Offshoring in Deutschland

Die Inder sind da

Joachim Hackmann ist Principal Consultant bei Pierre Audin Consulting (PAC) in München. Vorher war er viele Jahre lang als leitender Redakteur und Chefreporter bei der COMPUTERWOCHE tätig.
Die indischen Offshore-Provider drängen auf den deutschen Markt, indem sie eigene Experten einfliegen und hiesige Mitarbeiter einstellen. Doch in der Praxis sind viele Probleme noch ungelöst.
Quelle: Torsten Gründer
Quelle: Torsten Gründer
Foto: Torsten Gründer

Für Anwender gibt es im Prinzip zwei Möglichkeiten, um IT-Experten aus Indien oder anderen Regionen in ihre Abläufe beziehungsweise Projekte einzubinden: Sie können entweder einen etablierten Dienstleister wie Hewlett-Packard, IBM, T-Systems, Accenture oder Capgemini verpflichten, der für den Servicebetrieb einen Mix aus Onsite- und Offshore-Kapazitäten zusammenstellt. Oder sie wenden sich direkt an einen indischen IT-Dienstleister, der versuchen wird, seinen Kunden mit möglichst wenigen Mitarbeitern vor Ort zu betreuen. Die dritte Möglichkeit für Unternehmen, selbst Offshore-Standorte aufzubauen, kommt in der IT kaum vor.

  • Ersteres Modell hat beispielsweise BMW gewählt. Der Münchner Autobauer hat den Applikationsbetrieb an IBM ausgelagert. Ansprechpartner sind die IBM-Experten vor Ort. Sie fungieren als Schnittstelle zwischen dem Autobauer und den Offshore-Kräften etwa in Asien.

  • Den alternativen Weg hat unter anderem Contintental eingeschlagen. Der Konzern aus Hannover unterhält einen Servicevertrag mit dem indischen Provider Wipro. Continentals IT-Mitarbeiter arbeiten in der Regel direkt mit den Wipro-Spezialisten, zumal die Inder nur wenig Personal in Deutschland beschäftigen.

Der Wettbewerb um potenzielle Kunden ist zwischen diesen Anbieterlagern in vollem Gang: Auf der einen Seite stehen die hiesigen Dienstleister mit ihren guten Kundenkontakten und Billiglohnkräften im Hintergrund. Auf der anderen Seite werben die indischen Provider mit ihren enormen Personalkapazitäten und ihren erprobten und etablierten Prozessen für den Servicebetrieb. Sie bauen derzeit ihre lokalen Standorte aus.

Know-how-Schmiede Indien

Der Offshoring-Standort der Wahl ist derzeit Indien, weil es dort sehr viele gut ausgebildete IT-Experten gibt. Allesamt können die Anbieter auf enorme Ressourcen zurückgreifen. Beispielsweise beschäftigt IBM unbestätigten Quellen zufolge mehr als 100.000 Experten auf dem Subkontinent, und damit ungefähr genauso viele wie im Stammland USA. Accenture hat dort 50.000 IT-Spezialisten in Lohn und Brot, und Capgemini kann rund 23.000 indische Kollegen in IT-Projekte einbinden. Damit kommt jeder vierte Capgemini-Mitarbeiter aus Indien.

Auf noch mehr Personal können die indischen Dienstleister selbst zurückgreifen. Die großen Drei sind Tata Consultancy Services (TCS) mit 140.000 Mitarbeitern sowie Infosys und Wipro mit 110.000 beziehungsweise 105.000 Beschäftigten. Der größte Teil von deren Mitarbeitern kommt jeweils aus Indien.

Alle genannten Unternehmen profitieren von den indischen Universitäten, die für ihre gute Ausbildung bekannt sind. Allerdings können sie den enormen Bedarf an Akademikern kaum decken: "Die Belegschaften in der indischen IT-Industrie sind in den vergangenen Jahren immer zweistellig gewachsen, in Spitzenzeiten sogar um 25 Prozent per annum. Die Zahl der Hochschulabsolventen in IT-nahen Studiengängen steigt aber pro Jahr um lediglich vier Prozent", berichtet Wolfgang Messner, Principal und Head of Offshore Delivery bei Capgemini.

Daher unterhalten alle IT-Dienstleister hausinterne Universitäten in denen sie auch fachfremde Akademiker weiterbilden. Nur so können sie den großen Hunger der IT-Industrie nach Fachkräften stillen. Capgemini unterrichtet neue Kollegen beispielsweise drei Monate in eigenen Schulungszentren und stellt sie dann für weitere Monate erfahrenen Mitarbeitern zur praxisnahen Ausbildung zur Seite, bevor sie in einem Projekt ihre ersten eigenen Aufgaben bekommen.