"Die Übernahme sollte Sun-Anwender beruhigen"

Wolfgang Herrmann ist Deputy Editorial Director der IDG-Publikationen COMPUTERWOCHE und CIO. Zuvor war er Chefredakteur der Schwesterpublikation TecChannel und stellvertretender Chefredakteur COMPUTERWOCHE. Zu seinen thematischen Schwerpunkten gehören Cloud Computing, Data Center, Virtualisierung und Big Data.
Für die Kunden ist der Kauf des Herstellers durch Oracle eher eine gute Nachricht, glaubt Gartner-Analyst Andrew Butler.

CW: Welche Vorteile zieht Oracle aus dem Kauf von Sun?

BUTLER: Oracle erhält mit der Übernahme die Kontrolle über das Software- und Hardwareportfolio von Sun und seine Präsenz im Data Center. Hinzu kommen Suns Vertriebspartner, Beziehungen zu Systemintegratoren und die Forschung und Entwicklung im Hardwarebereich. Außerdem verschafft sich Oracle Zugriff auf Suns im Aufbau befindliche Cloud-Computing-Strategie.

CW: Sind das gute Nachrichten für Sun und seine Kunden?

BUTLER: Die Spekulationen der vergangenen Monate haben das Vertrauen in die Fähigkeit Suns sinken lassen, als eigenständiger Anbieter zu überleben. Die Nachricht von der Übernahme sollte helfen, Sun-Nutzer zu besänftigen, auch wenn es auf längere Sicht Gewinner und Verlierer in der installierten Basis geben wird. Befürchtungen hinsichtlich der Liquidität von Sun sollten aber vom Tisch sein.

CW: Was wird aus Java und MySQL?

BUTLER: Als Eigentümer von Sun kann Oracle eine besser abgestimmte Positionierung zwischen MySQL und den eigenen Datenbankprodukten schaffen sowie die Management-Tools und -Methoden harmonisieren. Die Kontrolle über Java kommt Oracles eigenen Entwicklungsbestrebungen entgegen; allerdings muss das Management aufpassen, die Java-Community nicht zu verärgern. Auch die MySQL-Gemeinde wird Oracle zumindest anfänglich mit Argwohn betrachten.

Cw: Was bedeutet die Übernahme für den IT-Markt?

BUTLER: Wir beobachten zunehmend vertikalisierte Strategien von etablierten Systemanbietern und neuen Playern wie Cisco und jetzt Oracle, die sich in der Vergangenheit nie nennenswert im Hardwaremarkt engagiert haben. Diese radikalen Wechsel verändern den gesamten Markt, eröffnen Chancen für neue Geräte und beeinflussen die Beziehungen zwischen Kunden und Anbietern. Die Anwender müssen ihre Lieferanten noch sorgfältiger auswählen.

CW: Bedeutet der Deal einen grundsätzlichen Wechsel in der Strategie von Oracle? Will CEO Lawrence Ellison jetzt im Hardwaregeschäft mitmischen?

BUTLER: Ja. Allerdings möchte er vielleicht nicht so viel Hardware, wie er sie nun mit Sun bekommt. Oracle pflegt enge Beziehungen zu Herstellern wie Netapp und muss darauf achten, dass der Besitz von Suns Storage-Aktivitäten nicht darunter leidet. Ellisons Bekenntnis zum Solaris-Geschäft könnte außerdem hinsichtlich der Sun-eigenen Sparc-Prozessoren anders aussehen als für x86-Plattformen. Für Suns Hardwarekunden bedeutet der Deal zwar zunächst wieder mehr Sicherheit, aber es gibt keine Garantie, dass alle Produktlinien überleben.

CW: Wie wird Oracle mit den sich stark überlappenden Produkten umgehen - zum Beispiel den Datenbanken oder der Oracle Database Machine?

BUTLER: Es gibt zwar verschiedene Überschneidungen in den Produktportfolios, aber längst nicht so viele, wie dies bei einem Kauf durch IBM der Fall gewesen wäre. Oracle muss in jedem Fall das Vertrauen von Open-Source-Anhängern zurückgewinnen, die sein traditionelles Bekenntnis zu quelloffener Software in Frage stellen. Die Hardwarekooperation mit Hewlett-Packard scheint zumindest in nächster Zeit ungefährdet. Wir erwarten allerdings, dass Oracle Solaris-basierende Appliances für verschiedene eigene Softwareprodukte entwickeln wird.

CW: Haben die Sparc-Server noch eine Zukunft?

BUTLER: Es gibt keine unmittelbare Bedrohung für Sparc und keinen Grund zur Panik. Oracle hat betont, dass Solaris (noch vor Linux) den größten Teil seiner installierten Basis ausmacht. Davon entfällt nur ein sehr kleiner Teil auf x86-Rechner; den Löwenanteil bilden Sparc-Server. Das Überleben des Sparc-Business wird davon abhängen, für wie strategisch Oracle dieses Segment bei der längerfristigen Positionierung von Solaris erachtet. Sollte Oracle Solaris eher als Linux-Alternative auf x86-Plattformen ansehen, könnte das zu einer Abkehr von Sparc führen.