Monty Widenius im Gespräch

"Die Zukunft von MySQL gestalten wir"

22.02.2013 | von 
Ludger Schmitz
Ludger Schmitz ist freiberuflicher IT-Journalist in Kelheim. Er ist spezialisiert auf Open Source und neue Open-Initiativen.
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Er ist der bekannteste Mitbegründer von MySQL: Michael (Monty) Widenius. Doch er hat Oracle, dem Eigentümer der Open-Source-Datenbank, den Rücken gekehrt und MariaDB gestartet. Der Fork entwickelt ein Eigenleben über die Muttersoftware hinaus.

MySQL ist heute in der Obhut von Datenbank-Primus Oracle. Denken Sie manchmal in Wehmut an die gute alte Zeit?

Widenius: Manchmal schmerzt es zu sehen, was damit geschieht. Deswegen habe ich so viel Zeit, Energie und Geld darin investiert, die Open-Source-Datenbank MySQL zu bewahren und in eine Zukunft zu führen, in der sie leider einen anderen Namen führen muss.

Monty Widenius sagt Oracle mit MariaDB den Kampf an
Monty Widenius sagt Oracle mit MariaDB den Kampf an

Wie entwickelt sich Ihre Alternative MariaDB?

Widenius: Es hat mehr Zeit gekostet als gedacht, für MariaDB Akzeptanz zu bekommen. Die Anwender wollten erst abwarten, wie sich Oracle verhält. Die erfreuliche Seite ist, dass wir alle guten Entwickler aus der MySQL-Zeit zusammenhalten und MariaDB ohne Hektik vorantreiben konnten.

Wie sehen Sie Ihr Projekt im technischen Vergleich zur Muttersoftware?

Widenius: MariaDB entwickelt sich jetzt über MySQL hinaus. Der wichtigste Fortschritt von MariaDB war Group Commit, was die Replikation enorm beschleunigt hat - gleich um den Faktor Fünf. Performance in anspruchsvollen Umgebungen ist die größte Schwäche von MySQL. Mit MariaDB erhalten Anwender ohne großen Migrationsaufwand eine fünffache Beschleunigung ihrer Datenbank. Subqueries waren bis zur Version 5.5 eine andere Schwäche von MySQL. Inzwischen ist das Problem behoben, aber nicht auf eine gute Art.

Bei Oracle ist nur das Team für die InnoDB-Engine gut

Aber MySQL 5.6 bringt doch durchaus Verbesserungen.

Widenius: 90 Prozent des jetzt neuen Codes sind schon bei Sun entwickelt worden. Oracle hat vor allem alten Code reaktiviert, der uns noch nicht gut genug war. Das verkaufen sie jetzt als Neuentwicklung. Tatsächlich haben sie auch Einiges neu gemacht, besonders für die Replikation. Aber dieser Code ist so miserabel, dass man ihn eigentlich nicht verwenden sollte. Bei Oracle gibt es nur ein Team, das wirklich gut ist: das für die InnoDB-Engine. Das über Jahre gewachsene Wissen über den MySQL-Code haben sie verloren.

Sie vermitteln den Eindruck, Oracle mache im Zusammenhang mit MySQL gar nichts richtig…

Widenius: Oracle kümmert sich nicht wirklich um das Produkt und auch nicht um seine Anwender. Sie versuchen lediglich, das Image von MySQL aufrecht zu erhalten. Im Marketing sind sie gut, der Rest ist ihnen egal. Es ist logisch, dass sie sich so verhalten. Sie wollen die Anwender zu etwas "Besserem" bewegen. Alles andere wäre letztlich für ihre proprietäre Datenbank bedrohlich.

Die Versionsfolge von MariaDB war bislang an MySQL angelehnt. Warum ändert sich das jetzt?

Widenius: Ich wollte es für die Anwender bislang möglichst einfach machen, von MySQL zu MariaDB zu wechseln. Aber bei MySQL 5.6 ist ein großer Teil des Codes so übel programmiert, dass wir ihn nicht übernehmen wollen. Gleichzeitig möchten wir die Kompatibilität erhalten. Aber es würde ein Jahr dauern, eine komplette Verschmelzung des Codes zu erreichen. Das ist uns zu viel, weswegen wir diese Aufgabe in zwei Schritten angehen. Der größte Teil wird in die MariaDB-Version 10.0 eingehen, der Rest in Version 10.1. Dieses Release wird wieder das genaue Gegenstück, ein vollständiger Ersatz von MySQL 5.6.

Wollen Sie mit der höheren Releasenummer zum Ausdruck bringen, dass MariaDB über die Muttersoftware hinausgeht?

Widenius: Das ist schon früher geschehen. Im Sourcecode der Versionen 5.5 von MySQL und MariaDB unterscheiden sich rund eine Million Programmierzeilen. Aber wir haben all jene Funktionen und Eigenschaften, die für eine vollständige Kompatibilität entscheidend sind, dem Vorbild entsprechend gehalten. So wollen wir es auch in Zukunft halten.

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