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Blick hinter die Kulissen

Die drei größten Mythen rund um die Cloud

Bert Schulze leitete das Co-Innovations Programm für SAP S/4HANA. Zuvor war er Mitglied des globalen SAP Kunden- und Marktstrategie-Teams der SAP Cloud Business Unit. Bert Schulze hat umfangreiche Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Kunden in verschiedenen Rollen als Lösungsarchitekt, im Business Development und der Leitung Internationaler Vertriebsorganisationen. Dies ermöglicht ihm, Markt- und Kundenanforderungen zielgerichtet zu analysieren. Er ist regelmäßig Sprecher auf nationalen und internationalen Konferenzen zu IT- und Business-Strategie. Seine Kernkompetenzen sind Cloud Lösungen, IT-Strategien und Simplifizierung von Enterprise Prozessen, Platformen, Social Media und hybride Konzeptionen. Bert Schulze ist diplomierter Maschinenbauingenieur (Dipl.-Ing.) und Wirtschaftsingenieur (Dipl.-Wirt.-Ing.).
Der Einsatz von Cloud-Lösungen muss nicht zwingend für alle Unternehmen der beste Weg sein, um in der digitalen Welt zu bestehen. Cloud Computing ist ein technisches Liefermodell mit Vor- und Nachteilen. Die drei größten Mythen zum Thema Cloud.

Keine Frage, wir sind im Zeitalter der Cloud angekommen. Der Bedarf an Cloud-Ressourcen wächst seit Jahren, eine ausreichende Batterierestlaufzeit und ein Onlinezugang stehen auf der untersten Stufe der Maslow-Pyramide jedes Teenagers. Die Cloud dominiert unser Privatleben und in vielen Bereichen auch die Geschäftswelt.

Die Cloud-Diskussion hat sich jedoch in den letzten Jahren deutlich differenziert. Zu Beginn der Cloud-Ära hat die Geschäftswelt Cloud hauptsächlich über Kostenreduktion und Auslagern von IT-Ressourcen definiert. Unternehmen wie Amazon mit ihrem IaaS-Geschäft (Infrastructure as a Service) sind explosionsartig gewachsen. SaaS-Modelle (Software as a Service) haben den Servicegedanken verändert und durch Cloud-Nutzungsmodelle komplett neu definiert.

Mit Cloud-Lösungen allein erreicht man nicht unbedingt immer den Gipfel des Erfolgs
Mit Cloud-Lösungen allein erreicht man nicht unbedingt immer den Gipfel des Erfolgs
Foto: SAP SE

Umfrage zu CRM in der Cloud

Agilität und Innovationszyklen haben ein nie dagewesenes Veränderungstempo angenommen. Jeder sucht nach Wegen, das Geschäft zu digitalisieren und sich zu vernetzten, um der komplexen Welt gerecht zu werden. Statt Produkten werden Dienstleistungen und Services konsumiert. Man besitzt etwas nicht mehr, sondern nutzt es nur für das Zeitfenster, für welches man es benötigt. Dieses Modell wurde wesentlich von der Idee der Cloud getragen und findet mittlerweile auch in vielen anderen Alltagssituationen einen Platz: z.B. Mobilität über Car-Sharing anstatt ein Auto selber zu besitzen.

Aber wenn man hinter die Kulissen der Cloud schaut, hat es in den letzten Jahren auch eine massive Überpositionierung der Cloud gegeben. Sie ist zu einer "eierlegenden Wollmilchsau" geworden, mit dem universalen Versprechen, alles werde besser. Viele Anbieter haben den Cloud-Computing-Trend dazu verwendet, um die allumfassenden Vorteile der Cloud zu preisen.

Im Kern zwang dies viele Kunden zu einem Ansatz, den wir als "Rip&Replace" bezeichnen: Reiß alles raus, was du hast und ersetzte es (durch etwas Besseres) in der Cloud, denn nur die Cloud kann die gewünschten "Cloud-Qualitäten" liefern.

In diesem Kontext befinden wir uns bereits in der "Nach-Cloud-Ära", und bei vielen Unternehmen findet ein Umdenken statt. Cloud ist nicht der ultimative Ansatz für alle Probleme, sondern wird realistisch betrachtet und als ein technisches Liefermodell mit all seinen Vorteilen und Nachteilen wahrgenommen. Es darf nicht um das goldene Kalb "Cloud" gehen, sondern vielmehr um die Essenz der Cloud, die Eigenschaften, für die Cloud steht: um "Cloud-Qualitäten".

Ich möchte Sie deshalb auf eine Reise zu den Cloud-Qualitäten mitnehmen, welche sich auf andere technologische Liefermodelle, wie beispielsweise On-Premise, übertragen lassen. Denn hier können Kunden auch mit traditionellen Betriebsmodellen von den Erkenntnissen aus zwei Dekaden Cloud Computing profitieren.

Mythos 1: Benutzerorientierte Oberflächen gibt es nur in der Cloud

Unabhängig vom technischen Liefermodell: Die Akzeptanz einer Lösung hängt von der Bedienbarkeit ab und wie intuitiv mit der Lösung gearbeitet wird. Eine Lösung der "nächsten Generation" muss mit einem "Mobile First" Entwicklungsansatz entstehen: Rollenbasiert und kollaborativ, eingebettet in eine intuitive Oberfläche. Um sicherzustellen, dass die Erwartungen der Endnutzer an den Markt erfüllt werden, müssen die Anwender bereits in den frühen Phasen der Produktentwicklung durch Design Thinking und Co-Innovations-Workshops einbezogen werden.

1. Intuitive Benutzeroberflächen

Einfache Benutzeroberflächen, unterstützt durch analytische Anwendungen und Auswertungen, repräsentieren die nächste Generation des Lernens von Endbenutzern. Intuitive und einfache Oberflächen mit einer reduzierten Komplexität beschleunigen die Akzeptanz. Dabei tritt das Liefermodell komplett in den Hintergrund. Oberflächen, die thematisch im Fachbereich funktionieren, sind keineswegs auf Cloud-Modelle beschränkt, sondern finden universell Anwendung. Durch selbstlernende Systeme passen sich Oberflächendesign, -präferenzen und -personalisierung dem Nutzer an.

2. Fokus auf Ausnahmen, nicht das Tagesgeschäft

Die größte Herausforderung für viele Unternehmen in der digitalen Economy ist die Verarbeitung von Signalen. Entscheidend ist, in einer riesigen Flut an Informationen die handlungsrelevanten Signale zu erkennen und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Oft ist ein großer Teil der Aufmerksamkeit und zur Verfügung stehenden Zeit auf das "normale" Tagesgeschäft" gerichtet. Moderne Interaktionskonzepte werden daher an den Ausnahmen ausgerichtet. Wo besteht für den Anwender Handlungsbedarf aufgrund einer Irregularität? Analytische Elemente, eingebettet in die Benutzeroberfläche, nutzen Echtzeitsimulationen, um nicht automatisierbare Prozesse zu priorisieren und Systemempfehlungen vorzuschlagen. Alltägliche, nicht abweichende Transaktionen, werden durch das System übernommen. Für Abweichungen schlägt das System in einer Echtzeitsimulation eine Lösung vor, final entschieden wird vom Experten vor dem Rechner, der in die Lage versetzt wird, qualitativ viel präzisiere und schnellere Entscheidungen treffen zu können. Schwachstellen und kritische Aspekte leitet das System auf der Basis firmeneigener Algorithmen ab, die es in wesentlichen Zügen bereits früher gab, die aber nie in Echtzeit berechnet werden konnten.

3. Rollenbasiertes Design, Applikations- und Aufgabengrenzen verschwimmen

Von der Bedienung eines Systems zum Dialog mit dem System, so könnte man die Aufgabe mit wenigen Worten beschreiben. Eine durchgängige Benutzererfahrung wird dabei immer relevanter. Echtzeitzugriff auf Informationen und eine einheitliche Entscheidungsunterstützung lassen Applikations- und Aufgabengrenzen verschwimmen.

Das bedeutet nicht nur eine intuitive Benutzerführung, sondern verwandelt den Arbeitsplatz von einem transaktionsorientierten Abarbeiten von Aufgaben in ein rollenbasiertes Konzept. Höchstens drei Schritte zur Aufgabenerledigung ist dabei das Prinzip. Eine zentrale Startseite enthält alle wesentlichen rollen- und entscheidungsunterstützenden Anwendungen, basierend auf dem letzten Stand web-basierter Technologien, um flexibel auf unterschiedlichen mobilen oder festinstallierten Geräten genutzt zu werden.

Das gab es früher nur in der Cloud. Moderne HTLM5 basierte Oberflächenentwicklungen bieten heute diesen Komfort für jede Lösung unabhängig vom Bereitstellungsmodel.

Mythos 2: Reduzieren der Betriebskosten und Skalierung der Ausgaben sind nur durch ein Abo-Model möglich

Cloud war von Beginn an mit dem Slogan "Mehr mit Weniger" konnotiert. Reduktion der Betriebskosten in der Cloud war die augenscheinliche Motivation vieler Interessenten an diesem Model.

Später rückten Geschäftsagilität und Innovationsgeschwindigkeit mehr in den Fokus der Geschäftsentscheidungen.

Ein Vergleich verschiedener Betriebsmodelle war immer schwierig, denn im Eigenbetrieb vermischen sich Lizenzkosten, Servicekosten und Betriebskosten aus unterschiedlichsten Quellen. Ein direkter Vergleich mit einem kompletten SaaS Service-Modell ist wie der sprichwörtliche Vergleich von Äpfeln und Birnen. Und IaaS-Modelle rechnen sich generell nach einem anderen Schema.

Für Cloud-Lösungen gibt es verschiedene Liefermodelle.
Für Cloud-Lösungen gibt es verschiedene Liefermodelle.
Foto: SAP SE

So sind nicht nur ein breites Spektrum an Dienstleistungen und die Handhabung der gesamten Betriebsinfrastruktur (Datencenter), sondern auch die Betriebskosten für die Integration hybrider Landschaften sowie Einmaleffekte umzulegen.

Cloud Computing hat mehr als jede andere Technologie eine Sensibilisierung für Datendurchsatzmengen, eine eindeutige Trennung der Architekturebenen und Latenzzeiten vorangetrieben, insbesondere da viele Ressourcen geteilt werden und Anwendungen auf mobilen Endgeräten laufen und dort je nach Standort die Netzqualität stark differiert.

Wie können nun On-Premise Systeme von den Cloud-Erfahrungen in Bezug auf Betriebskosten profitieren? Indem hier identisch entwickelt wird, wie in einer reinen Cloud-Umgebung, optimiert bezüglich Speicherbedarf, Datendurchsatz und Ressourcenbedarf.

Eine Reduktion des Speicher- und Ressourcenbedarfs ist damit von besonderer Bedeutung, nicht nur für die

  • Auslegung der Speicherkapazität,

sondern von großer Bedeutung bezüglich der Handhabbarkeit von System

  • In einer typischen Multi-System-Landschaft multipliziert sich der Speicher- und Ressourcenbedarf mit der Anzahl der Systeme

  • Ein Testsystem enthält heute oft nur Auszüge der Daten. Mit einem reduzierten "Ressourcenbedarf" ist nun das Testen der gesamten Schlüsselszenarien durch eine vollständige Kopie des Produktivsystems möglich.

  • Systeme werden kopiert, gesichert und wiederhergestellt. Bei einer Reduktion der Systemgröße um den Faktor 10 bis 15 reduzieren sich die Aufwendungen dafür erheblich.

  • Es wird eine viel geringere Bandbreite für den Datendurchsatz in den Leitungsnetzen benötigt. Kleinere Datenmengen führen zu geringeren Ladezeiten und zu einer verkürzten Transaktionszeit.

Hier treibt ein durch Cloud induzierter Trend eindeutig die Betriebskosten für eigeninstallierte Systeme herunter.
Hier treibt ein durch Cloud induzierter Trend eindeutig die Betriebskosten für eigeninstallierte Systeme herunter.
Foto: SAP SE

Mythos 3: Cloud steht für eine höhere Standardisierung und hat weniger kundenspezifischen Anpassungsbedarf

Die Cloud hat neue und sehr spezielle Applikationen und Services hervorgebracht. Die neue Generation an Endnutzern, Millennials, ist aufgewachsen mit Internet, Facebook und Web 2.0 Anwendungen. Die Toleranzgrenze gegenüber schlechter Benutzererfahrung geht gegen Null: Herunterladen, testen und wenn man nicht innerhalb weniger Minuten einen Nutzen sieht, wird es wieder gelöscht. Um das zu erreichen, benötigt man einen genau definierten und eingeschränkten Funktionsumfang (am besten über eine App) und eine Vorkonfiguration. Eigene Konfiguration ist möglich, aber nicht notwendig für die allererste Nutzung. Wenn man das auf den Businessbereich überträgt, wird man feststellen, dass die ersten Themen, die in großem Umfang in der Cloud adaptiert wurden, folgende Themen sind:

  • Kundendatenmanagement

  • Lieferantenmanagement / Einkaufsfunktionen

  • Personalwirtschaft

  • Reisemanagement

Dies sind Unternehmensbereiche, die starken Best Practice Mustern folgen. Durch die hohe gemeinsame Schnittmenge zwischen den Unternehmen ist die Standardisierung in diesen Bereichen besonders groß. Und steht gleichzeitig im Widerspruch zu anderen Unternehmensfunktionen, die als stärker differenzierend wahrgenommen werden.

Zwei Wellen von SaaS
Zwei Wellen von SaaS
Foto: SAP SE

Diese sind bisher nur zögerlich in die Cloud gegangen. Mit der breiteren Basis und fortschreitender Ausdifferenzierung der Cloud wird die ursprünglich korrekte Aussage, dass Cloud (SaaS) für eine höhere Standardisierung steht, zu einem Mythos. Denn die neuen Prozesse, die nun in die Cloud gehen, bedürfen einer deutlich höheren Individualisierung. Dies fördert einen neuen Bedarf an Erweiterungstechnologien mit entkoppelten Innovationszyklen für die Erweiterungen und die Kernanwendungen.

Dies spiegelt Optimierung auch zurück in die On-Premise Landschaften, denn die Erfahrungen aus der Cloud helfen auch hier, Datenstrukturen zu vereinfachen und den generellen Bedarf für Kundenerweiterungen zu reduzieren.

Der heutige Betrieb von IT-Systemen erinnert an ein perfekt funktionierendes Uhrwerk, "Pläne werden zu Verträgen". Zwischen Konzepten, Plänen und Implementierungen vergehen oft Jahre. Ab einem bestimmten Zeitpunkt sollte möglichst nichts mehr in Frage gestellt werden, denn der gesamte Ablauf ist präzise durchorganisiert. In der Realität hingegen ist jedes Unternehmen wie ein lebender Organismus, das Geschäftswachstum überholt oft die Planungen.

Die traditionellen Systemlandschaften wurden durch den initialen Business Blue Print geradezu gestempelt - trotz des schnell stattfindenden digitalen Wandels. Batch Orientierung und statische Aggregate verhindern eine dynamische Adaption der Änderung. Kunden behelfen sich mit individuellen Erweiterungen, die im Kern nur "Workarounds" darstellen. Statische Aggregate werden durch Übergangslösungen ummantelt. Diese Übergangslösungen betragen bis zu 50% des Unternehmenscodes und fallen durch neue Technologien, wie "in-Memory" Computing in modernen On-Premise Systemen im besten Fall weg.

Damit wird den Unternehmen die Flexibilität zurückgegeben, um Prozesse anzupassen und auch neue Geschäftsmodelle auf Basis eines flexiblen Datenmodells schnell umsetzen. Damit kann dynamisch auf neue Anforderungen, etwa aus den Fachbereichen, reagiert werden - und das nicht nur in Cloud-Liefermodellen.

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