Die Mär vom innovativen Outsourcing

Joachim Hackmann ist Principal Consultant bei Pierre Audin Consulting (PAC) in München. Vorher war er viele Jahre lang als leitender Redakteur und Chefreporter bei der COMPUTERWOCHE tätig.
Das hart umkämpfte Auslagerungsgeschäft lässt wenig Raum für Neuerungen im Betrieb.

Symptomatisch für die Veränderungen im deutschen Outsourcing-Markt sind die vergeblichen Bemühungen der Hypovereinsbank, ihr Rechenzentrum auszulagern. Zu hohe Erwartungen und mangelndes Commitment in Form einer kurzen Vertragslaufzeit gegenüber einem potenziellen Provider haben dazu geführt, das die Anbieter reihenweise abgewunken haben: "Die Provider sind nicht mehr bereit, jeden Preis für die Übernahme zu bezahlen", erläutert Karsten Leclerque, Berater bei Pierre Audoin Consultants (PAC). Der Finanzdienstleister wird daher den Rechenzentrumsbetrieb in die Zentrale der Muttergesellschaft, die Unicredit in Italien, verlagern. Lediglich die Betreuung der Kreditanwendungen und Teile der Wertpapierabwicklung werden nun extern erbracht. Ersteren Service liefert IBM, das Wertpapiergeschäft wickelt die ITS ab, das Joint Venture von T-Systems und Trinkaus & Burkhardt.

Platzhirsche mit Problemen

Die großen Anbieter beherrschen zwar den Markt, mit dem Trend zum selektiven Outsourcing tun sich aber schwer.
Die großen Anbieter beherrschen zwar den Markt, mit dem Trend zum selektiven Outsourcing tun sich aber schwer.

Der Trend zum selektiven Outsourcing - von einzelnen Infrastrukturkomponenten bis hin zu Geschäftsprozessen - lässt die Volumina einzelner Verträge sinken. Durch die "Best-of-Breed"-Vergabe von Leistungen an unterschiedliche Anbieter steigen zudem die Herausforderungen an das Schnittstellen-Management zwischen den einzelnen Leistungserbringern. Zusätzlich werden die Laufzeiten der Verträge kürzer. "Das ergibt ein schwieriges Umfeld für klassische Out-sourcing-Finanzmodelle, die das Erreichen der Profitabilitätszone teilweise erst nach Jahren vorsehen", schildert Leclerque die Folgen der Entwicklung.

In einem derartigen Umfeld tun sich vor allem die "Platzhirsche" schwer. Weder IBM noch CSC oder EDS haben laut PAC-Zählung 2005 mehr als fünf Prozent Wachstum im deutschen Outsourcing-Markt erzielt. Das Gleiche gilt für T-Systems, wenn man den positiven Effekt der Integration von Teilen der T-Com ausklammert. Zwei- und zum Teil sogar dreistellige Wachstumszahlen verzeichneten allenfalls die ambitionierten Herausforderer, allen voran Atos Origin gefolgt von Accenture, Hewlett-Packard und Computacenter. Auch Siemens Business Services konnte im konzernunabhängigen Markt noch zweistellig zulegen. Damit ist das Feld auch für alternative Anbieter bestellt, erste Akzente haben 2006 etwa die indischen Anbieter Sonatas und Tata Consultancy Services (TCS) gesetzt. Sonata hat die Mehrheit an der TUI-Tochter Infotec erworben. TCS folgte mit der mehrheitlichen Beteiligung an der Schweizer TKS-Teknosoft.

Kosten senken reicht nicht aus

"Angesichts dieses immensen Wettbewerbs- und des darauf folgenden Kostendrucks bleibt nicht viel Raum für die viel gepriesene Innovationspartnerschaft, die helfen könnte, das derzeitige Image des Outsourcing-Konzepts zu verbessern", warnt Leclerque. Innovation beschränkt sich gegenwärtig darauf, den höheren Grad der Standardisierung und Automatisierung zu erhöhen, um die Betriebskosten zumindest kurzfristig unter die des Wettbewerbs zu drücken beziehungsweise Arbeiten on Off- und Nearshore-Zentren auszulagern. In der Folge sinkt die gefühlte Qualität der Leistungen, auch wenn vereinbarte Service-Level-Agreements (SLAs) eingehalten werden. Außerdem verstärkt diese Entwicklung den Eindruck unter IT-Mitarbeitern, dass Outsourcing gleichbedeutend mit Arbeitsplatzabbau beziehungsweise -verlagerung ist.

"Innovation im Outsourcing bedeutet aber auch neue Geschäftsmodelle zu etablieren, die zunehmend eine Flexibilisierung von Leistung und Abrechnung ermöglichen", schreibt der PAC-Experte den Anbietern ins Pflichtenheft. Das umfasse etwa Price-per-Seat-Modelle oder "Software as a Service", also bedarfsgerechte Abrechnungsverfahren. Zudem sollten sich die Provider darum bemühen, gezielt Synergien zwischen Kundengruppen auszunutzen, und sich nicht darauf beschränken, wettbewerbskritische Ressourcen oder Prozesse in Form von Shared-Services-Zentren oder "Fabriken" zu betreiben, um Kosten senken zu können.

Karsten Leclerque: "Der immense Wettbewerbsdruck lässt kaum Raum für die viel gepriesene Innovationspartnerschaft."
Karsten Leclerque: "Der immense Wettbewerbsdruck lässt kaum Raum für die viel gepriesene Innovationspartnerschaft."

Die Chancen auf einen Sinneswandel unter den Anbietern stehen laut Leclerque gut, weil sie sich zunehmend auf definierte Branchen oder Services konzentrieren. Ihr gebündeltes Prozess-Know-how bildet die Basis dafür, dass sie den transformatorischen und beratenden Aspekt von Outsourcing wieder in den Vordergrund stellen können. Ihre Unterstützung in der Bearbeitung der Compliance-Anforderungen auf Anwenderseite ist ein prominentes Beispiel.

Nichtsdestotrotz bleibt Kosteneffizienz im Betrieb der wichtigste Erfolgsfaktor. Die optimale Nutzung globaler Delivery-Konzepte, gegebenenfalls auch über Partnerschaften ist nach wie vor ein wichtiger Baustein. Auch die wachsende Globalisierung auf Kundenseite zwingt Anbieter zu einer entsprechenden geografischen Präsenz.

Raum für neue Anbieter

Demzufolge schreitet auch die Konsolidierung unter den Anbietern fort. Die Übernahme der VW-Tochter Gedas verhilft beispielsweise T-Systems nach Daimler-Chrysler zu einem zweiten großen Kunden in der Automobilbranche, aber auch zu deutlichem Wachstum außerhalb der angestammten Kernländer. Auch LogicaCMG schickt sich an, durch die Vereinnahmung von Unilog und WM-Data zu den globaleren Anbietern in der Branche aufzuschließen.

Zudem verstärken auch die traditionellen Anbieter mehr und mehr ihre Near- und Offshore-Präsenzen. Während die US-amerikanischen Konzernen, wie IBM, EDS und Accenture hier schon recht weit fortgeschritten sind, haben die Europäer noch Nachholbedarf. Anbieter wie T-Systems, Siemens Business Services und Capgemini haben die Notwendigkeit erkannt und ziehen nach.

Zu groß für den Mittelstand

"Die Größe der Unternehmen verspricht auf der einen Seite internationale Wettbewerbsfähigkeit und die Nutzung von Skaleneffekten, sie kann aber auch von Nachteil sein. Das gilt etwa für den deutschen Mittelstand, in dem der Knoten nun scheinbar endgültig geplatzt ist und das Outsourcing-Geschäft an Dynamik gewinnt", schildert Leclerque. Die Großen der Branche tun sich mit dieser Klientel schwer. Sie haben noch keine ausgewogene Mischung aus hoch standardisierten Services - ein Muss, um profitabel anbieten zu können - und den noch immer sehr individuellen Bedürfnissen mittelständischer Kunden gefunden, zumal die Mittelständler auch günstige Preise einfordern. Hier dominieren nach wie vor Anbieter, die auf Augenhöhe mit den Kunden verhandeln. Prominentes Beispiel ist die TDS AG, die kürzlich von Fujitsu Services übernommen wurde.

Gutes Marktwachstum

Doch kurzfristig hängt das Wachstum der kommenden Jahre nach wie vor von einigen sehr großen Deals wie beispielsweise dem Herkules-Projekt der Deutschen Bundeswehr ab. Das ist auch der Grund für die Spannweite der PAC-Prognose, die so hoch wie nie zuvor ausfällt. Falls einige der großen Deals nicht oder verspätet abgeschlossen werden, prophezeit PAC dem Markt ein jährliches Wachstum von sechs bis sieben Prozent bis 2010. Kommt ein Großteil der Verträge wie erwartet zustande, rechnet PAC mit etwa 13 Prozent Wachstum. Das durchschnittliche Jahrswachstum liegt damit bei zehn Prozent.