen seine Kundenbeziehungen direkt in der Hand hat. Effizienzsteigerung wurde in besseren Segmentierungskriterien gesucht.

Kunden hören nicht mehr nur brav zu

Heute aber sind Kunden selbstständiger. Sie hören nicht mehr brav dem Unternehmen zu. Stattdessen wird über das Unternehmen und dessen Produkte geredet - in Form von zahlreichen Blogs, Foren und Netzwerken, die sich alle um Reviews und "hands-on" drehen. Die Richtung der Kommunikation hat sich in kürzester Zeit um 180 Grad gewendet. Amazons "Fünf Sterne System" ist nur die Spitze des Eisberges.

Für den Kunden bedeutet dies, sich ausgiebig außerhalb der Unternehmenskanäle informieren zu können. Trotzdem wird aber eine ausnahmslose Erreichbarkeit von Seiten des Unternehmens her erwartet. Für das Unternehmen sieht das so aus: Sie verlieren mehr und mehr die Kontrolle über Art und Weg der Kommunikation. Man kann davor Angst haben, oder aber man adaptiert Technologien und implementiert einen guten Service auch kulturell im Unternehmen. Denn man kann die Technologien, die das Ganze erst ermöglichen, zu seinem eigenen Vorteil nutzen.

Hotline, Emailkontakt plus Livechat anzubieten bedeutet aber nicht, dass es jetzt von alleine ginge. Die neue Herausforderung hier ist es, über den ganzen Lebenszyklus hinweg mit dem Kunden zu kommunizieren und sich auf allen Plattformen mit seinem Bedarf auseinanderzusetzen. Auch wenn es manchmal schwer sein kann, auf dem Laufenden zu bleiben….

Neue Technologien kurbeln das Wachstum an

Der Knackpunkt ist es, technologische Veränderungen zu antizipieren und möglichst schnell und sinnvoll zu adaptieren, um Vorteile gegenüber dem Wettbewerber zu erreichen.

Wer im Unternehmen ist für diese Aufgabe wohl am besten geeignet? Hier kommt die neue Rolle der IT ins Spiel. Sie kann Technologie eruieren, um sie anschließend für das ganze Unternehmen einzusetzen.

Die Auswirkungen von disruptiven Technologien sind anfangs noch sehr gering und sie bringen erst nur neue technische Lösungen. Gegebenenfalls erleichtern sie Aufgaben der IT, haben aber keinen Einfluss auf den gesamten Geschäftsverlauf. Der nächste Schritt ist es, diese neuen Technologien zur Verbesserung oder zum Ersetzen bestehender Prozesse zu nutzen. Außerhalb der konventionellen Wege zu denken, hilft, neue Wege und Lösungen zu finden. In der Regel bewegt sich die IT aber hier immer noch im Bereich der Kosten und noch nicht in den wertschöpfenden Prozessen.

Um die unternehmerische Wertschöpfung zu beeinflussen, müssen disruptive Technologien nicht nur einzelne Prozesse, sondern ganze Produkte in ihrer Gestaltung beeinflussen. Erst damit bewege ich mich von der sogenannten "Bottom Line" eines Unternehmens, den Kosten, zur "TOP Line", der Umsatzsteigerung und der Erschließung neuer Märkte.

Von einer weitreichenden digitalen Transformation sprechen wir, wenn sie die Erschließung neuer Märkte oder eine deutliche Verbesserung der Marktposition ermöglicht. Im besten Fall beeinflussen Veränderungen alle Ebenen des Unternehmens und werden unmittelbar adaptiert und können skalieren.

Wenn die IT-Organisation es schafft, sich mit wesentlichen Elementen und unter Zuhilfenahme disruptiver Technologien auf der wertschöpfenden Seite des Unternehmens zu positionieren, dann ist ihnen das Gehör des CEO und eine Teilnehme im Board sicher.

Von Disruptive Technology hin zu neuen Geschäftsmodellen

Ein Bespiel ist SAPs" In-Memory" Datenbank SAP HANA. Im Fokus stand primär die Geschwindigkeit. Wenn man es rein aus dieser Perspektive betrachtet, mag es wirklich nur wie eine schlichte Beschleunigung existierender Prozesse aussehen. Das beeinflusst bestenfalls die Kostenstruktur eines Unternehmens, ist aber nicht wertschöpfend.

Wenn man es aber schafft, über den Tellerrand hinauszublicken und die Möglichkeiten zu verstehen, die in einer solchen Technologie stecken, kann man beginnen, Geschäftsprozesse und Modelle fundamental neu zu entwickeln. Und damit eine echte Wertschöpfung zu erreichen und die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens zu verbessern. Die Weiterentwicklung von SAP HANA als Datenbankservice hin zu SAP S/HANA als eine auf In-Memory basierende Anwendung war also ein logischer und notwendiger Schritt, der IT Organisationen helfen kann, von der Kosten- auf die Wertschöpfungsseite zu kommen.

Wie? Am besten mit einem "Hacker"

Über den Tellerrand zu schauen ist leichter gesagt als getan. Es ist vor allem nötig, seine eigene Position in Relation zu allem anderen zu verstehen. So ist es möglich, Veränderungen aus dem inneren und äußeren Umfeld aus neuen Perspektiven zu betrachten, um anschließend neue Wege zu schaffen.

Aber wie genau schafft man das? Wie können wir uns in die Lage versetzen, Dinge anders als sonst zu tun? Im Kern ist es eine Frage der Gewohnheit, für die es eine ganz einfache, und natürlich sehr provokative Antwort gibt: Hol dir einen Hacker ins Team… oder frage ein Kind um Rat.

Beide haben einen Blick, der frei von jeglichen Konventionen und Barrieren ist. Dort, wo andere nichts Besonderes sehen, nicht weiter kommen und schon lange aufgegeben haben, schaffen sie es, neue, unkonventionelle Ansichten und Lösungen zu entwickeln.

Wer es weniger speziell mag, kann natürlich auch Methoden wie "Design Thinking" nutzen. "Design Thinking" ist nicht nur ein Tool sondern eine Mentalität, die es ermöglicht, neue Wege zu Problemlösungen zu finden.

Man benötigt ein interdisziplinäres Team, das wirklich in der Lage ist, die unternehmerischen Differenzierungsmerkmale basierend auf den neu zur Verfügung stehenden Technologien zu hinterfragen und herauszufordern.

Um die Möglichkeiten der Disruptiven Technologien für sich zu nutzen, müssen IT Organisationen sich darauf einstellen, diese konstant zu analysieren und mit den Unternehmenszielen zu vernetzen. Jede neue Technologie muss analysiert und die Möglichkeiten verstanden werden, um sie dann an vorderster Front einzusetzen und eine wertschöpfende Wirkung zu entfalten. Wenn die IT bereit ist, hier angestammte und sichere Häfen zu verlassen und den Umbau der Unternehmen im Sinne der digitalen Transformation aktiv mitzugestalten, dann haben sie wieder das Gehör des Vorstands.