Die Windows-Ära geht zu Ende

17.11.2008
Von Wolfgang Sommergut 
Microsoft hat schon einige vermeintliche Windows-Killer überlebt, von Netscapes Web-Browser über Java bis zu Linux. Die mäßige Akzeptanz von Vista zeigt, dass es für den weltgrößten Softwareanbieter jetzt wirklich ernst wird.

Was den Erfolg oder Misserfolg von Vista anbelangt, gibt es widersprüchliche Interpretationen und Erklärungen.

Angesichts der mäßigen Akzeptanz von Vista in Unternehmen stellt sich jedoch die Frage, ob die Ursachen dafür in spezifischen Problemen dieser Systemversion liegen oder ob sie ein Zeichen für generelle Schwierigkeiten von Microsofts Client-Modell sind. Zweifellos lassen sich auf Anhieb einige Vista-Sünden ausmachen, die viele XP-Anwender von einem Update abhalten. Dazu zählen vor allem die eingeschränkte Kompatibilität mit bestehender Hard- und Software, die Beeinträchtigung der Arbeit durch aufdringliche Sicherheitsfunktionen (UAC) sowie die hohen Hardwareanforderungen.

Geändertes Umfeld für Windows

Die Zurückhaltung der Anwender lässt sich aber nicht allein damit erklären, dass ihnen der Nutzen von Vista angesichts der drohenden Umstellungsprobleme zu gering erscheint. Die häufigen Klagen über den hohen Ressourcenbedarf verweisen beispielsweise darauf, dass sich die Erwartungen an Endgeräte grundsätzlich verändert haben.

Zahlreiche Firmen ersetzen ihre Desktop-Rechner durch Notebooks, so dass die Erneuerung der Hardware nur bescheidene Leistungszuwächse beschert. Die Vista-Zuständigen in Redmond vertrauten aber offenbar zu sehr auf das Mooresche Gesetz und kalkulierten mit immer größeren Tischrechnern, die den üppigen Anforderungen des XP-Nachfolgers gewachsen sein würden.

Microsoft hat diese Lektion für Windows 7 gelernt und verspricht ein genügsameres System, obwohl die Architektur von Vista weitgehend vererbt wird. Dann dürfte zumindest sichergestellt sein, dass durchschnittlich ausgestattete Desktops und Notebooks alle wesentlichen Features des nächsten Windows ausführen können.

Von Netbooks überrascht

Größere Schwierigkeiten bereitet Microsoft hingegen die Produktkategorie der so genannten Netbooks. Die Mini-Laptops sind in der Regel mit Vista überfordert, so dass die Anbieter auf XP zurückgreifen, wenn sie überhaupt ein Windows mit ihren Geräten ausliefern. Aufgrund der gängigen Nutzungsszenarien, die sich auf Web, Mail, Instant Messaging, IP-Telefonie oder das Abspielen von DVDs beschränken, freunden sich Käufer in diesem Segment viel leichter mit Linux an. Rund 25 Prozent der in diesem Jahr verkauften Netbooks laufen laut IDC unter dem Open-Source-System, während Vista nur auf 1,5 Prozent kommt.

Überrascht vom Erfolg der Leichtgewichte, hatte Microsoft im April dieses Jahres die Unterstützung für XP auf einen Zeitraum bis ein Jahr nach Erscheinen von Windows 7 verlängert und kurz darauf diese Maßnahme auf Nettops ausgedehnt. Es handelt sich dabei um die Desktop-Pendants der Netbooks, also um kompakte und preisgünstige Rechner für den Schreibtisch.

Immerhin dürften allein in diesem Jahr mehr als zehn Millionen dieser Geräte verkauft werden. Diese Zahl wird nächstes Jahr angesichts der erwarteten Wirtschaftkrise voraussichtlich noch höher ausfallen, weil Konsumenten dann eher zu preisgünstigen Modellen greifen. Microsoft möchte daher sicherstellen, dass Windows 7 auf diesen Geräten läuft, und demonstrierte bereits eine Vorabversion auf einem Netbook.

Lizenzkosten als Hürde

Auch wenn der Softwarehersteller technisch das Ziel der Netbook-Tauglichkeit für Windows 7 erreicht, so bleibt dort noch eine wirtschaftliche Herausforderung. Bei einem üblichen Verkaufspreis von 300 bis 400 Euro für einen Mini-Laptop schlagen die Lizenzgebühren für das Betriebssystem von 100 Euro oder mehr übermäßig zu Buche. Die taiwanische Beratungsfirma CLSA schätzt die Kosten für Linux pro Gerät auf rund fünf Dollar, während für XP 40 bis 50 Dollar und für Windows Vista rund 100 Dollar anfallen.

Angesichts der ständigen Fortschritte von Linux in puncto Bedienerfreundlichkeit und der eingeschränkten Nutzung der handlichen Geräte werden deren Hersteller Windows nur als eine Alternative unter mehreren betrachten. Möglichweise sieht sich Microsoft aber auch zu erheblichen Preisnachlässen gezwungen, die es entgegen anderslautenden Gerüchten bei XP für Netbooks nicht gegeben haben soll.

Microsoft muss sich darauf einstellen, dass sich in dieser Geräteklasse eine Entwicklung wiederholt, die sich bei Mobiltelefonen schon länger abzeichnet. Die erfolgreichsten Hersteller Apple, RIM (Blackberry) und Nokia bieten Hardware, Betriebssystem und Services aus einer Hand an. Das vom Desktop stammende Microsoft-Modell, bei dem die meisten OEMs ein Betriebssystem in Lizenz nehmen und an ihre spezifische Hardware anpassen, scheint für Windows Mobile immer weniger zu funktionieren. Der Softwaregigant fiel im Segment der Handy-Betriebssysteme hinter den drei genannten Konkurrenten auf Platz vier zurück.

Die zunehmende Verbreitung von Netbooks und Smartphones ändert zudem die Benutzererwartung auf breiter Front. Am deutlichsten zeigt sich dies an der abnehmenden Toleranz gegenüber den Ladezeiten eines voll ausgestatteten Betriebssystems.

Keine Geduld mit Fat Clients

Ein krasses Beispiel sind die rechtlichen Schritte mehrerer Arbeitnehmer in den USA gegen die Kopplung ihrer automatischen Zeiterfassungssysteme an Vista. Der offizielle Arbeitstag der Mitarbeiter beginnt erst nach dem Laden des Betriebssystems plus der Erfassungssoftware, was in einigen Fällen bis zu 15 Minuten dauert. Weiter verbreitet ist die Erfahrung, dass das Starten des Systems und das nachfolgende Anmelden an einem WLAN zum bloßen Abrufen von E-Mails in der Regel zu lange braucht.

Trotz aller Systemverbesserungen wird sich diese Situation unter Windows 7 nicht wesentlich verändern. Die Hardwarehersteller greifen daher immer häufiger zu eigenen Lösungen, die sie unabhängiger von Microsoft machen und die gleichzeitig die Bedeutung von Windows aushöhlen. So zeichnet sich ab, dass immer mehr Rechner neben Windows ein schnell startendes MiniBetriebssystem enthalten, mit dem sich viele gängige Aufgaben erledigen lassen.

Virtualisierung ändert Spielregeln

Während solche einfachen Parallelsysteme auf dem Client neue Nutzungsoptionen eröffnen, verfolgen Ansätze zur Desktop-Virtualisierung weitergehende Ambitionen. Die Konzepte für virtuelle Desktops (Virtual Desktop Infrastructure = VDI) konzentrieren sich vor allem darauf, den Windows-Client inklusive der darauf ausgeführten Anwendungen in virtuelle Maschinen (VM) auf dem Server zu verlagern.

Dort hat es Windows nur mehr mit einer virtuellen Hardware zu tun, die vom Hypervisor zur Verfügung gestellt wird. Dieser legt sich als Schicht zwischen das blanke Eisen und das Betriebssystem und übernimmt dort die Kontrolle der physischen Hardware. Einen solchen Ansatz verfolgt besonders VMware mit ESX, während Microsofts Hyper-V auf die Treiber des in der Verwaltungspartition installierten Windows Server angewiesen ist.

Die Virtualisierungssoftware muss dem Betriebssystem keineswegs die in der Server-Hardware tatsächlich installierten Komponenten zugänglich machen. Vielmehr kann sie dem OS weit verbreitete Hardwarebausteine vorspiegeln, für die auch Linux oder FreeBSD Treiber mitbringen.

Damit droht Microsoft eine wesentliche Stärke seines dominierenden Systems verloren zu gehen. Bisher entwickelten alle Hersteller von PCs und Peripheriegeräten grundsätzlich Treiber für Windows, während weniger verbreitete Betriebssysteme stets benachteiligt waren.

Hypervisor für den Client

Den aktuellen VDI-Systemen mangelt es bis dato noch an Offline-Fähigkeit, so dass der im Rechenzentrum laufende virtuelle Arbeitsplatzrechner ohne Netzverbindung nicht erreichbar ist. VMware arbeitet an einer Lösung, die den entfernten Desktop auf das lokale Gerät übertragen kann. Damit ein solcher Mechanismus jedoch ohne Kompatibilitätsprobleme funktioniert, muss die Hardwareumgebung für den virtuellen Desktop überall möglichst gleich sein.

Dieses Ziel ließe sich erreichen, indem man auf dem lokalen Rechner einen Hypervisor vom Typ 2 nutzt, also beispielsweise VMware Workstation oder Virtual PC. Diese Software setzt allerdings ein vollständiges Host-Betriebssystem voraus, so dass dann zwei Client-Installationen verwaltet werden müssten, nämlich die virtuelle auf dem Server und die lokale auf dem physikalischen System. Zudem sind die Hardwareanforderungen einer solchen Konfiguration entsprechend hoch.

VMware kündigte daher vor zwei Monaten auf der VMworld eine Initiative namens "vClient" an. In deren Rahmen soll ein Typ-1-Hypervisor für den Client entstehen, der direkt auf der Hardware aufsetzt. Ziel dieses Vorhabens ist eine übergreifende Plattform, auf der Desktops zentral verwaltet und dynamisch verschoben werden können, unabhängig davon, auf welchem Server oder Arbeitsplatz-PC sie gerade laufen.

Während die Hardwarevielfalt bei Servern überschaubar ist, muss eine Virtualisierungsschicht auf dem Client eine Vielzahl an Komponenten unterstützen. Daher wird die geplante Software von VMware keine Light-Variante des ESX-Servers sein können. Vielmehr möchte die EMC-Tochter ein schlankes Linux als Basis nehmen und auf den Treiberbestand des Open-Source-Systems zurückgreifen.

Virtuelle Hardware auf dem Client

Derzeit lässt sich noch nicht abschätzen, ob VMware mit seinem ehrgeizigen Vorhaben Erfolg haben wird. Allerdings zeichnet sich ab, dass ein Hypervisor in absehbarer Zeit zur Standardausstattung eines PC gehören wird, nachdem dies bei Servern schon die Regel ist. Falls sich die PC-Hersteller für diese Aufgabe zuständig fühlen, können sie in Zukunft möglicherweise auch eine Open-Source-Implementierung aus dem "Xen Client Initiative Project" integrieren. In jedem Fall würde sich dadurch die Verteilung des Betriebssystems auf die Endgeräte deutlich vereinfachen, und Windows würde an Bedeutung verlieren.

Entgegen diversen Spekulationen, wonach Microsoft Hyper-V auf den Client portieren und mit Windows 7 ausliefern könnte, hat das Unternehmen dazu noch keine Pläne bekannt gegeben. Das für Windows 7 angekündigte Feature "VHD Boot" erlaubt es, von einem Systemabbild im VHD-Format sowohl physikalische als auch virtuelle Rechner zu starten. Es könnte als Alternative zum Client-Hypervisor betrachtet werden, die aber mit einer heterogenen Hardwareausstattung einige Schwierigkeiten haben dürfte.

Konkurrenz auf dem GUI

Als Netscape noch zuversichtlich war, die Auseinandersetzung gegen Microsoft zu gewinnen, wollten die Dotcom-Milliardäre Windows auf ein Set von Treibern reduzieren. Sie artikulierten damit ihren Anspruch, dass ihr Web-Browser zur maßgeblichen Anwendungsplattform aufsteigen werde, während sich Windows auf Basisdienste wie das Management der Hardware beschränken müsse.

Nun scheint es, als könne Virtualisierungssoftware dem Betriebssystem genau diese Kernaufgaben streitig machen. Dennoch ist die Agenda von Netscape nicht vom Tisch. Der Browser hat sich zur wichtigsten Client-Anwendung gemausert. Fortschritte bei der Entwicklung von Web-Anwendungen, etwa durch dynamisches Nachladen von Seitenfragmenten mittels Ajax, führen dazu, dass plattformunabhängige Alternativen zu Fat-Client-Anwendungen immer beliebter werden.

Mit Chrome stellte Google einen Browser vor, der sich besonders für die Ausführung von Anwendungen eignet, während der Internet Explorer und Firefox ursprünglich zum Anzeigen von HTML-Seiten entwickelt wurden. Nach der ersten Aufregung wurde es mittlerweile still um den Web-Client aus dem Hause Google. Man kann allerdings davon ausgehen, dass die Internet-Company hier noch kräftig nachlegen wird.

RIAs statt Win32

Trotzdem verbleibt auch dann noch eine Reihe von anspruchsvolleren Anwendungen, die sich nicht im Browser abbilden lassen. Diese Lücke füllen die so genannten Rich Internet Applications (RIA) jedoch immer besser. Lange Zeit war dieses Kürzel synonym mit Adobe Flash, das mit der Einführung von AIR nicht mehr darauf beschränkt ist, Code im Kontext einer HTML-Seite auszuführen. Als Distributionskanal bleibt zwar der Browser, aber Anwendungen lassen sich lokal installieren und damit auch offline nutzen. Aktuelle Beispiele wie der Powerpoint-Konkurrent "Sliderocket" zeigen, welche Möglichkeiten RIAs bereits bieten.

Mit Silverlight gegen Flash

Microsoft versucht mittlerweile, wenn auch etwas verspätet, mit "Silverlight" seine eigene RIA-Plattform zu etablieren. Nachdem Flash fast alle gängigen Systeme unterstützt, dürfte Microsoft ohne eine glaubhafte Multiplattformstrategie nicht weit kommen. Derzeit liegt die benötigte Ablaufumgebung auch für den Mac vor, eine Version für Linux ("Moonlight") soll in Zusammenarbeit mit Novell entstehen. Selbst wenn es den Redmondern gelingt, sich gegen Adobe zu behaupten, würde sich damit das Windows-Business wesentlich verändern. Zudem scheint es unwahrscheinlich, dass die auf .NET basierende Technik eine ähnliche Monopolstellung erreicht wie das Win32-API in seinen besten Jahren.

Windows-Konkurrent eingebaut

Asus und Lenovo begannen damit, auf ihren Notebooks und Motherboards das MiniBetriebssystem "Splashtop" von DeviceVM vorzuinstallieren. Das System ist innerhalb weniger Sekunden betriebsbereit und umfasst unter anderem den Web-Browser Firefox, Skype für Internet-Telefonie und einen Muliprotokoll-Client für Instant Messaging. Bei Bedarf lässt sich Windows von Splashtop aus starten. DeviceVM positioniert sein System auch für Netbooks, wo es Windows vollständig ersetzen könnte.

Noch weiter geht der BIOS-Hersteller Phoenix mit "Hyperspace", das dem Benutzer nach einer sehr kurzen Ladezeit ebenfalls ein Set von Basisanwendungen bereitstellen kann. Im Unterschied zu Splashtop enthält Hyperspace eine Virtualisierungsschicht, so dass Windows parallel zum eingebauten Mini-Betriebssystem laufen kann. Auf diese Weise bekommt Microsofts Desktop-Bolide einen permanenten Rivalen für gängige Aufgaben, der einfacher zu bedienen und über einen einzigen Tastendruck zu erreichen ist.

Joe Wilcox ...

... Autor von "Microsoft Watch":

"Wenn Microsofts Desktop-Markt zusammenbricht, dann wird es in einer Geschwindigkeit passieren, mit der Lehman Brothers oder AIG kollabiert sind. Die Leute werden zurückblicken und sich wundern, warum sie das nicht haben kommen sehen."

Fazit

Microsoft hat sein Windows-Monopol seit Anfang der 90er Jahre erfolgreich gegen verschiedene Herausforderungen verteidigt. Nun rennen aber nicht einzelne Angreifer gegen die Bastion an, sondern wichtige Rahmenbedingungen ändern sich insgesamt. Die Ausdifferenzierung der Client-Hardware macht es technisch und wirtschaftlich immer schwieriger, alle Bedürfnisse mit einem wuchtigen Allzweck-Desktop-System abzudecken. Die Virtualisierung der Hardware schickt sich an, Windows die Kontrolle über den Rechner zu entreißen. Während in virtuellen Desktop-Umgebungen der Windows-Unterbau an Bedeutung verliert, machen RIA-Plattformen und fortgeschrittene Web-Techniken Windows die Dominanz als Anwendungsplattform streitig.

Microsoft kämpft aus der Position eines unpopulären Vista gleichzeitig an mehreren Fronten. Das Unternehmen versucht mit eigenen technischen Antworten, seiner Marktdominanz (etwa durch Bundling) und restriktiven Lizenzbedingungen (zum Beispiel dem "Vista Enterprise Centralized Desktop") die Entwicklung zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Wie immer das Ergebnis aussehen mag, ist es diesmal unwahrscheinlich, dass Redmond sein Desktop-Modell wie gewohnt fortführen kann. Viele Zeichen deuten darauf hin, dass Microsofts Client-Geschäft vor einem Umbruch steht, der möglicherweise zu einem dramatischen Bedeutungsverlust von Windows führt.

Fazit:

Microsoft hat sein Windows-Monopol seit Anfang der 90er Jahre erfolgreich gegen verschiedene Herausforderungen verteidigt. Nun rennen aber nicht einzelne Angreifer gegen die Bastion an, sondern wichtige Rahmenbedingungen ändern sich insgesamt. Die Ausdifferenzierung der Client-Hardware macht es technisch und wirtschaftlich immer schwieriger, alle Bedürfnisse mit einem wuchtigen Allzweck-Desktop-System abzudecken. Die Virtualisierung der Hardware schickt sich an, Windows die Kontrolle über den Rechner zu entreißen. Während in virtuellen Umgebungen der Windows-Unterbau an Bedeutung verliert, machen RIA-Plattformen und fortgeschrittene Web-Techniken Windows die Dominanz als Anwendungsplattform streitig.