"Die schöne neue Arbeitswelt ist Legende“

Hans Königes ist Ressortleiter Jobs & Karriere und damit zuständig für alle Themen rund um Arbeitsmarkt, Jobs, Berufe, Gehälter, Personalmanagement, Recruiting, Social Media im Berufsleben. Zusätzlich betreut das Karriereressort inhaltlich das Karrierezentrum auf der Cebit.
Über Mythen der modernen Arbeitswelt und Anforderungen an Manager von morgen diskutierten die Teilnehmer des elften Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Personalführung (DGFP) in Wiesbaden. Eine der Erkenntnisse: Um zu überleben, brauchen Unternehmen Persönlichkeiten mit Sozialkompetenz.

Horst Opaschowski, Deutschlands bekanntester Freizeitforscher, rechnete mit den „Legenden“ der modernen Arbeitswelt ab: „Die von Soziologen und Trendforschern propagierte schöne neue Arbeitswelt findet vorerst nicht statt. Sie erweist sich als Mythos.“ Er kritisierte das von der Fraunhofer-Gesellschaft schon seit Jahren propagierte Bild des künftigen Wissensarbeiters, der grundsätzlich nur am Laptop arbeitet und ins Videokonferenzstudio geht, um mit seinen weltweit verstreuten Kollegen Themen und Aufgaben abzustimmen. Zwischendurch erholt er sich in der Recreation Lounge der Firma und kümmert sich um seine körperliche Fitness.

Statt dieses unrealistischen Szenarios erwartet der Hamburger Professor eine „Viel-Gesichter-Gesellschaft“: mal Ellenbogen- und mal Verantwortungs-, mal Wegwerf- und mal Leistungsgesellschaft. In seinem viel beachteten Vortrag unterzog Opaschowski vier Mythen der Arbeitswelt einer kritischen Prüfung.

Mythos eins: Jobnomaden. Dieser angebliche neue Arbeitnehmertyp, hochmotiviert, mobil, flexibel und selbstbestimmt, habe mit der Wirklichkeit wenig zu tun. Der Forscher zitiert eine Studie seines BAT-Freizeit-Forschungsinstituts in Hamburg. Danach wollen fast drei Viertel der Berufstätigen in Deutschland „arbeiten wie ihre Eltern - fest angestellt und mit geregeltem Feierabend“.

Mythos zwei: Zeitpioniere. Sie gelten als Leitbild einer neuen Leistungsgesellschaft, weil für sie „Zeitwohlstand“ genauso wichtig wie materieller Wohlstand ist. Sie sind leistungsbereit und arbeiten bewusst weniger, um mehr Zeit für sich und die Familie zu haben. So das Bild - in Wirklichkeit aber „stehen sie unter dem sozialen Druck eines permanenten Leistungsnachweises“, denn wer weniger arbeitet, könne auch weniger Karriere machen. Telearbeit ist nur für jeden zehnten Mitarbeiter attraktiv und an Job-Sharing sind lediglich sieben Prozent interessiert. Von Zeitarbeit wollen die Beschäftigten fast gar nichts wissen. Sie ist nur für zwei Prozent der Mitarbeiter vorstellbar.

Folglich wird die Arbeit für die Vollzeitbeschäftigten immer intensiver und unter Umständen auch psychisch belastender. Einen Beweis dafür lieferte Peter Brödner vom Institut für Arbeit und Technik aus Gelsenkirchen. Anhand einer Statistik des Verbandes der Rentenversicherer (VDR) wies er nach, dass sich die Zahl der beschäftigten Frauen mit psychischen Problemen, die in den Vorruhestand gegangen sind, in den letzten 20 Jahren vervierfacht hat, die der Männer hat sich verdoppelt. Opaschowski hat eine wenig optimistische Arbeitsformel für die Zukunft erfunden: 0,5 x 2 x 3. Sie bedeutet, dass die Wirtschaft mit der Hälfte der Mitarbeiter auskommt, die doppelt so viel verdienen und dafür dreimal so viel leisten müssen wie in der Vergangenheit.

Inhalt dieses Artikels