Digital-Manager bestreitet die häufigsten Vorurteile

Digital-Manager bestreitet die häufigsten Vorurteile "Linux bietet das, was Microsoft 1989 mit NT versprochen hatte"

19.03.1999
SAN JOSE (ade) - Fehlende Applikationen, mangelhafte Skalier- barkeit, umständliche Installation - so oder ähnlich lauteten die Vorwürfe, mit denen Kritiker das Open-Source-Betriebssystem Linux bis dato als Hacker-Spielwiese abspeisten. Auf der Linuxworld Expo in San Jose gehörten derartige Argumente endgültig zum alten Eisen.

"Linux bietet heute das, was Microsoft mit Windows NT bereits 1989 versprochen hatte und nie liefern konnte", brach John Hall, Senior Manager bei Digitals Unix Software Group und Director von Linux International, eine Lanze für das Open-Source- Betriebssystem.

Endgültig vorbei seien die Zeiten, als Linux noch aufgrund etlicher Probleme im Bereich der Installation oder der Skalierbarkeit oder aber des Mangels an gängigen Programmen als Betriebssystem für eingefleischte Hacker und Internet-Freaks galt. "Man hört immer noch, es gebe nicht ausreichend Applikationen oder Office-Pakete für Linux, aber dies entspricht nicht mehr den Tatsachen", behauptete der Manager. So existierten mittlerweile neben "Applixware" die Suites "Star Office" der Hamburger Star Division oder Corels "Office for Linux", die den Windows-Paketen das Wasser reichen könnten.

Selbst das jahrelange Manko Datenbanken sei momentan kein Thema mehr. So gebe es neben Datenbanken von Informix, Oracle, IBM oder Sybase Produkte, die sich nahtlos mit gängigen Applikationen verknüpfen ließen, "ohne daß der Code der Applikation oder gar der Datenbank verändert werden muß". Ferner habe sich die Situation vor allem im Bereich Datenvisualisierung, kaufmännische Software und Grafikpakete verbessert. Dazu gehören Tools wie "Gimp", die den Windows-Derivaten "Photoshop" oder "Freehand" glichen.

"Sollte es etwas tatsächlich nicht geben, so lassen sich dafür Emulatoren für andere Systeme verwenden", so Hall. Neben Macintosh-Emulatoren wie "Executer" könnten Linux-Benutzer heute auf Emulatoren für Windows-3.1- oder DOS-Programme zurückgreifen. "Letztere laufen unter Linux schneller als unter DOS selbst", spricht Hall aus Erfahrung. Selbstverständlich ließen sich mit Hilfe von SCO- und anderen Unix-Emulatoren auch die unzähligen Unix-Pakete unter den unterschiedlichen Linux-Distributionen einsetzen. Hall: "Das Thema Applikationsmangel ist gegessen." Unzählige Anwendungen könnten unter der Web-Seite http://www.linuxapps.com zum freien Download gefunden werden. Dazu gehörten unterschiedliche grafische Benutzeroberflächen wie "Fvwm95", das ein Windows-Look-and-feel bietet und diverse Clustering Tools.

Ebenfalls nicht mehr gilt laut Hall das Argument, das Betriebssystem des Finnen Linus Torvalds sei umständlicher zu installieren als Microsofts Betriebssystem-Pendants. "Das war bis vor zwei Jahren so", erklärt Hall. Aktuelle Distributionen installierten sich heute nahezu ebenso automatisch wie Windows und starteten anschließend eine grafische Oberfläche unter X-Window. "Ich bin der Meinung, daß sich Windows 98 sogar schwieriger installieren läßt als eine gängige Linux-Distribution", verblüffte der Manager die Anwesenden.

Dagegen mangle es den Linux-Applikationen selbst noch an einer einheitlichen Installationsroutine. Während Windows-Anwendungen seit Windows 95 mit dem "Install-Shield" ausgestattet würden, das ein einheitliches Aufspielen auf das System erlaube, stehen Linux- Usern mit "Gnome" oder "KDE" erst seit kurzem die Basis für eine derartige Vorgehensweise zur Verfügung. Eine standardisierte Installationsroutine für die einzelnen Programme gebe es jedoch noch immer nicht.

Dafür habe sich der in den vergangenen Jahren unbefriedigende Support für Linux-Systeme verbessert. Abgesehen von Newsgroups und How-to-Bereichen im Internet, böten die meisten Distributoren wie Red Hat, Caldera oder Suse für ihre Linux-Distributionen eine Unterstützung via Telefon, E-Mail oder Fax. In den USA existiere seit kurzem zudem mit Linuxcare ein unabhängiger Supporter für die unterschiedlichen Distributionen. Anders als bei Microsoft, das neue Patches mit teilweise inakzeptablen Wartezeiten anbiete, könne unter Linux ein Fehlerbereinigung innerhalb von Stunden erwartet werden.

Schluß macht Hall zudem mit dem Argument zahlreicher Windows- Befürworter, Linux skaliere nicht vernünftig: "Wir sind momentan bei einer akzeptablen Skalierbarkeit von zwei bis zehn Prozessoren. Die Frage lautet: Wie gut skaliert Windows NT?", so der Manager.

Einen weiteren großen Vorteil von Linux gegenüber den Microsoft- Produkten sieht Hall in der Kompatibilität der Kernel- beziehungsweise Treiberversionen. So laufe ein System selbst dann stabil, wenn auf ein neues Kernel-Release aktualisiert oder aber neue Treiber in das System eingespielt wurden. Hinzu kämen die bekannten Vorteile wie etwa die hohe Verfügbarkeit oder die Sicherheit. "Wäre Linux nicht sicherer als Windows, so würden nicht Tausende ISPs auf der Welt das Open-Source-Betriebssystem für Web-Server, Firewalls oder FTP-Server verwenden.