Die Spitzenlast bleibt Freiberuflern

Ina Hönicke ist freie Journalistin in München.
CIOs setzen verstärkt auf Freelancer, wenn es besonders viel zu arbeiten gibt. Die Anforderungen an Externe sind hoch: zum IT-Know-how müssen Branchenwissen sowie soziale und interkulturelle Kompetenz kommen.

Die lange Durststrecke für IT-Freiberufler scheint zu Ende zu sein. Doch die Unternehmen schauen genau hin, welche Dienstleistungen sie kaufen. Sie wissen meist auch genau, in welchen Bereichen sie die Externen für welchen Zeitraum einsetzen wollen. Aufgrund der großen Anzahl von Off-, Nearshore- und Outsourcing-Projekten sind die Anforderungen an externe IT-Profis indes gestiegen. Für die Outsourcing-Deals beispielsweise benötigen die Unternehmen dringend Leute für Relationship-, Deliver- und Kontrakt-Management. Diese brauchen vertiefte Branchenkenntnisse, juristisches Wissen, Sozialkompetenz und verhandlungssicheres Englisch.

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• wie die Globalisierung die Anforderungen an IT-Freelancer verändert hat;

• wann Unternehmen Freiberufler einsetzen;

• welches Wissen CIOs von IT-Selbständigen erwarten.

Damit der Einsatz von Externen für die IT-Chefs so wenig Zeitaufwand wie möglich bedeutet, arbeiten immer mehr von ihnen nur noch mit großen Personalvermittlungsagenturen zusammen. Den Freiberuflern gelingt es kaum mehr, Einzelverträge abzuschließen und die Konditionen selbst auszuhandeln. Lediglich Externe, die dem Unternehmen seit langem bekannt sind, früher dort gearbeitet haben oder das Umfeld gut kennen, haben auch ohne Vermittler gute Chancen.

Externe Hilfe bei Engpässen

Als positives Signal kann auf jeden Fall gewertet werden, dass immer mehr Unternehmen bei personellen Engpässen auf Freiberufler setzen wollen. So gehen auch die Fischerwerke Artur Fischer GmbH & Co. KG in Waldachtal vor. Das auf Dübel und Befestigungstechnik spezialisierte Unternehmen, das bislang noch keine Erfahrung mit Externen gemacht hat, sucht zurzeit für das Finanzwesen einen IT-Freelancer. CIO Egmont Foth: "Wir brauchen externe Unterstützung, weil meine Mitarbeiter es allein nicht schaffen." Der Freiberufler sollte Buchhaltungs- und Systemkenntnisse besitzen, sich mit SAP R/3, Modul FI, auskennen und customizen können. Im Idealfall, so Foth, kennt er die rechtlichen Anforderungen in den Ländern, "in denen wir SAP einführen. Diese Anforderungen sind aber nicht entscheidend. Vorrangig benötigen wir jemanden, der seine IT-Kollegen in der täglichen Arbeit unterstützt, über die entsprechende Sozialkompetenz verfügt, um sich in das Team zu integrieren, und sowohl Deutsch als auch Englisch beherrscht." Den gewünschten Freiberufler lässt Foth über Personalvermittlungsagenturen suchen.

Überdurchschnittlicher Einsatz

Bei der Nordzucker AG in Braunschweig haben nicht nur Personalvermittler, sondern auch dem Unternehmen bekannte Einzelkämpfer eine Chance. CIO Torsten Niemietz: "Das geht bei uns über Mundpropaganda. Hauptsache, die Leistung stimmt." Mit Leistung meint er auch, dass Externe nicht auf die Stoppuhr schauen sollten. So erwartet er von einem Freelancer oder Berater, dass dieser bei Bedarf auch einmal länger als acht Stunden arbeitet. Zudem fordert Niemietz Ehrlichkeit ein: "Wenn ein Externer nach stundenlanger Programmierung merkt, dass er daneben lag, kann er nicht die gesamte Arbeitszeit dem Auftraggeber anlasten." Was die fachlichen Voraussetzungen betrifft, hat der Braunschweiger ebenfalls feste Vorstellungen: "Unsere Externen sind in der SAP-Welt so fit, dass sie jederzeit direkt zu SAP wechseln könnten." Vorrangig arbeitet der Zuckerhersteller mit Freiberuflern zusammen, um Spitzen abzudecken. Niemietz: "Das ist auch bei längerfristigen Projekten zumeist günstiger als jemanden einzustellen."

Gespür für andere Mentalitäten

Da Nordzucker bislang noch in Osteuropa Rechenzentren betreibt, brauchen fest angestellte wie externe IT-Profis ein gutes Gespür für andere Kulturen. Niemietz: "Mit der Mentalität der osteuropäischen Kollegen klarzukommen ist nach unserer Erfahrung schwieriger, als mit Engländern oder Spaniern umzugehen." Während diese IT-Profis bei unklaren Entscheidungen nachfragen würden, würden die Osteuropäer Anordnungen eher stur befolgen. Niemietz: "Die Externen müssen bei Problemen nachhaken und dürfen keiner Diskussion aus dem Wege gehen. Um bei Nordzucker als Freelancer erfolgreich tätig zu sein, ist SAP-Wissen Pflicht und soziale Kompetenz die Kür." Künftig sollen alle SAP-Aktivitäten unter dem Dach der Braunschweiger Zentrale vereint sein und die osteuropäischen Rechenzentren nach und nach aufgelöst werden.

Die Verantwortlichen der Schweizer Versicherungsgruppe Winterthur haben ebenfalls eine Strategie, wann und wo sie Freiberufler einsetzen. CIO Martin Frick: "Wir sind vorrangig an Externen mit Spezialwissen, etwa im SAP- und IT-Security-Bereich, interessiert." Die freiberuflichen Sicherheitsexperten kämen meist aus einem kleineren Security-Unternehmen, das man bereits kenne. Schließlich erfordere dieser sensible Bereich viel Vertrauen. Sehr gut ist die Zusammenarbeit laut Frick auch mit Externen, die vorher bei Winterthur selbst oder im engeren Umfeld gearbeitet haben: "Ex-Kollegen haben naturgemäß den großen Vorteil, Umfeld und Firma gut zu kennen. Bei uns sind einige im Projekt-Management zu finden." Auch Kommunikations- und Teamfähigkeit stehen bei Frick hoch im Kurs. Seiner Ansicht nach muss sich ein Externer sofort ins Team integrieren können. Nichts sei schlimmer, als in der Mannschaft einen Fremdkörper zu haben.

Der Winterthur-CIO weiß um den hohen Druck, unter dem Freiberufler stehen: "Der Externe muss mobil und flexibel sein, termingerecht liefern und auf die Sicherheit eines Arbeitsvertrags verzichten." Davon könnten die Unternehmen letztlich nur profitieren. Der IT-Verantwortliche bestätigt, dass die Qualität einiger Freelancer so hervorragend ist, dass er sich auch eine Festanstellung vorstellen könne. "Erfahrungsgemäß halten aber die meisten IT-Experten, die sich für die Selbständigkeit entschieden haben, daran fest. Sie fühlen sich auf ihre Weise frei und wollen es auch bleiben."

Ganz anders wiederum läuft es bei der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Die setzte in der Softwareentwicklung in den vergangenen Jahren kaum Freiberufler ein. Rainer Ostermeyer, CIO und Chef des IT-Systemhauses der GfK Gruppe: "Da die Engpässe in unserem Haus meist sehr kurzfristig entstehen, haben wir in der Regel keine Zeit, Externe einzuarbeiten. Deshalb versuchen wir, die Belastungsspitzen aus eigenen Reihen durch Umshiften aufzufangen." Der Austausch von Mitarbeitern und Wissen zwischen dem zentralen Systemhaus und den weiteren dezentralen Entwicklungszentren sei bislang gut gelungen. Dennoch schließt Ostermeyer nicht aus, in naher Zukunft auch auf freie Entwickler zurückzugreifen. Aus diesem Grund habe man sich bereits Gedanken über die Anforderungen gemacht. Dazu die Leiterin der Softwareentwicklung Susanne Reipa: "Die in Frage kommenden Kandidaten müssen flexibel, motiviert und einsatzfreudig sein, Englisch sprechen und unsere Software-Tools handhaben können." Von großem Vorteil wären zudem SAP-Wissen sowie Organisationstalent. Reipa: "Wenn der Kandidat dann noch über Branchenkenntnisse verfügt, wäre es ideal, aber letztlich keine Bedingung."

Im Bereich IT-Services sehen die Anforderungen ähnlich aus. Hier geht es laut Ostermeyer darum, das eigene Personal für bestimmte hochrangige Projekte zu entlasten. Die Externen müssten darum fundiert über die jeweiligen Fachbereiche Bescheid wissen: "Unsere Branchenkenntnisse sind am Markt nicht vorhanden. Darum arbeiten wir seit langen Jahren mit denselben externen Partnern zusammen, um bei ihnen GfK-spezifisches IT-Wissen beispielsweise über Datensicherungskonzepte aufbauen zu können." (am)