Die heimlichen Ängste der Consultants

30.08.2005
Von Sven Kolthof 
Einsteiger und Profis schätzen laut einer aktuellen Studie die Arbeit in einer Unternehmensberatung. Allerdings haben viele auch Angst vor einem Karrierestau oder davor, als Fachidioten zu enden.
Junge Berater haben Angst vor einer zu starken Spezialisierung, erfahrene dagegen befürchten den Karrierestau.
Junge Berater haben Angst vor einer zu starken Spezialisierung, erfahrene dagegen befürchten den Karrierestau.

Berufseinsteiger wollen gerne ins Beratungsgeschäft. Sie erwarten hohe Dynamik, schnelles Lernen und jeden Tag neue Herausforderungen. Zu Beginn schätzen sie Abwechslung, Flexibilität und stetige Veränderung. Als Antriebskräfte gelten der frühzeitige Einstieg ins Projektgeschäft, internationale Herausforderungen und der Ausbau der Projekt- und Beraterkompetenzen. Das ergab eine Untersuchung des auf Karriere-Coaching und Personalvermittlung im Consulting-Markt spezialisierten Beratungsunternehmens Rarecompany (www. rarecompany.de). Die Firma befragte 500 IT-Berater aus großen, mittleren und kleinen Unternehmensberatungen nach ihren Erfahrungen, Zielen und Plänen.

Hier lesen Sie …

• welche unterschiedlichen Erwartungen Einsteiger und Profis an den Job eines Unternehmensberaters haben;

• welche neuen Themen Jobchancen versprechen;

• was große von kleinen Beratungshäusern unterscheidet.

Mehr zum Thema

www.computerwoche.de/go/

*79490: Positive Entwicklung auf dem IT-Arbeitsmarkt;

*78028: Outsourcing-Trends;

*74002: Beratungshäuser trennen Consulting und Betrieb.

So weist die Studie darauf hin, dass für die jungen Berater nach der Gewöhnung an den Berufsalltag weitere Aspekte in den Mittelpunkt rücken. Fragen wie "Was kann man tun, um eine zu starke Entwicklung als reiner Fachspezialist zu vermeiden?" oder "Welches Unternehmen entwickelt mich fachlich weiter, auch wenn kein einschlägiges Kundenprojekt im Raum steht?" sind erste Anzeichen für ein Überdenken der zukünftigen Karriere.

Senior-Berater müssen sich dagegen oft mit einem Karrierestau auseinander setzen. Nach der Etablierung in bestimmten Themen, Technologien und Branchen streben die Profis nach mehr Projekt- und Führungsverantwortung. Allerdings haben viele Unternehmensberatungen einen Überhang an Senior-Managern und verfügen über eine ausreichend ausgebildete Partnerstruktur. Dies erschwert die Karriere zum Projekt-Manager und darüber hinaus. War es in den vergangenen Jahren noch möglich, als technischer Experte diese Karriereleiter zu erklimmen, so bleiben die Positionen jenseits des Senior-Managers heute meistens vertriebsstarken Beraterpersönlichkeiten vorbehalten. Das typische Bild einer schnellen Beraterkarriere vom Junior Consultant zum Partner hat sich somit gewandelt.

Mit zunehmender Erfahrung rücken neben der Karriere auch persönliche Werte wie Familie und Kinder stärker in den Mittelpunkt. Die vielen Reisen werden nun eher als belastend empfunden. Interessanterweise berichten aber 42 Prozent aller Befragten, dass sie die Abwechslung und Flexibilität in ihren Projekten nur ungerne aufgeben möchten. Auch erfahrene Berater schätzen den Reiz ihrer Tätigkeit hoch ein. Dies zeigen die Befragungsergebnisse im Hinblick auf etwaige einsetzende Routine und eine Abflachung der Lernkurve. Nur acht Prozent aller Befragten sehen dies als akutes Problem. Auch ein anderes Umfrageergebnis ist in diesem Zusammenhang von Bedeutung: 87 Prozent der befragten Jungberater und 72 Prozent der Berufserfahrenen würden den gleichen Weg wieder gehen. Die Attraktivität des Beraterlebens hat sich also im Wesentlichen erhalten. Lediglich die Rahmenbedingungen für eine Karriere haben sich verändert.

Doch wie unterscheiden sich die Beratungsunternehmen und die möglichen Karrieren voneinander? Die zurückliegenden Jahre brachten neben den traditionell starken Aufträgen - wie im SAP-Umfeld - auch neues Servicegeschäft. Neben klassischen Prozess-, Organisations- und IT-Integrationsthemen stehen zunehmend auch solche wie Outsourcing, Shared Services und Offshoring auf der Tagesordnung.

Die sinkenden Wachstumsraten der letzten Jahre kurbelten außerdem den Verdrängungswettbewerb unter kleinen und mittleren Beratungshäusern an. Einige IT-Consulting-Unternehmen suchten sich Nischen, andere verschmolzen miteinander. Die Verschiebungen im Markt führten dazu, dass viele ihr Leistungsangebot schärfen mussten. Sie weiteten ihr Portfolio in die Bereiche Business Strategy und Outsourcing aus oder spezialisierten sich auf ein bestimmtes Thema oder eine bestimmte Branche. Für Bewerber ist dies eine positive Entwicklung. Sie können die Arbeitgeber nun besser voneinander unterscheiden und ihre Karriereperspektiven treffender bewerten.

Jobs auch durch Offshoring

Durch neue IT-Themen wie Offshoring ergeben sich zusätzliche Jobmöglichkeiten. Obwohl beispielweise indische IT-Dienstleister ihre Kosten- und Skaleneffekte primär durch die niedrigeren Löhne in Indien und Osteuropa erreichen, wandelt sich auch hier der Markt. Gerade in marktnahen Funktionen wie Projektleitung oder Account-Management setzen indische Unternehmen verstärkt auf Mitarbeiter aus den Kundenländern. Diesen werden neben spannenden Projekten internationale Einsätze, die Übernahme umfassender Verantwortung sowie das Kennenlernen einer neuen Kultur geboten, die aus der IT nicht mehr wegzudenken ist.

Thomas Lorbacher, SAP Alliance Manager Europe bei Satyam, sieht gute Chancen für IT-Consultants in diesem Markt. Offshoring werde immer mehr zum Standard: "In einigen Jahren wird man einen indischen IT-Dienstleister nicht mehr von den traditionell etablierten Beratungsunternehmen unterscheiden können." Die Wachstumsraten seien enorm, und dies eröffne IT-Beratern - auch in Deutschland - viele Möglichkeiten. "Zuletzt haben wir ausschließlich deutsche Berater und Projekt-Manager mit einer Nähe zum Kunden und der lokalen Kultur eingestellt. Diese übernehmen sofortige Verantwortung für Teams in Indien und können dabei ihre Projekt-Management- und Führungskompetenzen ausbauen", schildert der Satyam-Manager.

Zum Thema Offshoring decken die Befragungsergebnisse von Rarecompany eine große Informationslücke auf. Nur zwölf Prozent der antwortenden IT-Consultants kennen die wichtigen Offshoring-Dienstleister aus Indien, und nur fünf Prozent schätzen die Karrieremöglichkeiten für Nicht-Inder in diesem Umfeld als attrraktiv ein. Nachdem ausgewählte Umfrageteilnehmer über die Chancen und Perspektiven informiert worden waren, konnten sich 60 Prozent der berufserfahrenen Gesprächspartner vorstellen, diesen Karrierepfad in ihre mittelfristigen Pläne einzubeziehen. Bei den Young Professionals lag die Zahl sogar bei 75 Prozent.

Neben den Arbeitsgebieten spielt für die Auswahl des Arbeitsplatzes auch die Betriebsgröße eine Rolle. Große Beratungsunternehmen bieten etwa umfassende Leistungen rund um das Thema "Geschäftsprozesse" an. Simone Spacke, Leiterin Personal-Marketing bei Accenture, bringt es auf den Punkt: "Konzerne wollen einen spezialisierten Partner, dem sie ihre Prozesse übertragen können, einen vollständig integrierten Serviceanbieter, der gleichzeitig Management-, Technologie- und Outsourcing-Dienstleistungen anbietet." Accentures Zahlen sprechen für sich: Im laufenden Geschäftsjahr liegt das Ziel bei rund 1000 Neueinstellungen, die zu 75 Prozent aus Absolventen und Young Professionals und zu 25 Prozent aus Berufserfahrenen bestehen sollen. Auch für das Folgejahr geht das Unternehmen von ähnlich hohen Zahlen aus.

Die Befragungsergebnisse von Rarecompany in Bezug auf die Attraktivität von großen Beratungsunternehmen stützen diese Aussagen. Einen Karrierestart in diesem Segment bevorzugen 65 Prozent der befragten IT-Consultants mit ein- bis dreijähriger Berufserfahrung. Als Gründe werden vor allem die Größe und Internationalität der Unternehmen sowie die Projektgröße und die damit einhergehenden Lerneffekte genannt.

Mittelständler sehen das verständlicherweise anders, wie Tara von Fircks, Leiterin Personal bei Esprit Consulting, ausführt: "Wir überzeugen vor allem deshalb, weil wir die Kompetenz der Großen in kleinen, schlagkräftigen Teams anbieten." Der "Spaß an der Arbeit" verdankt sich den "umfassenden Freiräumen" für die Mitarbeiter.

Die kleineren und mittleren Beratungsunternehmen haben vor allem für Berater mit drei bis fünf Jahren Berufserfahrung viel zu bieten. Kandidaten mit einer in der Vergangenheit stark ausgeprägten IT-Nähe vermögen sich in Richtung Prozessberatung und IT-Strategie zu entwickeln. Senior Consultants mit ersten Teilprojektleitungserfahrungen können in Projektleitungsrollen und ins Business Development hineinwachsen. (hk)