Die Zukunft des System-Managements

02.05.2006
BMC, CA, Hewlett-Packard und IBM dominieren den Markt für Systemsteuerung. Ihre Produkte sind auf dem Weg vom Infrastruktur- zum Service-Management.

Von CW-Redakteur Ludger Schmitz

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Schlagzeilen haben die vier Großen der System-Management-Szene in den letzten Jahren reichlich gemacht - allerdings nicht wegen überragender Innovationen. Vielmehr waren es Firmenübernahmen, mit denen sie nicht nur ihr Portfolio erweiterten, sondern auch ihre Marktposition verschoben. So brachte sich IBM mit dem Kauf von Micromuse in den Besitz der ursprünglich von Riversoft stammenden "Discovery Engine", die Hewlett-Packard zu einer Grundlage von "Openview" gemacht hatte. Dadurch verlor HP seinen Vorsprung im Netzwerk-Management. Außerdem machte Big Blue durch den Kauf von Candle sein Defizit in Sachen Monitoring wett.

Kaufen statt entwickeln

HP schaute nicht untätig zu. Das Unternehmen hat in den letzten Jahren elf kleinere bis mittelgroße Anbieter von System-Management-Software gekauft. Mit den Übernahmen von Novadigm und Peregrine schloss es Lücken im Asset-Management und Reporting. Auf der Ebene der Server-Verwaltung stärkte HP sich mit den Käufen von AppIQ, Outerbay und Codearts. Außerdem kaufte es den Blade-Erfinder RLX - nicht etwa wegen seines Portfolios an ultrakompakten Servern, es ging vielmehr um dessen Blade-Management-Software "Control Tower". Bei dieser Aufgabenstellung können andere Blade-Anbieter, mit Ausnahme von Fujitsu-Siemens ("Flexframe"), nicht mithalten.

Der Rest der "Viererbande" zog nach. CA verleibte sich Concord, einen Spezialisten für Performance- Management, der selbst zuvor den Netzverwalter Aprisma geschluckt hatte, sowie das Monitoring- und Security-Start- up Wily ein. BMC trat mit den Akquisitionen von Remedy und IT Masters vor allem IBM auf die Zehen. Denn von IT Masters stammt wichtige Tivoli-Technik, deren Fortentwicklung Big Blue nun vergessen kann.

Es fällt auf, dass die zugekauften Produkte in den meisten Fällen nicht tief in bestehende Management-Lösungen integriert wurden. Vielmehr wurden sie in das Portfolio eingeordnet und über Schnittstellen mit den vorhandenen Programmen verknüpft. Manche Lösungen lassen sich sogar weiter als Einzelprodukte kaufen und verwenden.

Das Ende der Alleskönner

Damit verabschiedete sich die Szene von dem integrierenden Framework-Ansatz, der in den 90er Jahren für Diskussionen sorgte. IBM hatte damals das Framework erfunden und wurde von CA unterstützt: Eine umfassende Gesamtlösung sollte sämtliche Anforderungen aller Anwender erfüllen. Das Thema ist heute mehr als passé. "Gleichmacherbrei", schimpft Georg Lauer, Regional-Manager für den deutschsprachigen Raum bei CA. Und Georg Haberstroh, Software-Manager bei HP, findet: "Framework ist inzwischen zu einem negativ belegten Begriff geworden."

Längst hat man auch bei IBM das Ruder herumgeworfen. "Der Anlaufaufwand bei Frameworks war hoch und hat viele Kunden abgeschreckt", resümiert der Tivoli-Manager Frank Eisenhardt. Jetzt heißt es auch bei IBM: "Gezielte Module für die einzelnen Aufgaben." Auch der einstige Framework-Jünger CA favorisiert mittlerweile andere Ansätze. "Heute sind modulare Lösungen angesagt", erklärt CA-Mann Lauer. Diese Meinung vertraten HP und BMC immer schon.

Die Modularität hat Konsequenzen. Die unverzichtbare Integration der Einzelprodukte geschieht über Schnittstellen. Dabei ist die Zeit proprietärer Interfaces vorbei. Lauer: "Heute ist man als Hersteller gezwungen, sich mehr an Standards zu halten." Verbreitet sind XML und Web-Services-Techniken wie Web Service Distributed Management (WSDM).

Der Trend zu Standards

"Wir wollen Standards nutzen", bekräftigt Haberstroh die Position von HP. Zum Beweis führt er an, dass sein Unternehmen zusammen mit BMC, Fujitsu und IBM an einem Standard für das Kernstück moderner Management-Systeme, die Configuration Management Database (CMDB), und andere Daten-Repositories arbeitet. Erst am 11. April dieses Jahres hat sich diese Initiative zusammengetan. Inzwischen ist auch CA dabei und Manager Lauer erklärt: "Viele Hersteller sind offener geworden. Ich erkenne eine zunehmende Tendenz, dass die Daten von verschiedenen Management-Tools austauschbar werden."

Die CMDB ist das technische Kernstück der IT Infrastructure Library (Itil). Diese beschreibt in zwölf Disziplinen die Aufgaben einer modernen IT. Die Betonung liegt auf der Unterstützung von Business-Prozessen. Der Betrieb der nötigen technischen Infrastruktur durch System-Management-Lösungen schafft eine Voraussetzung dazu. Die DV-Abteilungen sind Dienstleister, die Services für ihre Unternehmen erbringen. Diese Neuorientierung schlägt sich, obwohl Itil schon seit den 90er Jahren diskutiert wird, nun auch in den Management-Lösungen nieder.

Gewichte verschieben sich

"Man löst sich vom Infrastruktur-Management", stellt IBM-Manager Eisenhardt fest. "Bei uns geht es immer mehr in Richtung IT-Service-Management." Die Gewichte verschieben sich. "Klassisches Infrastruktur-Management ist eine Grundvoraussetzung für den Beitrag der IT zum Business", erklärt HP-Mitarbeiter Haberstroh. "Dieser Markt ist relativ ausgereift, und er ist nach wie vor ein großer Teil unseres Geschäfts. Aber er wird nicht mehr so stark wachsen." Die Zukunft gehöre Tools für Serviceprozesse, beispielsweise für Asset- und Identity-Management und für den Service Desk. Der Grund: "Durch Regularien wie Sarbanes-Oxley und Basel II werden IT-Organisationen stärker in die Pflicht genommen.

Dass sich der Schwerpunkt von System-Management-Software stark Richtung Service verschiebt, bestätigen alle Vertreter der großen Anbieter. Beispielsweise meint CA-Manager Lauer: "Das klassische System-Management ist Infrastruktur-Management. Dies wird ein nachgelagertes System." BMC-Berater Bernd Seidl erkennt "eine Erweiterung der IT-Management-Lösungen weit über die technische Blickrichtung hinaus, hin zur Geschäftsorientierung".

Services nach Maß

Konkret bedeutet das, dass sich beispielsweise bei BMC laut Seidl schon jetzt die Lösungen nach geschäftlichen Anforderungen individuell ausrichten lassen: "So können zum Beispiel Meldungen im Service Desk nach unternehmerischen Prioritäten - seien es Servicevereinbarungen oder die Bedeutung der jeweiligen Business-Prozesse - behandelt werden. Gleiches gilt für Events aus dem Infrastruktur-Management. Ein anderes Beispiel sind Veränderungen: Das Change-Management orientiert sich bei der Priorisierung der Aufgaben an den unternehmerischen Auswirkungen. Also Risikominimierung aus Business-Sicht."

Das Wichtigste wissen

Dabei kann es allerdings zu einem Problem kommen: Verfolgt man Business-Prozesse, steigt die Menge der Informationen über Events weit über das im klassischen Infrastruktur-Management gewohnte Maß hinaus. "Wir brauchen gezielte Informationen aus einem komplexen Geflecht von Business-Prozessen. Sämtliche Informationen abzurufen würde die Sache viel zu kompliziert machen", erklärt HP-Manager Haberstroh. "Wir müssen wissen, was die zehn oder 20 wichtigsten Informationen sind."

IBM-Manager Eisenhardt bestätigt, dass sich die Kunden um die steigende Komplexität von Management-Systemen sorgen. Aber er sieht eine Lösung: "Man kann ausnutzen, dass bei Itil viele Prozessschritte standardisiert sind. Und an diesen Standard sollte man sich weitgehend halten. Dann kann man die Prozesse als Templates vorkonfigurieren, die man ein Stück weit anpassen kann. Wenn sich Unternehmen an Itil orientieren, sind die üblichen Change- und Release-Prozesse gar nicht so unterschiedlich. Ganz ohne Anpassung geht es aber nicht."

Spät, nicht zu spät

Es wird noch einige Zeit vergehen, bis die Anbieter die neuen Anforderungen vollständig in ihre Lösungen umgesetzt haben. Michael Santifaller, Chef der Santix AG aus Unterschleißheim bei München, eines auf Beratung über und Implementierung von Management-Tools spezialisierten Unternehmens, bescheinigt BMC, "sehr weit" zu sein. IBM hingegen habe zu lange den Erfolg von Tivoli genossen. Immerhin: Im Frühsommer will Big Blue ein Bundle neuer Produkte auf den Markt bringen. Die Anbieter sind nicht unbedingt zu spät dran. Laut Forrester Research haben nur 15 Prozent der großen Firmen mindestens fünf Itil-Prozesse implementiert. Laut Gartner sind es 30 Prozent.

Neben der Service-Orientierung müssen sich die Anbieter auf neue Anforderungen einstellen. CA-Manager Lauer stellt fest: "Die IT wird immer weniger statisch." Anwender arbeiten beispielsweise mit mobilen Computern verschiedenen Typs. "Das ist für das System-Management eine Herausforderung, weil sich die Anzahl, die Lokation und die Berechtigungen der Rechner jederzeit ändern können. Daher muss man die Ressourcen flexibler planen." Hinzu kommt, dass neue Techniken wie VoIP ebenfalls bisher unbekannte Anforderungen an Verfügbarkeit und Bandbreite stellen.

Schließlich sind da noch die bis vor wenigen Jahren unbekannten Web-Services, die jetzt in den Unternehmen eingerichtet werden. Mit ihnen lassen sich Service-orientierte Architekturen (SOAs) aufbauen. "Eine SOA erhöht das Risiko der Ausfallzeiten", merkt HP-Manager Haberstroh an; denn in ihr werden viele kleine Anwendungen zusammengeführt. "Dann kommt wieder System-Management ins Spiel. Wer nicht von Anfang an das Management einer SOA ernst nimmt, wird scheitern."