Fast zwei Drittel der erwerbslosen IT-Spezialisten sind unter 40

Die neue Arbeitslosigkeit

08.10.2002
Arbeitslos in der IT - das waren immer die anderen. Die Älteren. Die schlecht Qualifizierten. Inzwischen verlieren Menschen ihren Job, die nie damit gerechnet hatten: Sie sind jung, studiert und engagiert. Viele waren gerade dabei, Karriere zu machen. Von Alexandra Mesmer und Katja Müller

Es kann jeden treffen. Die Arbeitslosigkeit in der IT ist nicht mehr nur ein Phänomen der über 50-Jährigen, die niemand mehr einstellen will, oder der Druckvorlagenhersteller, die keiner mehr braucht. In diesem Jahr wies die Statistik erstmals die Generation der 25- bis 40-Jährigen als größte Problemgruppe aus: Im Juli 2002 waren 31701 IT-Fachleute dieser Altersstufe arbeitslos, ein Jahr zuvor waren es erst 17795. Insgesamt verdoppelte sich die Zahl der erwerbslosen IT-Profis seit Januar 2001 auf 66295 Menschen.

Auch Fred Klinger (Name von der Redaktion geändert) gehört zu den neuen IT-Arbeitslosen: Noch vor einem Jahr leitete der 36-Jährige die Supportabteilung eines Internet-Service-Providers, war für zehn Festangestellte und 20 freie Mitarbeiter verantwortlich und fuhr jeden Tag mit seinem Dienstwagen, einem 5er BMW, in die Firma. Im Oktober 2001 wurden er und andere Führungskräfte im Zuge einer Umstrukturierung entlassen.

Anfangs empfand es Klinger noch als spannend, eine neue berufliche Herausforderung zu finden. Vor seiner Zeit als Supportchef hatte er als System Consultant bei einer Frankfurter Unternehmensberatung gearbeitet und verfügt inzwischen über ein tiefes Wissen über die Windows- wie Unix-Welt. Die Jobsuche war immer reibungslos verlaufen: Der Headhunter rief an, und Klinger brauchte nur sein aktuelles Gehalt und die Größe des Dienstwagens zu nennen, um eine Position angeboten zu bekommen, die ihn auf der Karriereleiter eine Sprosse höher brachte.

Elf Monate und 150 Absagen später ist der einstige Manager völlig desillusioniert. "Die Jobsuche hat sich als frustrierend entpuppt: 30 Prozent der angebotenen Stellen sollen in Wirklichkeit gar nicht besetzt werden, es handelt sich nur um Imageanzeigen der Firmen.

Arrogante Firmen

Viele Unternehmen treten ausgesprochen arrogant gegenüber dem Bewerber auf, sagen ein Vorstellungsgespräch eine Stunde vor dem Termin ohne Begründung ab oder schicken statt des versprochenen Arbeitsvertrages nur eine Standardabsage", klagt Klinger, der das Verhalten der Firmen nicht nachvollziehen kann: "Schließlich bin ich in den vergangenen zwei bis drei Jahren nicht schlechter geworden."

Eine rationale Begründung für diese Entwicklung kann auch Madeleine Leitner nicht geben. In ihren Seminaren sieht sich die Münchner Karriereberaterin mit einer ungewohnten Klientel konfrontiert: Von der Marketing-Leiterin einer TK-Firma über den Diplombetriebswirt mit Zusatzausbildung im E-Commerce bis zum selbständigen IT-Berater haben alle ihren Job oder ihre Aufträge verloren. Gewachsen sind trotz Qualifikation und Berufserfahrung die Probleme, wieder Anschluss ans Berufsleben zu finden. "Bisher war es unvorstellbar, dass auch die gut Qualifizierten Gefahr laufen, zu Langzeitsarbeitslosen zu werden", so Leitner. Bereits ab einem Jahr ohne Job zählt man zu dieser Kategorie.

Zwar versucht das Arbeitsamt die hohen Erwerbslosenzahlen mit neuen Maßnahmen zu drücken, doch stellt sich etwa der von der Bundesanstalt für Arbeit gepriesene Vermittlungsgutschein zunehmend als Flop heraus.

Seit Ende März hat jeder, der länger als drei Monate arbeitslos ist, Anspruch auf einen Vermittlungsgutschein, den er bei einem privaten Jobvermittler einlösen kann. Die Höhe des Gutscheins bemisst sich nach der Dauer der Arbeitslosigkeit: Wer drei bis sechs Monate arbeitslos ist, erhält einen Gutschein über 1500 Euro, nach einem Dreivierteljahr 2500 Euro. Allerdings bekommt der Vermittler den kompletten Betrag erst dann ausbezahlt, wenn der Arbeitslose die Probezeit im neuen Job bestanden hat.

Rat vom Psychologen

Doch bisher wurde nur ein Bruchteil der Vermittlungsscheine eingelöst. Ein Grund dafür dürfte die Höhe der Vermittlungsgutscheine von maximal 2500 Euro sein, die den privaten Vermittlern zu niedrig ist. Üblich sind in der Branche Preise, die zwischen zwölf und 20 Prozent des Bruttojahresgehalts liegen.

Angesichts der geringen Aussicht auf Erfolg lassen sich viele arbeitslose Computerspezialisten inzwischen beraten: "Auf uns kommen mittlerweile verstärkt IT-Fachkräfte ohne Job zu", berichtet Hagen Seibt, Wirtschaftspsychologe aus Bochum. Die meisten von ihnen sind laut Seibt Freaks, die 14 Stunden am Tag vor dem Computer saßen. Auch während des Studiums schauten sie weder links noch rechts, so dass vielen die emotionale Entwicklung in diesem Zeitraum fehle. In Boomzeiten wären mangelnde soziale Kompetenzen jedoch für kaum eine IT-Abteilung ein Grund gewesen, den Spezialisten abzuweisen.

Probleme haben nicht nur IT-Fachleute, sondern auch viele Führungskräfte, die in den goldenen Zeiten der New Economy an ihre Position kamen und jetzt feststellen müssen, dass die Manager-Jobs rar geworden sind. Auf Hagen Kaehlers Schreibtisch landen fast täglich ein oder zwei Initiativbewerbungen, doch der Headhunter der auf Führungskräfte spezialisierten Personalberatung Korn/Ferry in Königstein im Taunus kann nur den wenigsten Interessenten helfen: "Viele sind zum Teil zu früh in eine Führungsposition gerutscht, die ihnen jetzt bei der Jobsuche im Weg steht." Wer einmal Manager war, wirkt unglaubwürdig, wenn er sich als normaler Mitarbeiter ohne jede Personal- oder Budgetverantwortung bewirbt.

Besonders fatal ist es in Kaehlers Augen, dass in Boomzeiten künstliche Positionen geschaffen wurden, deren bombastische Titel wie "Strategic Alliance Manager" zwar die Eitelkeit des Inhabers befriedigten, die aber heute kein Unternehmen mehr braucht. Oft verbarg sich hinter einem Director oder Vice President eine Ein-Mann-Veranstaltung. "Viele Leute haben Jobs angenommen, von denen sie besser die Finger gelassen hätten", so Kaehler. Die Unternehmen inspizieren den Lebenslauf der Bewerber mittlerweile wieder genauer, auf Qualifikationen, logisch aufeinander aufbauende Karriereschritte und eine gewisse Verweildauer in den Positionen wird verstärkt Wert gelegt.

Flut an Bewerbungen

Und sie können es sich erlauben: Die Großindustrie sucht kaum noch neue IT-Fachkräfte, und die wenigen Konzerne, die nach wie vor einstellen, werden mit Bewerbungen regelrecht überflutet. "Die Anzahl der Bewerbungen hat sich mindestens verdoppelt", erzählt Sabine Schönberg, Leiterin der Talentsuche und -bindung bei VW. Entsprechend lang ist auch die Liste der Anforderungen: Der Systemanalytiker/-architekt etwa soll unter anderem neben "hervorragenden Kenntnissen in der objektorientierten Anwendungs-Systementwicklung .NET/Java" auch "Überzeugungskraft mit sozialer Kompetenz" mitbringen, "außerordentlich teamfähig" sein, ein verhandlungssicheres Englisch sprechen (weitere Fremdsprache wünschenswert) und über Sicherheit im Kommunizieren und Präsentieren verfügen. Darüber hinaus erwartet der Konzern von diesem Kandidaten Eigeninitiative, interdisziplinäres Denken und Erfahrungen im Projekt-Management.

Doch nicht nur die großen Konzerne nutzen die Chance, nur erstklassige Bewerber einzustellen. Auch mittelständische Firmen profitieren von der angespannten Lage am IT-Arbeitsmarkt. Die Münchner Tebis AG, ein Softwarehersteller für Modell-, Werkzeug-, Formen- und Prototypenbau mit 120 Mitarbeitern, suchte einen erfahrenen Netzwerkspezialisten und bekam auf Anhieb 225 Bewerbungen. "Vor zwei Jahren hätten sich vielleicht gerade einmal 25 Interessenten gemeldet", sagt Tebis-Personalchef Axel Schilling. Heute hat er die Wahl unter Bewerbern, "die mehr können und weniger Geld verlangen als früher". Die Kandidaten dagegen können sich schneller ins schlechte Licht rücken, als ihnen lieb ist: Standardanschreiben, fehlende Unterschrift unter dem Lebenslauf oder keine chronologische Anordnung der Zeugnisse - die Liste der Negativpunkte ist lang.

"Schlecht ist auch, wenn jemand schon seit einem oder eineinhalb Jahren arbeitslos ist. Schließlich war es damals noch deutlich einfacher, in der IT-Branche einen neuen Job zu bekommen", urteilt Schilling. Auch schrillen bei ihm sämtliche Alarmglocken, wenn jemand versucht, seine Arbeitslosigkeit unter dem Deckmantel einer angeblichen selbständigen Tätigkeit zu verstecken.

Auch Fred Klinger hat erlebt, dass seine Bemühungen, die Durststrecke ohne Festanstellung als freiberuflicher IT-Berater für kleinere Firmen zu überbrücken, nicht immer goutiert wurden: "Das ist ein zweischneidiges Schwert. Die Firmen fragen sich: Warum will er in die Festanstellung zurück, war er etwa nicht erfolgreich? Andererseits kann ich nicht nur Zuhause herumsitzen."

Eine Einstellung, die in den Augen von Karriereberaterin Leitner auch richtig ist: "Wenn die neuen Arbeitslosen sich keine Übergangsbeschäftigung suchen und gleichzeitig kein Ende ihrer Arbeitslosigkeit abzusehen ist, verfallen sie in Depressionen." Die Psychologin musste schon oft einen Teufelskreis beobachten: Je länger die Jobsuche dauert, umso stärker ziehen sich viele zurück. Sie schämen sich, im Freundeskreis über ihr Problem zu sprechen, sie beginnen, an sich selbst zu zweifeln, was schließlich sämtliche Bewerbungsinitiativen lähmt.

Nur nicht herumsitzen

Doch bevor sich dieser Kreis schließt, empfiehlt Psychologe Seibt arbeitslosen Informatikern, sich in jedem Fall zu beschäftigen, im Notfall auch selbständig und ohne Lohn: "Eine ganze Reihe meiner Klienten haben es geschafft und betreiben Kleinstunternehmen. "Manchmal reiche schon eine Fünf-Euro-Annonce in einem Anzeigenblättchen: "Komme bei PC-Problemen ins Haus". Darüber hinaus berät Seibt die Betroffenen in Einzelgesprächen. "Nach fünf bis zehn Jahren IT-Laufbahn sind die Leute ganz hilflos. Ich bringe sie dazu, ihr Problem zu verstehen." Seine Klienten müssen einen geregelten Tagesablauf für die nächsten sechs Wochen ausarbeiten und Seibt bespricht mit ihnen die Inhalte.

Freilich muss man sich Alternativen, wie Teilzeit, Zeitarbeit oder freiberufliche Projektarbeit auch finanziell erlauben können. Denn viele der qualifizierten Arbeitslosen bezogen einst ein stattliches Salär und leisteten sich einen entsprechenden Lebensstandard. Wie Klinger, der sich eine Doppelhaushälfte in einem Münchner Vorort anschaffte, die er weiter abbezahlen muss.

Dennoch zeigen Beispiele, dass sich Eigeninitiative gepaart mit einer großen Portion Glück auch in Krisenzeiten auszahlt. Ein 55-jähriger promovierter IT-Spezialist aus München wurde monatelang von einem Outplacement-Berater betreut - ohne Erfolg. Doch der Vietnamese behielt seine Zuversicht und erzählte auch im Bekanntenkreis, dass er eine neue Stelle suche. Als schließlich einem entfernten Bekannten ein Job bei einem Mittelständler in Dresden angeboten wurde, für den sich dieser nicht interessierte, empfahl er den 55-Jährigen. Der arbeitet heute als Qualitäts-Manager an der Elbe.