Spaß an IT

Digital Worker haben Lust auf Veränderung

Jan-Bernd Meyer betreut als leitender Redakteur Sonderpublikationen und -projekte der COMPUTERWOCHE. Auch für die im Auftrag der Deutschen Messe AG publizierten "CeBIT News" ist Meyer zuständig. Inhaltlich betreut er darüber hinaus Hardware- und Green-IT- bzw. Nachhaltigkeitsthemen sowie alles was mit politischen Hintergründen in der ITK-Szene zu tun hat.   
Acht von zehn Arbeitnehmern glauben, dass sich ihr Arbeitsplatz aufgrund von Technologien und Prozessen verändern wird. Angst haben die wenigsten.

Interessant daran ist, dass es die erwarteten Technikneuerungen zum großen Teil noch gar nicht gibt. Der Druckerhersteller Ricoh hatte bei den Marktforschern von Coleman Parkes Research eine Studie namens "The Tech Evolved Workplace" in Auftrag gegeben. Die Befragten sollten abschätzen, welche Innovationen bis 2036 an ihren Arbeitsplätzen zu erwarten seien. Konsens gab es dabei zunächst in der zentralen Einsicht, dass die kommenden Werkzeuge und Verfahrensweisen die Arbeitsplätze massiv verändern werden.

Im Juni 2014 wurden 2200 Beschäftigte aus verschiedenen Führungsebenen befragt - von der Geschäftsleitung bis hinunter zum Assistenten. Die Umfrage richtete sich an Unternehmen aus acht vertikalen Branchen und 14 Ländern, darunter auch Deutschland.

Acht von zehn Arbeitnehmern glauben, dass sich ihr Arbeitsplatz aufgrund von Technologien und Prozessen verändern wird.
Acht von zehn Arbeitnehmern glauben, dass sich ihr Arbeitsplatz aufgrund von Technologien und Prozessen verändern wird.
Foto: vege, Fotolia.com

Keine Berührungsängste

In den Belegschaften gebe es offensichtlich eine bemerkenswert "große Bereitschaft, relativ kurzfristig neue Technologien zu verwenden", schreiben die Autoren der Studie. Man verspreche sich davon, die Art und Weise wie Mitarbeiter untereinander und mit externen Ansprechpartnern interagieren, weiter zu verbessern.

Die Beschäftigten aus Bereichen wie dem Finanzdienstleistungssektor, dem Gesundheits- und Bildungswesen, dem Einzelhandel, der produzierenden Industrie und dem öffentlichen Sektor zeigen zudem erstaunlichen Weitblick hinsichtlich der Innovationen, die in den nächsten zehn bis 22 Jahren zu erwarten seien.

Keine Überraschung ist wohl, dass 69 Prozent der Befragten eine starke Zunahme berührungsgesteuerter interaktiver Geräte vorhersagen. Dass aber 60 Prozent meinen, die schon so oft prognostizierte Spracherkennung werde sich auf breiter Front durchsetzen (60 Prozent), und dass 56 Prozent gar an einen Durchbruch für Augmented-Reality-Brillen glauben, war in dieser Deutlichkeit nicht zu erwarten.

Die Phantasien gehen aber noch weiter: 59 Prozent der Studienteilnehmer glauben, dass sie innerhalb der nächsten 20 Jahre virtuelle Assistenten bekommen, die sie stellvertretend in offenbar wenig geliebte Konferenzen entsenden können. In diesem Zusammenhang ruhen auch Hoffnungen auf Hologramm-Technologien. Reif seien dann auch Drohnen. Und in den Ohren steckten kleine Geräte, die via Bluetooth Daten von Gehirn zu Gehirn übertragen könnten. Wer sie ins Ohr stecke, soll dann Audio- und Videodaten direkter übermitten können, als es je zuvor durch elektronische Signale möglich war.

So weit, so gut - aber ...

Allerdings glaubt nicht einmal ein Drittel der befragten Arbeitnehmer (29 Prozent), dass ihr Unternehmen ein starkes Interesse habe, sich auf neue Arbeitsweisen und die dafür nötigen Technologien einzulassen. Sollten diese Angaben zutreffen, würden Konzerne nicht nur Chancen der Mitarbeitermotivation, sondern wohl auch Optionen auf Produktivitätssteigerungen und Wettbewerbsvorteile ungenutzt lassen. Sie würden zudem vermutlich wertvolle Mitarbeiter an Konkurrenten verlieren und damit den Unternehmenserfolg riskieren, schreiben die Studienautoren.

Ins gleiche Horn bläst die Unternehmensberatung Gartner. Sie veranstaltete eine Diskussionsrunde zum Thema "Die Zukunft des Digitalen Arbeitsplatzes". Ihr Credo: IT-Verantwortliche hätten eine große Chance, ihr Unternehmen voranzubringen, indem sie flexible Arbeitsumgebungen schafften, die den Anforderungen der Business Consumer entgegenkämen. So bezeichnet Gartner Mitarbeiter, die zwischen Geschäfts- und Privatsphäre nicht mehr streng trennen, die also ihren Lebensstil durchgängig pflegen möchten - auch am Arbeitsplatz.

Mit der Internet-Ära hätten Benutzer einen größeren Einfluss auf die IT-Strategien ihrer Unternehmen bekommen, sagt Matthew Cain, Research Vice President bei Gartner. Sie setzten es durch, am Arbeitsplatz mit den gleichen Werkzeugen zu arbeiten, die sie auch als Privatkonsumenten zu Hause nutzen.

Aus dieser nicht mehr ganz neuen These entwickelt Gartner Anforderungen an Unternehmen. Danach werden sich mittelfristig solche Firmen im Wettbewerb behaupten, denen es gelingt, ihrer vom Digitalisierungstrend beeinflussten Belegschaft eine Heimat zu bieten. Dabei gehe es freilich nicht nur darum, die Mitarbeiter zu bespaßen.

Vielmehr müssten die Beschäftigten in die Lage versetzt werden, neue Arbeitsmethoden wie etwa Crowdsourcing, Jobsharing, Social Networking, Swarming oder Microworks schnell und einfach für sich und das eigene Unternehmen zu nutzen. Für den Erfolg wichtig sei auch, dass Experten-Communities innerhalb und außerhalb der Firma entstünden.

Wie wichtig es ist, die Lücke zwischen der privaten und beruflichen IT-Erfahrung zu schließen, zeigt ein ganz aktuelles Beispiel: Die Stadt München überlegt derzeit offenbar, von der Linux- wieder auf die Microsoft-Plattform zu wechseln. Als eines der wichtigsten Probleme hat sich demnach herausgestellt, dass die Nutzer den heimischen und den Firmenarbeitsplatz vergleichen. Und da hinterlässt die privat genutzte IT offensichtlich einen wesentlich homogeneren Eindruck als die berufliche.