Digital: "Wir müssen keine Leichen im Keller verbergen"

27.03.1992

Mit den DEC-Managern Klaus Kemmler und Thlyge Weller sprachen die CW-Redakteure Helga Biesel und Dieter Eckbauer über Digital Equipment im Markt der offenen Systeme

Ein Klassiker kämpft um seine Renaissance

"Auf einem Beine steht man schlecht"; für dem Computerbauer Nummer zwei hatte dieser Spruch offenbar keine Geltung. Zu fest verwurzelt und in den Himmel wachsend schien den erfolgsverwöhnten Olsen-Mannen ihr VAX-Stammbaum samt seinen VAX-konformen Verästelungen.

Nun, nachdem sogar Digital-Marketiers sich laut zu sagen trauen, der Firmengründer habe die Bedeutung von Unix zu spät erkannt (siehe nebenstehendes Interview), stellt sich der einstige Mini-Marktführer gemächlich, aber wohl doch unter Aufbringung aller seiner Kräfte, auf ein zweites Standbein.

Hoffnungsträger par excellence ist der Alpha-Chip, von dem sich das Unternehmen Logenplatz und Spitzen-Performance zugleich beim Eintritt ins dritte Jahrtausend verspricht (siehe Seite 40 und CW Nr. 9 vom 28. Februar 1992, Seiten 1 und 9).

Soviel zur Produktseite des Hardware-Anbieters DEC. Systemintegration indes hat sich in den vergangenen Jahren der lohnenden Koexistenz mit IBM- und PC-Welt vom erfolgreichen Umsatzlückenbüßer zu Digitals Braintrust entwickelt - sagen DEC-Leute. Um Geheimwissen indes kann es sich hierbei ja wohl nicht handeln - im Gegenteil, Integrations-Know-how hat sich in (mindestens) vier Welten, nämlich in der IBM-, PC-, VAX- und Unix-Welt, direkt proportional zum Erfolg offener Systeme ausgebreitet. Und der Bedarf steigt Weiter. Allein dies, die installierte Basis und ein Vertrauensbonus, den die VAX-Anwender der Olsen-Crew noch einräumen (siehe Thema der Woche auf Seite 7), sichert dem proprietären Klassiker wesentliche Marktanteile. Voraussetzung: Der alte "Gigant" schlägt beim notgedrungen langsamen "Kurswechsel" die richtige Richtung ein (siehe Gastkommentar auf Seite 8).

Gleichzeitig aber ist Aufholjagd angesagt, was die Alpha-Chip-Entwicklung zu beweisen hatte. Das eine zu tun und das andere nicht zu lassen, dies muß DEC jetzt auch verläßlich "rüberbringen", und zwar in einen Markt, in dem Klassiker als solche nicht mehr viel gelten. Und da liegt vielleicht das größte Problem.

Führen alle Wege nach Rom?

Alle VAX-, MIPS- und Intel-Wege führen über den Alpha-Chip. Dies soll nebenstehendes Schaubild signalisieren. Der Beweis steht noch aus.

CW: DEC ist wegen sinkender Umsätze und Personalabbau in die Schlagzeilen gekommen. Wo sehen Sie die Ursachen dieser Entwicklung?

Weller: Das sind zur Zeit leider die branchenüblichen Schlagzeilen. Sich heute für die Zukunft einzurichten, das geht auch mit einem gewissen Personalabbau einher.

CW: Mit dieser Aussage verstecken Sie sich hinter einem allgemeinen Trend. Aber es gibt Ausnahmen. Beispielsweise meldet Hewlett-Packard aktuell - sogar zur Überraschung der Wallstreet-Analysten - bessere Ergebnisse, als man dem Unternehmen zugetraut hatte. Sun müssen wir wohl nicht erwähnen. Von daher wäre es Ihnen sicher angenehmer, sagen zu können, w i r bilden die Ausnahme.

Weller: Man muß differenzieren. Wir sind ein "Global Player", der in allen drei Segmenten, dem reinen Technologie-Segment, dem Segment der Komponenten und im Projektgeschäft tätig ist. Im Projektgeschäft läuft es hervorragend. Wir kriegen gar nicht genug geeignete Leute. Hier gibt es Wachstumsraten und Profitabilität. Aber wir haben, glaube ich, eine technologische Welle ausgelassen. Und das hat Auswirkungen. Wir wissen andererseits aber auch, daß wir bei der nächsten Welle sicher dabei sind. Mit dem Alpha-Chip werden wir Spitze sein.

CW: Was verstehen Sie unter Projektgeschäft?

Weller: Das System-Integrationsgeschäft bis hin zum kompletten Lösungsgeschäft.

CW: Von Ihrem Gesamtgeschäft ist das aber doch, obwohl sicherlich mit ganz netten Zuwachsraten, nur ein relativ bescheidener Anteil.

Kemmler: Die aktuellen Zahlen sagen, daß wir mit Produkten nicht einmal mehr 50 Prozent unseres Umsatzes machen. Um die 50 Prozent erreichen wir mit dem Servicegeschäft. Es gibt keinen Computerhersteller, der relativ zum Gesamtumsatz einen annähernd so hohen Serviceanteil hat.

CW: Aber man muß natürlich bestimmte Dinge wie Software, Wartung etc. aus alten Verträgen herausrechnen, um an Zahlen für das Integrations-Neugeschäft zu kommen, wenn wir diesen Begriff einmal verwenden wollen. Und diese Zahlen können eigentlich nicht so bedeutend sein.

Weller: Immerhin dürfte das um die 15 Prozent unseres Umsatzes ausmachen.

Kemmler: Ich will ein Beispiel für diese Art von Geschäften nennen. Es gibt keinen DEC-Kunden, der nur DEC-Rechner hat. Nicht einmal wir selber arbeiten nur mit unseren eigenen Rechnern. Wir haben Unix, wir haben Macintosh, wir haben MS-DOS-Systeme. Die heile Welt existiert auch innerhalb von Digital nicht mehr. Wir haben die Aufgabe, diese Systeme zu einem sinnvollen Ganzen unterhalb der Anwendung zusammenzubringen. Das ist beliebig kompliziert. Zwar reden alle von PC- und Systemintegration, aber was sich dahinter verbirgt, geht weit über eine reine Vernetzung hinaus. Für diese Art von Aufgabenbewältigung alleine braucht man ein umfassendes Know-how aus den einzelnen Bereichen. Dieser Bedarf wird tatsächlich ständig größer. Und wenn wir dann solche Dinge tun, dann kommt es oft vor, daß der Kunde sagt, jetzt habt Ihr das so schön gemacht, macht doch weiter.

CW: Das kann man als Systemhausgeschäft bezeichnen...

Weller: Das geht so weit, daß wir von der sekundären Dienstleistung auf der Basis der verkauften Produkte weitergehen zu einer - man könnte sagen - primären Dienstleistung, wo wir dem Kunden beispielsweise nur noch das Ergebnis einer Rechenoperation verkaufen. Unsere Kernkompetenz ist jedenfalls nicht nur das Verkaufen von Rechnern. Die Kernkompetenz ist, den Rechner zu entwickeln, zu betreiben und einzusetzen. Ob wir ihn verkaufen oder ob wir nur das Ergebnis des Rechners dem Kunden zur Verfügung stellen, ist weniger relevant.

CW: Zurück zum Ausgangspunkt. DEC kann mit den aktuellen Ergebnissen nicht zufrieden sein und muß deshalb Ursachenforschung betreiben. Sie haben dazu gesagt: Wir haben eine technologische Welle ausgelassen. Welche war das?

Kemmler: Ich würde sagen: Das Bewußtsein, daß VMS einfach besser ist als Unix, hätte manche Kunden, die vorzeitig auf Unix gesetzt haben, viel Geld und Arbeit ersparen können. Dieses Bewußtsein hat bei DEC wiederum die Erkenntnis dafür blockiert, was der Markt verlangt.

CW: Sie haben die Bedeutung von Unix zu spät erkannt?

Kemmler: Ja. Wir sind zu spät in diesen Markt der Unix-Workstations eingestiegen und haben zu lange voll auf VAX und VMS gesetzt. Ich glaube, daß das den Schaden hervorgerufen hat.

CW: Jetzt sagen Sie, aus heutiger Sicht kamen wir zu spät; zuvor haben Sie gesagt, die Kunden waren zu früh dran. Das scheint doch ein Widerspruch zu sein.

Kemmler: Die Kunden zahlen jetzt drauf. Sie suboptimieren die Anschaffungskosten. Die Folgekosten für den Aufbau kompletter Systeme werden nicht erfaßt. Im nachhinein heterogene Landschaften zu managen, erzeugt gewaltige Kosten. Unter dem Strich wird das oft teurer als die Anschaffung alleine. Aber solange die Beschaffungskosten im Vordergrund stehen und nicht die Kosten für den Lebenszyklus einer kompletten Installation, ist die Verlockung, preiswerte Workstations, Server und PCs zu kaufen, sehr groß. Solange ich einen Server habe und zehn PCs, ist das alles auch wunderbar...

CW: Also, Sie sagen zu den Kunden, der erste Schritt war wohl mißglückt, den zweiten Schritt macht Ihr besser mit uns.

Kemmler: Ja.

CW: Lehrgeld muß man aber immer zahlen.

Kemmler: Das tun wir ja zur Zeit.

CW: Wir meinten eigentlich die Anwender.

Kemmler: Bei denen nenne ich das Pionierleistung. Sehen Sie sich zum Beispiel das Downsizing bei American Express an, wo angeblich so fürchterlich viel Gelb bei der Anschaffung eingespart wurde. Ich glaube, daß diese Firmen im Wettbewerb langfristig einen Vorsprung haben werden, aber erst einmal kräftig draufzahlen.

CW: Wir können dieses "zu früh" und "zu spät" gleichzeitig nicht sehen.

Kemmler: Zu früh habe ich gesagt aus Sicht des Verbrauchers. Man kann sinnvollerweise auch warten, bis ein Produkt ausgereift ist, und nicht die ersten Prototypen mit dem vollen Risiko kaufen. Die Frage war ja, wo wir glauben, unsere Fehler gemacht zu haben. Und warum wir jetzt rote Zahlen schreiben. Die Fehler sind nicht erst im letzten Quartal passiert, sondern wurden vor zwei Jahren gemacht.

CW: Nun gibt es Anbieter, die frühzeitig auf das "richtige" Unix umgestiegen sind. Sie aber sind eine Zeitlang mehrgleisig gefahren. Das mag Ihre Kunden verunsichert haben.

Kemmler: Wir waren sicherlich nicht die einzigen, die den Markt verunsichert haben. Nicht nur, daß wir tonnenweise Standards haben, bei denen kein Mensch mehr durchschaut, was eigentlich für was gut ist - es gibt auch jeden Tag neue Gründungen von Unternehmen, von Anbieter-, und Verbraucher-Vereinigungen, jetzt speziell für den Datenbankbereich, dann für den Netzwerkbereich, dann wieder für den Anwendungsbereich etc. Das zeigt, daß wir uns am Anfang einer Entwicklung befinden, die noch lange nicht stabil ist.

CW: Nun hat DEC als Marktführer im Minicomputer-Markt in der Tat zuerst wenig, dann aber sehr viel mit Unix gemacht. Das steht außer Frage. Wie kommt es, daß gerade Ihnen das Etikett anhaftet, ein Unix-Wackelpeter zu sein und daß man Ihnen dieses Open Systems Commitment immer noch nicht abnimmt?

Kemmler: Das Image ist stark vom Firmengründer geprägt worden, der noch vor zwei Jahre Unix mit einem russischen Lastwagen verglichen hat. Wenn Sie unvoreingenommen an die Sache herangehen, dann spricht folgendes Beispiel für uns: Bei der EG in Brüssel wurde eine Firmenliste nach dem Grad der Offenheit erstellt; auf ihr ist nur ein einziger amerikanischer Hersteller zu finden. Das ist nicht NCR und nicht HP und nicht XYZ, das ist Digital. Das spricht gegen die These, daß wir hinterherhinken. Die Fachwelt hat das mittlerweile erkannt.

CW: Sie waren einer der Hersteller, die auf dem vermeintlichen Schwachpunkt technische Sicherheit von Unix herumgeritten sind. Auch das hat zur Verunsicherung beigetragen, selbst wenn Sie in der Sache vielleicht Recht hatten.

Kemmler: Ich meine, das war einmal. Denn es hätte ja keinen Sinn gemacht, wenn Digital den Stier bei den Hörnern gepackt und aus Ultrix das sicherste Unix der Welt gemacht hätte. Dann wäre es immer noch proprietär gewesen. Unix war ja proprietär. Erst durch die Entwicklung - im wesentlichen durch die Open Software Foundation - ist da ein bißchen Klarheit reingekommen.

CW: Die Anwender wollen aber wissen, woran sie bei DEC sind. Wie wollen Sie die bestehenden Vorbehalte ausräumen?

Kemmler: Fangen wir mal mit dem an, was wir schon tun. Zum Beispiel haben wir in die OSF eine ganze Menge Technologie eingebracht, die wir auch freigegeben haben, gerade im Bereich verteilte Systeme. Wir haben Open-VMS angekündigt. Wir fangen an, die Produkte die man dazu braucht, zu liefern. Ich glaube, wir haben, um das jetzt einmal übertrieben zu formulieren, so eine Art Musterknaben-Rolle. Aus dem Saulus ist ein Paulus geworden. Ich glaube aber auch, daß die Thematik "Offenheit" immer noch weit unterschätzt wird. Offenheit betrifft die Hardware-Architektur, das Betriebssystem, die Kommunikation, das Management, Case-Tools etc. - auch die Frage, wie ich offene Datenbanken entwickle. Nicht nur der Zugang zur Datenbank ist wichtig, auch das Verständnis der Datenbank, und natürlich ihrer Anwendung. Da stehen noch Tausende von Produzenten ganz am Anfang. Offene Systeme heißt im Grunde auf absehbare Zeit: ein HP-System, ein Digital-System, ein IBM-System, beispielsweise, und eine vierte Komplexität - nämlich ein offenes System. Das heißt, Sie haben immer eine Multivendor-Installation. Und dafür gibt es zur Zeit im Bereich der offenen Systeme kaum Produkte; der Rest ist Dienstleistung und Know-how. Daher hat man ja diesen großen Bedarf an Systemintegration.

CW: Sicher können Sie noch auf eine ganze Reihe von Defiziten, Schwachstellen und Mängeln hinweisen. Es ist heute auch kein Problem zu sagen, in Moskau sah es vor einem Jahr in den Bäckerei-Regalen noch besser aus. Da kriegen Sie sicherlich Applaus. Die Frage ist nur, ob das Beifall aus der richtigen Ecke ist.

Kemmler: Offenheit wird in der Öffentlichkeit sehr vereinfacht dargestellt. Es wird den Leuten etwas vorgegaukelt, was es so noch nicht gibt.

Weller: Wir sind genau an der Stelle der Veränderung, wo aus der proprietären eine offene Welt wird. Da müssen einfach Schmerzen entstehen.

Kemmler: Aber in diesem Prozeß, das war die Aussage, führen wir uns eher als Musterknaben auf.

CW: Aber ein wehmütiger Blick zurück auf die doch so schöne proprietäre Welt, das ist geblieben. So etwas klang aus ihrem Beitrag ein bißchen heraus.

Kemmler: Das habe ich befürchtet. Das sollte es eigentlich nicht. Wir können das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen. Ich behaupte, VMS oder Betriebssystem-Landschaften überhaupt werden in ein paar Jahren für Digital irrelevant sein. Aber die alten Applikationen müssen in der neuen Welt noch laufen. Und das schafft man zum Beispiel mit Posix-Schnittstellen etc.

CW: Wir haben diese gängigen Analogien wie Perestroika etc. nicht erfunden, sie tauchen oft im Zusammenhang mit den drei Buchstaben eines großen Herstellers auf. Die Lehre aus diesen Analogien ist schnell begriffen: Die Proprietären haben das mit der Offenheit alle verbal wunderbar drauf aber mit der Umsetzung hapert es. Auch die Analogie zu den neuen Bundesländern paßt ganz gut. Wenn Sie drei Monate nach der Wende mit irgendeinem ehemaligen Kombinatsdirektor zu tun hatten, dann hatte der längst die Begriffe Konzern, Konsolidierung und Joint-venture gelernt; wie es aber zu gehen hat, das wußte er nicht. Man muß jetzt auch Hersteller wie Digital damit konfrontieren, daß sie noch nicht nachvollziehen können, was Offenheit beim Anwender heißt, was der eigentlich will und was man ihm heute bieten muß, um als Anbieter erfolgreich zu sein.

Weller: Der größte Teil unserer Bemühungen zielt darauf, diese Welt zu öffnen und in dem Übergang von verschiedenen zu gemeinsamen Pfaden die Verbindungen herzustellen. Sie müssen die alten Pfade noch verbinden und gleichzeitig schon die neuen haben. Das ist ein schmerzlicher, mühsamer Prozeß. Aber genau dort laufen unsere ganzen Produkte hin, mitten in diesen Prozeß. Ich glaube die Fakten, sprechen dafür, daß wir es ernst meinen.

Kemmler: Um noch eins draufzusetzen: Es geht auf absehbare Zeit um Multivendor-Integration, Multisystem-Integration. Das ist Dienstleistung par excellence. Es gibt wahrscheinlich nur eine, zwei Handvoll Menschen oder Firmen auf der Welt, die das überhaupt beherrschen. Von den Herstellern gibt es da im wesentlichen einen Wettbewerber. Und dieser Wettbewerber, den Sie gerade auch schon angesprochen haben, der hat im Gegensatz zu uns ein Terrain zu verteidigen.

CW: Sie hatten im technisch-wissenschaftlichen Bereich schon eine vergleichbare Position mit der PDP, dann mit der VAX unter VMS, eine Kontinuität.

Kemmler: Aber dieser Markt existiert in diesem Sinne nicht mehr.

CW: Das ist dennoch eine Bastion.

Kemmler: Die binden wir problemlos in das offene Konzept ein. Wir müssen ja keine Leichen im Keller verbergen. Wir treten uns selbst nicht auf die Zehen, wenn wir in Richtung auf offene Systeme Multivendor-Integration anbieten, in keiner Weise. Eine Konfliktsituation VMS gegen Ultrix, die haben wir nicht.

CW: Wie sieht das von den Kunden her aus? Wie dezidiert fordern die Kunden dieses oder jenes oder eine Option für dieses oder jenes? Wie sieht das prozentual aus?

Weller: In vielen Fällen möchte man die Freiheit haben, zu wechseln, auch wenn man das nicht unbedingt aktuell vorhat, aber die Möglichkeit, die möchte man schon haben.

Kemmler: In unserem Zielmarkt gibt es nur relativ wenige Leute, die nicht schon Rechner von uns haben. Einen echten Neumarkt gibt es für uns nicht. Es sind meistens neue Anwendungen, um die es geht.

CW: Sie haben davon gesprochen, daß jene Anwender große Fehler gemacht haben, die Ihrer Meinung nach zu früh auf Unix gesetzt haben. Welche Fehler waren das und welche Fehler kann man jetzt, zwei Jahre später, vermeiden?

Kemmler: Da ist vielleicht der Begriff Fehler etwas hart.

CW: Gut, sprechen wir von Lehrgeld.

Kemmler: Sie bekommen mit einem proprietären Betriebssystem, das schon zehn, zwanzig Jahre auf dem Markt ist, eine gewisse Mächtigkeit, was das Umfeld anbelangt. Die brauchen sie vielleicht gar nicht. Aber wenn Sie sie brauchen, dann haben Sie mit Unix ein Problem. Wenn Sie jetzt nur einen Server für zehn PCs nehmen, könnte man den wahrscheinlich auch unter Unix sehr brauchbar laufen lassen. Wenn aber die Sache sehr komplex wird, würde man die Mächtigkeiten, die man in der proprietären Welt gewöhnt war, vermissen.

CW: Der Konflikt ist klassisch. De Anwender sagt: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß.

Kemmler: Hier halte ich nun das Wirken der Open Software Foundation für ausgesprochen wichtig - erstens, weil der Prozeß, der von der OSF gestartet wurde, sehr mächtig ist, und zweitens, weil die OSF niemanden diskriminieren kann, da bei ihr jeder Mitglied werden kann. Wir sind Mitglied, IBM ist Mitglied. Jede Menge Benutzer sind Mitglieder. Das hat einen sehr offenen Prozeß institutionalisiert, der über Requests sehr schnell zu vereinheitlichten Systemen kommt, für den relativ schnell die Produkte für den Markt folgen. Da ist man mittendrin. Die Frage muß also lauten: Wann ist die Phase des Lehrgeldzahlens vorüber? Und wenn sie einmal beendet sein sollte, dann hat man in der völlig offenen Welt ähnlichen Komfort, wie früher in der proprietären. Das wird jedoch erst in der zweiten Hallte der 90er Jahre der Fall sein, je nachdem wie komplex die Anlagen sind, für kleine Systeme vielleicht früher, für große später.

CW: Wir waren ganz am Anfang schon einmal bei dem Punkt, wo Sie einräumten, daß es an sich ganz normal ist, daß Anwenderunternehmen diesen Übergang in eine offenere Welt als schmerzvoll erleben. Und nun reflektiert der Markt, welcher Hersteller in dieser Phase ein guter Wegbereiter oder auch Wegbegleiter ist. Was aber jetzt bei DEC passiert, sind die Übernahmen von Kienzle und Philips, sind Experimente im PC-Geschäft. Wie kann DEC dies alles verkraften? Ist das nicht wilder Aktionismus auf allen Feldern? Wo bleibt die klare Linie? Weiß DEC wirklich, worauf es ankommt? Wenn ja, dann kommt es nicht rüber.

Weller: Ein planmäßiges Vorgehen ist notwendig. Das war uns schon vor Jahren klar, als wir den Einstieg in die mittlere Datentechnik kalkuliert haben. Und es war damals schon glasklar: Wir ändern uns als Firma im ganzen Verhalten, damit wir überhaupt MDT-fähig werden. Und in diesem Sinne, glaube ich, ist es absolut konsequent, jetzt eine Firma wie Kienzle gekauft zu haben, die wirklich anders ist, und sie auch getrennt von der GmbH zu halten, was wir ja tun. Wir stimmen uns nur auf oberer Ebene ab. Das ist eine andere Firma mit einer anderen Kultur, mit einer anderen Vorgehensweise, aber hoffentlich mit identischen Systemplattformen.

Was macht es denn in diesem Zusammenhang aus, daß wir auch ein Global Player sein wollen und auch sind, von den PCs bis zu hochintegrierten großen Lösungen? Das ist auch eines unserer Ziele. Das ist ja unser Wettbewerbsvorteil gegenüber den Nischenanbietern. Wir wollen in jedem Segment so gut sein wie ein Spezialist; haben aber die Möglichkeit der globalen Lösungen darüber hinaus. DEC hat also ein relativ konsequentes Konzept.

CW: Ob das ein Vorteil ist gegenüber reinen Nischenanbietern, das ist der entscheidende Punkt. Zur Zeit entwickelt es sich so, daß sich der Markt sehr spezialisiert. Die Produktchampions sind erfolgreich. Firmen mit einem Alles-aus-einer-Hand-Anspruch wie IBM, Bull, Unisys, SNI, aber auch Digital, sind dagegen in Schwierigkeiten.

Kemmler: Nicht notwendigerweise. Alles hängt davon ab, in welchen Markt man eingedrungen ist. Und ich vermute einmal, daß man auch als Anbieter ganzer Lösungen - im Anlagenbau zum Beispiel - etwas erreichen kann. Mit den erfolgreichen Nischenanbietern kann der Lösungsanbieter ja strategische Allianzen bilden. Ich glaube, die Entwicklung der nächsten Generation von Mikroprozessoren wird so kostspielig, daß das kein einzelner Hersteller mehr alleine durchziehen kann. Genauso wie kein Hersteller mehr alleine ein Flugzeug entwickeln wird etc. Da kommen zwangsläufig Allianzen zustande, die den Markt verändern werden. Mit solchen Zusammenschlüssen können natürlich Produktchampions nicht konkurrieren.

Weller: Außerdem wird es irgendwann einen Multimediamarkt geben. Dann werden wieder ganz neue Player kommen und andere in Schwierigkeiten geraten. Wir jedenfalls waren recht lange extrem erfolgreich. Und je erfolgreicher man ist, desto schwerer ist es, von seinem Erfolgspferd Abschied zu nehmen. Um so konsequenter und ernster gehen wir jetzt mit dieser erfolgreichen VAX-Linie, die uns immerhin zur Nummer Zwei weltweit gemacht hat, auf die offenen Systeme. Mir scheint das eine dramatische Entscheidung zu sein, ein dramatischer Umschwung.

CW: Fast alle Proprietären müssen diesen Umschwung machen.

Kemmler: Uns hat das lange nicht tangiert, weil wir immer noch Umsatzzuwächse von 25 und 30 Prozent hatten. Es gab keinen Leidensdruck. Aber ich möchte noch einmal sagen, die Unix-Diskussionen haben wir im Grunde etwas spät ernstgenommen. Wir haben uns aber jetzt an die Spitze der Entwicklungen gestellt. Nicht alle haben das nötig. Wir haben es nötig gehabt. Wir sind, wie Sie ganz richtig sagten, eine VAX-VMS-Firma im Image der Leute. Aber wir haben uns zum Musterknaben gewandelt, vom Saulus zum Paulus. In der Open-Systems-Entwicklung sind wir jetzt ziemlich weit vorne. Und das ist mehr als Unix.