Arbeiten im Großraum

Die Geräuschkulisse macht krank

Wirtschaftswoche-Redakteur
Betriebsärzte warnen vor psychischen und gesundheitlichen Schäden durch die Lärmbelästigung in Großraumbüros. Ein Verhaltenskodex kann die Insassen etwas entlasten.
Der Lärm von 50 bis 70 Dezibel, den die Kollegen erzeugen, ist nicht unmittelbar körperlich unangenehm, wie die mehr als 100 Dezibel einer Kreissäge auf einer Baustelle.
Der Lärm von 50 bis 70 Dezibel, den die Kollegen erzeugen, ist nicht unmittelbar körperlich unangenehm, wie die mehr als 100 Dezibel einer Kreissäge auf einer Baustelle.
Foto: Robert Kneschke/Fotolia.com

Kollegen links, Kollegen rechts, Kollegen vor der Nase, Kollegen im Rücken. Kollegen, die diskutieren, rumlaufen, telefonieren, niesen und lachen. Der Lärm von 50 bis 70 Dezibel, den die Kollegen erzeugen, ist nicht unmittelbar körperlich unangenehm, wie die mehr als 100 Dezibel einer Kreissäge auf einer Baustelle. Aber, so warnt jetzt der Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW): "Auch leiser Lärm macht krank". Vier bis fünf Millionen Büromitarbeiter, so der VDBW, sind gesundheitsgefährdendem Lärm ausgesetzt, die meisten davon gehören zu den rund sieben Millionen Großrauminsassen in Deutschland.

Bürolärm schadet unterschwellig. Gerade bei Arbeiten, die Konzentration, Kreativität und Genauigkeit erfordern, ruft die Geräuschkulisse im Büro oft Stressreaktionen hervor, die sich negativ auf die Leistung und das psychische Wohlbefinden der Mitarbeiter auswirken. Konzentrationsschwierigkeiten, brennende Augen, Kopfschmerzen und Müdigkeit sind nur die leichten Folgen. Auf Dauer können nervtötende Geräuschkulissen zu Burn-out und weiteren psychischen Erkrankungen führen.

Die schädlichen Auswirkungen der Arbeit in Großraumbüros sind in zahlreichen Untersuchungen belegt. "Im Großraumbüro sind die Stressfaktoren immens hoch und häufig leistungshindernd", sagt VDBW-Vizepräsidentin Anette Wahl-Wachendorf. "Ständige Geräuschkulissen führen nicht nur zu einer erhöhten Fehlerquote oder einer geringeren Konzentration. Sie sind für viele arbeitsbedingte Gesundheitsgefährdungen verantwortlich." Zahlreiche Untersuchungen hätten erwiesen, dass bei der Arbeit unter Lärmbelastung der Blutdruck und die Herzfrequenz steigen und auch die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol zunimmt. Auch ein Zusammenhang von Lärmbelastung mit erhöhtem Herzinfarktrisiko sei wahrscheinlich.

Gibt es, jenseits der finanziellen Ersparnis, aus betriebsmedizinischer Perspektive auch positive Aspekte des Großraumbüros? Es gibt sicher Beschäftigte, sagt Wahl-Wachendorf, die es wertschätzen, dass sie einfach mehr mitkriegen. " Ich kann mir auch vorstellen, dass es Menschen aus bestimmten kreativen Szenen gibt, die angepasst sind an Unruhe und sich darunter vermeintlich wohlfühlen." Wichtig sei dann aber in jedem Fall, die Rahmenbedingungen des gemeinsamen Arbeitens genau zu besprechen und einen Verhaltenskodex zu erstellen: Leise reden, nicht brüllen, Zeiten der Ruhe einhalten. Aber: "Das lässt sich erfahrungsgemäß nicht so leicht umsetzen."

Großraumbüros haben wahrscheinlich aber nicht nur für ihre Insassen vor allem negative Folgen, sondern auch für die Produktivität der Organisation als Ganzes. Laut einer Untersuchung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz nimmt die Fehlerhäufigkeit durch einen erhöhten Geräuschpegel um bis zu 113 Prozent zu. Wahl-Wachendorf sieht daher die Arbeitgeber schon aus Eigeninteresse in der Pflicht, technisch, organisatorisch und persönlich für erträgliche Bedingungen zu sorgen. "Ich würde mich als Betriebsärztin nicht scheuen, sehr klare Worte zu sprechen in Richtung Arbeitgeber."

Was viele Arbeitnehmer nicht wissen: Sie haben einen Rechtsanspruch an den Arbeitgeber, eine Gefährdungsbeurteilung vorzunehmen. Das heißt, dass Experten, also ein Betriebsarzt und möglicherweise auch ein Ingenieur, den Arbeitsplatz ansehen und feststellen ob er in Ordnung ist. "Da gehört auch die Lärmkulisse dazu, und wie viele Menschen auf welchem Raum sitzen und ob sich da gedeihlich arbeiten lässt", sagt Wahl-Wachendorf. Ein echtes Zeichen des guten Willens könne aber oft mehr als jede technische Maßnahme bewirken, meint die Arbeitsmedizinerin.

(Quelle: Wirtschaftswoche)

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