Intranet und Legacy-Systeme/Im Intranet wird Groupware neu definiert

Die Meta Group räumt Lotus einen großen Vorsprung ein

31.01.1997

Aufgeweckt vom munteren Treiben des Emporkömmlings Netscape, verzetteln sich etablierte Giganten der Software- und Kommunikationsmärkte in für den Anwender kaum nachvollziehbaren Intranet-Strategien. Ein Beispiel dafür liefert Groupware, deren Existenzberechtigung angesichts der neuen Kommunikationsplattformen Internet und Intranet zweifelhaft ist.

Lotus rückt weit ab von der bisweilen von Betriebswirten, Soziologen und Psychologen dominierten Plauderei über das Wesen von Teamwork in einer flexibilisierten Arbeitswelt. Das Unternehmen stemmt sich mächtig gegen eine weitere Einverleibung der Intranet-Arena durch den vermeintlichen Widersacher Nummer eins, Netscape. Microsoft ließ trotz heftigen Theaterdonners gegen Lotus von der Groupware-Positionierung seines Novizen Exchange Server ab und bringt es nunmehr bescheidener als Messaging-Offerte unter die Leute. Novell schließlich, mit durchaus ansehnlichen Erfolgen bei Groupware und unbestritten marktführend im LAN, blickt wie gelähmt auf den Intranet-Schauplatz.

Clive Longbottom, Director Workgroup Computing Strategies bei der Meta Group in London, bringt das Novell-Dilemma auf den Punkt: Beim Endanwender ist Novell jenseits seines Netz-Betriebssystems nicht existent. Fragt man nach Desktop-Playern, fällt der Name Microsoft, fragt man nach Groupware, heißt es Notes. Letztlich starre Novell wie ein Kaninchen auf die Schlange Windows NT, was dem einstigen Keyplayer arg zu schaffen mache.

Intranet, das neue Terrain der Groupware-, E-Mail- und Web-Anbieter, hat sich Longbottom einmal genauer angesehen. Sein Credo: "Jeder 1997 ausgelieferte Server wird Web-fähig sein." Bald werde sich zeigen, welcher Anbieter im Intranet den anderen die Stirn bieten könne. Konzentriert hat sich Longbottom dabei vor allem auf das "Group-Web" als Schnittmenge der Bereiche Mail, Groupware und Web. Auf diesem Gebiet stritten sich Server- und Applikationsanbieter um die Marktführerschaft.

Goldene Zeiten im Intranet-Server-Markt?

Das Rennen ist für Longbottom offen. Während Netscape wohl die höchste Entwicklungsdynamik auszeichne, sei für Microsoft die Browser-Integration ins Betriebssystem von Vorteil. Von einer ausgezeichneten Position aus gehe Lotus ins Rennen, während für Novell die Directory Services und die etablierten Vertriebsstrukturen sprechen.

Der Intranet-Server-Markt verspricht goldene Zeiten: So soll er Dataquest zufolge binnen zehn Jahren auf das Zehnfache des Browser-Markts anwachsen. Wie die Meta Group ermittelte, stehen schon drei von vier Web-Servern in firmeneigenen Netzwerken. Unter solchen Vorzeichen will sich Lotus mit seiner Groupweb-Strategie - vor allem mit dem Domino-Server - mittelfristig als Marktführer bei Intranet-Servern etablieren. Für 1997 hat sich das Unternehmen rund 20 Prozent und für 1998 bereits 30 Prozent Marktanteil zum Ziel gesetzt.

Im Augenblick ist der ansehnliche Intranet-Server-Markt vor allem ein Schauplatz der Auseinandersetzung zwischen Lotus und Netscape. Die IBM-Tochter sieht trotz eines Groupware-Marktanteils von 37 Prozent, so IDC für das erste Halbjahr 1996, in Net- scape eine große Gefahr für ihren wichtigsten Markt. Denn je mehr es so aussieht, als daß Microsoft auf lange Sicht das Browser-Rennen für sich entscheiden könnte, indem das entsprechende Funktionalität in seine Betriebssysteme implementiert, desto mehr weicht Netscape in den Server- und Groupware-Markt aus.

Überhaupt scheinen sich die (von Lotus erfundenen) Spielregeln für den Groupware-Markt derzeit zu ändern. Wer dem Notes-Lieferanten die Stirn bieten wollte, hatte bis dato schlechte Karten. Kein Wunder, daß Microsoft kurzfristig von der Groupware-Positionierung von "Exchange" Abstand nahm und es jetzt unter dem Messaging-Banner auftreten läßt. Der schlafende Riese ist aufgewacht und feilt an der Ausgestaltung von Exchange für das Web.

Netscape drängt unbekümmert vor

So lassen sich in der kommenden Version 4.5 Mapi-Objekte dynamisch in HTML-Seiten verwandeln und über den MS Internet Information Server (IIS) abfragen. Die Entwicklung von Groupware-Anwendungen wird auf HTML-Forms umgestellt und damit im Web frei verfügbar. Seit dem Siegeszug des Intranet und dem unbekümmerten Auftreten der Firma Netscape, die den einstigen Groupware-Anbieter Collabra unter seine Fittiche gebracht hat, werden die Karten neu gemischt. Das Intranet avanciert zu einer Kommunikationstechnik mit Groupware-Ambitionen.

Für seinen außerordentlichen Erfolg bei den Anwendern sprechen insbesondere seine Einfachheit und Herstellerunabhängigkeit. Erforderlich sind ein TCP/ IP-basierendes Netz, ein Web-Server, ein Hardware-unabhängiger Browser auf einem beliebigen Rechner sowie ein Treiber auf HTML-Basis. Ohne viel Federlesens und mit einem geringen Programmieraufwand läßt sich ein Intranet in Betrieb nehmen.

Laut IDC verbuchten Intranets 1995 bereits den dreifachen Umsatz - 276 Millionen Dollar - von Internet-Lösungen. Darunter fallen Aufwendungen für Web-Server, Browser, Firewalls, Autorisierungswerkzeuge und E-Mail. Über drei Milliarden Dollar Umsatz sollen es im Jahr 2000 sein, so IDC. Aus einer Lotus-Studie geht hervor, daß bereits 64 Prozent der Fortune-1000-Unternehmen ein Intranet einsetzen. Anwendungsgebiete seien Informationsverteilung, Vertriebsunterstützung und elektronische Post.

Browser erhalten Groupware-Funktionen

Ob Diskussionsforen, Terminabstimmung oder der Zugriff auf interne und externe Datenbanken, Groupware-Funktionalität wird das Intranet prägen. Ein Stück weit kommt Netscapes Navigator diesem Anforderungsprofil entgegen, wie die Verwaltung von Diskussionsforen und der Abgleich von Datenbeständen zeigen. Bald soll eine E-Mail-Komponente integriert werden und weitere Groupware-Funktionalität von Collabra nach sich ziehen. Ein breites Spektrum von Intranet-Servern für unterschiedliche Betriebssysteme soll Netscape dazu dienen, ehemals proprietäre Welten mit der Intranet-Technik zu besetzen.

Doch für die Kommunikation im Intranet ist Netscape nicht unbedingt erforderlich: Der Versand von E-Mails per Simple Mail Transfer Protocol (SMTP) und Dateien per File Transport Protocol (FTP) geht auch ohne über die Bühne. Richtig viel bewegen läßt sich im Intranet jedoch erst mit Java, dem plattformunabhängigen Programmiercode. Maßgestrickte Applets, auch Groupware, sollen Web-Seiten charakterisieren.

Doch so schnell mahlen die Mühlen nicht. Insbesondere was die Sicherheits- und Verzeichnisdienste anbelangt, ist der riesige Vorsprung von Lotus, das sich in einem der wohl umsatzträchtigsten Zukunftsmärkte eine gute Ausgangsposition gesichert hat, kaum wettzumachen. Marktforscher erheben Groupware und Messaging gar zu den wichtigsten Applikationen im Intranet.

Wann läßt Microsoft die Muskeln spielen?

Dataquest zufolge sollen Microsoft und Lotus schon in wenigen Jahren 70 Prozent des Intranet-Markts kontrollieren. Wer kann schon das klassische Groupware-Leistungsspektrum im Intranet, zu dem Sicherheit, die Unterstützung mobiler User, Agents, Components (zum Beispiel abgespeckte Spreadsheet- oder Grafik-Tools), komfortables Mail, die Entwicklungsumgebung und Scheduling gehören, gewährleisten?

Im Unterschied zu Netscape und Microsoft, die künftig eine Reihe von Intranet-Servern mit unterschiedlicher Funktionalität bereithalten, erhält der Anwender mit Lotus Domino ein umfassendes Leistungsspektrum in nur einem Paket. Das "Full-Service-Intranet in der Box", so die offizielle Beschreibung von Domino 1.5, verwandelt den proprietären Notes-Server in einen offenen Web-Applikations-Server, der auf eine Vielzahl von Datenbanken zugreifen kann. Außerdem unterstützt Domino den herkömmlichen Internet-Standard, Java und Microsofts Active-X-Technologie. Domino speichert HTML-Dokumente, bietet Volltextsuche, Sicherheits-Management und integrierte Applikationsentwicklung, ferner Host-Integration, Replikation sowie E-Mail und Workflow übers Internet.

Solange jedoch Java noch nicht allgemeiner Standard ist, kommt wohl niemand beim Thema Group-Web an Lotus vorbei. Wie es scheint, ist das Intranet schon heute der Inbegriff aller Unternehmenskulturen, die die Informationen ihrer Mitarbeiter austauschen. Doch die eigentliche Frage bei der neuen Technologie lautet: Wie viele Router und Gateways muß man erwerben, welche Plattform und Software läuft auf IP-Protokollen.

Angeklickt

Groupware im Web heißt die Killerapplikation der Zukunft. So meint es zumindest die Gartner Group. Tatsächlich boomt der Markt für Intranet-Server, und die Investitionen lassen Aufwendungen für das Internet weit hinter sich. Experten rechnen mit einer engeren Verknüpfung von einfacher Intranet-Technologie und Anwendungen für eine bessere Zusammenarbeit im Netz. Java wird die Kommunikation der Anwender weiter erleichtern und damit die Anbieter von Intranet-Servern unter Zugzwang setzen. Die Wettbewerber am Markt stecken ihre Claims neu ab.

*Winfried Gertz ist freier Journalist in München