Die IT-Konsolidierung hört niemals auf

18.07.2006
Von Michael Hermann
Ehe der Anwender sich versieht, hat sich ein Hardware- und Softwarezoo in seiner IT-Abteilung angesammelt. Dieses Durcheinander zu harmonisieren ist eine unendliche Geschichte.
Jeder Anwender hat individuelle Anforderungen an ein Konsolidierungsvorhaben. Deswegen sollten die verschiedenen Lösungsszenarien auch zu den einzelnen Kundensituationen passen.
Jeder Anwender hat individuelle Anforderungen an ein Konsolidierungsvorhaben. Deswegen sollten die verschiedenen Lösungsszenarien auch zu den einzelnen Kundensituationen passen.

Nimmt ein Anwender ein Konsolidierungsvorhaben in Angriff, drückt ihn meist irgendwo der Schuh. Doch die Anlässe, die Unternehmen den Anstoß zu einem solchen Projekt geben, wiederholen sich. Die ERP- und SAP-Experten von T-Systems haben daher modellhaft fünf typische Ausgangssituationen für solche IT-Umbaumaßnahmen ausgemacht: Mergers & Acquisitions, Reorganisation von Prozessen, Compliance (Umwelt, Gesetze, Steuern), Technologie und Innovation sowie Kosten und Werte der IT. Diese Typologie entstand aus langjährigen Erfahrungen mit SAP-Projekten inklusive zahlreicher Kundengespräche und Workshops. Als häufigste Ursachen für Umbauaktionen schälten sich dabei interne und externe Veränderungen in der Aufbau- und Ablauforganisation von Unternehmen heraus.

Kontinuierliche Konsolidierung

"Der Trend unter den SAP-Anwendern geht Richtung R/3 4.7", erklärt Cristian Wieland, Leiter des Bereichs Consulting beim Münsteraner Marktforschungs- und Beratungsunternehmen RAAD Consult. Noch ist zwar die Vorgängerversion 4.6.C rein zahlenmäßig in der Mehrheit, doch weist die aktuelle RAAD-Umfrage 2005/06 unter mehr als 3000 SAP-Bestandskunden aus, dass bereits fast ein Drittel von ihnen R/3 4.7 implementiert hat, während 17 Prozent Mysap einsetzen.

Als wichtigste Business-Treiber für die IT hat RAAD dabei die Kategorien "Innovation" und "Integration" identifiziert. Unter Innovation fallen Unternehmensentscheidungen für Systemerweiterung und ERP-Modernisierung, denen insgesamt 38 Prozent der Befragten den größten Einfluss auf die IT-Aktivitäten ihres Unternehmens innerhalb des laufenden Jahres zubilligten. "Dabei zieht eine Modernisierung oftmals eine Harmonisierung der Systeme nach sich", erläutert Wieland und verweist darauf, dass in vielen Unternehmen noch unterschiedliche SAP-Release-Stände nebeneinander existieren. Unter dem Punkt "Integration" fassen die Anwender die Erneuerung von Hardware und Infrastruktur, interne Systemkonsolidierung, Standortverknüpfung, Merger & Acquisitions/ Spinoff und Internationalisierung/Expansion zusammen. Für 39 Prozent der Befragten sind dies die maßgeblichen Ansatzpunkte einer Konsolidierung.

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"Natürlich ist jedes Unternehmen anders und braucht individuell zugeschnittene Lösungen", sagt Thomas Weis, Leiter Delivery Center ERP bei T-Systems. "Wo es strukturelle Ähnlichkeiten in der Ausgangslage gibt, jedes Mal das Rad neu erfinden zu wollen, ist eine Verschwendung von Zeit und Geld." So lag es nahe, für die typisierten Kundensituationen auch standardisierte Lösungsmodelle zu entwickeln. Dabei nutzte der Dienstleister die Kooperation mit Hochschulen wie dem Forschungsinstitut für Rationalisierung an der RWTH Aachen (FIR) und erarbeitete ein Bündel von zehn Lösungsszenarien, die unter dem Oberbegriff "POSH" (Prozessorientierte SAP-Harmonisierung) zusammengefasst sind. Dazu zählen unter anderen die Harmonisierung von Buchungskreisen, Stammdaten oder Schnittstellen, die beispielsweise häufig im Falle einer Fusion zum Einsatz kommen. "POSH können Sie sich als Sammlung von 80-Prozent-Blaupausen vorstellen, die noch genügend Raum für notwendige kundenspezifische Anpassungen lassen", erklärt Weis. Wichtig sei dabei, Kunden eine Prozesssicht auf ihre IT vermitteln zu können.

Zentraler Bestandteil dieses prozessorientierten Lösungsansatzes sind die "Service Packages". Denn POSH, so versichert der ERP-Experte, sei eben kein Megaprojekt, dessen schiere Größe Interessenten von vornherein abschreckt, sondern eine modulare, nach dem Baukastenprinzip erarbeitete Lösungssuite.

Potenziale ausloten

Mit Servicepaketen wie "IT Quick Check", "Systems Scan" oder "Business und System Scan" analysieren die Berater in der Evaluationsphase zunächst das Potenzial eines solchen Konsolidierungsvorhabens. Danach erst steht das "Solution Design" auf der Tagesordnung - "aber nur, wenn der Kunde es auch in Anspruch nehmen will. Nach der Evaluation kann er das Projekt maßgeschneidert aufsetzen, wie es Strategie und Dringlichkeit, Ressourcen- und Kostensituation in seinem Unternehmen erfordern", so T-Systems-Mann Weis. Damit folgen auf die Evaluation die Phasen "Build & Run", von Konzeption über Implementierung bis zum Live-Betrieb.

Zwei Systeme werden eins

Ein entsprechendes ERP-Konsolidierungsprojekt bei dem Auftragsfertiger Zollner mit Stammsitz in Zandt/Bayern und einer Reihe internationaler Standorte stand ganz im Zeichen der typischen Kundensituation "Technologie und Innovation". Das Unternehmen war aus seinen beiden bestehenden Nicht-SAP-Systemen herausgewachsen und suchte mit Blick auf weiteres Wachstum und Sicherheit in der Prozessteuerung eine neue IT-Plattform. Zollner entschied sich schließlich für SAP R/3 Enterprise, um die harmonisierten und standardisierten Prozesse abzubilden.

Das Projekt wird in mehreren Etappen umgesetzt. Nachdem zum Jahreswechsel 2006 die komplette IT-System-Landschaft der deutschen Standorte auf SAP-Software umgestellt wurde, steht als Abschluss ab Sommer 2006 der Rollout an den ungarischen und rumänischen Niederlassungen mit der Ablösung der dortigen Altsysteme auf der Agenda. Damit vollendet das Fertigungsunternehmen die angestrebte umfassende Vereinheitlichung und Harmonisierung seiner Prozesse an allen Produktionsstandorten. Künftig werden 1600 Anwender im In- und Ausland das SAP-System und einheitliche Prozesse nutzen.

Von Altanwendungen zu SAP R/3

Bei einem dänischen Molkereikonzern sollen künftig 6700 Anwender mit einem SAP-System arbeiten. Im Mittelpunkt der Systemkonsolidierung stand hier die Betrachtung von "IT-Kosten und -Werten". Daraus resultierte ein Migrationsprojekt von Legacy-Systemen zu SAP R/3.

Das Projekt begann mit umfangreichen Testszenarien und -verfahren, um eine ständige Überprüfung der Funktionen von Alt-Anwendungen und neuer Lösung in der Übergangsphase zu gewährleisten und einen optimalen Live-Betrieb von R/3 vorzubereiten. Neben Qualitäts-Management und Change-Kontrolle unterstützten die Consultants das Unternehmen bei der Migration von Stamm- und Belegdaten sowie der Realisierung von Schnittstellen zwischen alten und neuen Systemen respektive von SAP- zu Nicht-SAP-Systemen. Da der Anwender eine sukzessive Migration anstelle eines "Big Bang" vorzog, beanspruchte der Schnittstellen-Einbau einen erheblichen Teil der Projektarbeit.

Nach der Fusion

Bei der fusionierten Heag Südhessische Energie AG (HSE) waren Ausgangssituation und Harmonisierungsaufgabe eindeutig: Die Systeme der beiden regionalen Energieversorger sollten nach dem Merger zu einer homogenen Systemlandschaft konsolidiert werden. Dazu zählte neben der Harmonisierung von Stammdaten und Buchungskreisen auch die Erweiterung und Vereinheitlichung von Prozessen.

Die beiden Fusionspartner Heag Versorgungs-AG und Südhessische Gas & Wasser AG hatten unterschiedliche SAP R/3-Systeme im Einsatz, so dass es beim "Solution Design" respektive der "Business-Blaupause" darum ging, das Beste aus beiden Welten im neuen gemeinsamen R/3-System zu versammeln. Außerdem stand die Einbindung der branchenspezifischen Kundenabrechnungssysteme auf der To-do-Liste.

Um den Einführungsaufwand zu reduzieren, entschieden sich Berater und Fusionspartner dafür, die R/3-Version der Heag als Grundlage für die Konsolidierung zu definieren. So wurde das ursprüngliche SAP-R/3-System der Heag mit Customizing und sämtlichen Stammdaten in die neu angelegte Systemumgebung kopiert. Zugleich flos-sen erprobte Anwendungen der Südhessischen Gas & Wasser AG in die neue Lösung ein. Auch bei diesem Projekt gehörte das Test-Management zu den umfangreichsten Arbeitsschritten. (ba)