Softwareschmiede verlegt Headquarter von London in die USA

Die IBM vertreibt mit Sapiens ein Konkurrenzprodukt zu CSP

30.08.1991

MÜNCHEN (qua) - Sapiens International darf sich neuerdings "IBM Business Partner" nennen. Zwar zeigt der Branchenprimus noch kein finanzielles Engagement, doch hat er sich bereit erklärt, den Anwendungsgenerator "Sapiens" mit Hilfe seiner Salesforce an den Mann oder die Frau zu bringen.

Das Marketings-Agreement betrifft vorerst nur die USA und Kanada. Auf die Frage, wann die deutschen IBM-Verkäufer Sapiens im Angebot haben werden, antwortet Wilfried Kiegele, Geschäftsführer der Sapiens Deutschland GmbH, Wiesbaden: "Es gibt Gespräche in dieser Richtung; das ist die Formulierung, auf die wir uns geeinigt haben."

Wenngleich sie sich in technischer Hinsicht stark unterscheiden, decken das mit den Etiketten "regelbasiert" und "objektorientiert" geschmückte Sapiens-Produkt und der IBM-eigene Cobol-Generator CSP dieselbe Phase innerhalb des AD/Cycle-Konzepts ab. Dennoch, so Kiegele, habe die IBM keineswegs vor, sich mit dem gerade geschlossenen Vertriebsabkommen selbst Konkurrenz zu machen. Vielmehr erwarte sie, ein und demselben Kunden sowohl CSP als auch Sapiens verkaufen zu können.

Auch Sapiens International glaubt offenbar an eine Koexistenz des eigenen Systems mit dem IBM-Produkt. Wie Kiegele mitteilt, ist "ein Exit von Sapiens zu CSP vorgesehen", der unter anderem dazu diene, aus den von Sapiens erzeugten Regeln und Objekten Cobol-Code zu generieren. Programme, die in Cobol codiert wurden, seien zwar weniger leicht wartbar; auf der anderen Seite hätten sie jedoch den Vorteil der Systemunabhängigkeit.

Als das am Weizmann-Institut in Tel Aviv entwickelte Sapiens im Spätherbst 1987 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, galt es als revolutionär (vergleiche CW Nr. 46 vom 13. November 1987, Seite 10: "SW-Entwicklung erfolgt ohne Programmierung"). Damals besaß das Adjektiv "regelbasiert" noch die mystische Aura der künstlichen Intelligenz; der Begriff "Objektorientierung" hingegen war in der Branche nahezu unbekannt.

Mittlerweile hat Amdahl mit "Huron" ebenfalls ein regelbasiertes Anwendungsentwicklungs-System vorgestellt, und Hersteller wie Cadre ("Teamwork") oder IDE ("Software through Pictures") experimentieren mit dem objektorientierten Ansatz.

Während die Produkte der letztgenannten Anbieter für Maschinen der Workstation-Klasse entwickelt wurden, laufen Huron und Sapiens bislang nur auf IBM-kompatiblen Großrechnern. Allerdings kann der Sapiens-Anwender dank der "PC-Connection" einen Teil der Analyse- und Designarbeit auf dem Microcomputer erledigen.

Im Gegensatz zu Amdahl vermarktet Sapiens sein System nicht als separate, in sich geschlossene Umgebung, sondern als Bestandteil des IBM-eigenen AD/Cycle-Konzepts. Nach Darstellung des deutschen Sapiens-Geschäftsführers messen die Kunden den Anbieter nämlich nicht nur am Stand seiner Technologie, sondern vor allem daran, inwieweit er die Kompatibilität zum IBM-Angebot garantieren kann.

Folglich hat sich das Sapiens-Management verpflichtet, die logische Repository-Schnittstelle der IBM - in dem Maße, wie sie veröffentlicht wird - zu unterstützen.

Um das Produktmarketing in den Vereinigten Staaten zu verstärken und die Zusammenarbeit mit dem blauen Riesen zu vereinfachen, verlegte das Software-Unternehmen seinen Hauptsitz kurzerhand von London nach Cary in North Carolina. Dort befindet sich auch eines der IBM-Labors.