Weniger abwägen - mehr wagen

Die Digitalisierung nicht vergrübeln

Oliver Blüher ist  Geschäftsführer  für  Deutschland,  Österreich,  Schweiz  sowie  die skandinavischen  Länder  bei  Dropbox.  Er  ist  für  die  Führung  der  laufenden  Geschäfte sowie  für  Vertrieb,  Marketing  und  Partnerschaften  zuständig.  Dazu  gehört  neben  der Weiterentwicklung  des  Privatkundengeschäfts  insbesondere  der  Ausbau  des  B2B-Geschäfts mit den Produktlinien Dropbox Business und Dropbox Enterprise. Bevor er zu Dropbox kam, war Oliver Blüher als Mitglied der Geschäftsleitung verantwortlich für das Geschäft  mit  Cloud und Line  of Business  Solutions  bei SAP  Deutschland. Zuvor war er bei der SAP als Chief Operating Officer für die Region Russland und GUS sowie als Chief of Staff für den CEO tätig.
"Revolution in Lichtgeschwindigkeit" nennt Cornelius Baur, Deutschlandchef von McKinsey, das Phänomen. Andere messen ihm eine ebenso große Bedeutung wie der Industriellen Revolution bei. Die Digitalisierung ist längst mehr als nur ein x-beliebiger Trend. Ein Strukturwandel, der sämtliche Stufen der Wertschöpfung von der Produktion bis zur Dienstleistung erfasst und vernetzt, ganze Märkte verändert und höhere Umsätze verspricht. Die Industrie in Deutschland steht am Anfang einer tiefgreifenden Veränderung, die mit einer höheren Produktivität der Ressource und Wachstum lockt.

Einer aktuellen Studie im Auftrag des BDI zufolge ist bis 2025 durch die digitale Transformation allein in Deutschland ein zusätzliches Wertschöpfungspotenzial von bis zu 425 Milliarden Euro zu erwarten. Europaweit sollen es sogar 1,25 Billionen Euro in den nächsten zehn Jahren sein.

Verpasst der Mittelstand aufgrund von Ängsten und Zurückhaltung den Anschluss an digitale Technologien, hat dies immense Auswirkungen auf die gesamte deutsche Wirtschaft.
Verpasst der Mittelstand aufgrund von Ängsten und Zurückhaltung den Anschluss an digitale Technologien, hat dies immense Auswirkungen auf die gesamte deutsche Wirtschaft.
Foto: wavebreakmedia - shutterstock.com

Die Chancen sind also groß. Gleichzeitig birgt die Digitalisierung Gefahren für deutsche Unternehmen, passt sich Deutschland doch den Gegebenheiten der digitalen Ökonomie zu langsam an und verharrt im Moment - während immer neue Wettbewerber die deutsche Industrie unter Zugzwang setzen. So wird es im digitalen Zeitalter zunehmend schwerer, die Innovationsführerschaft zu behaupten.

Eine Bestandsaufnahme in Deutschland

Dass es dringend Handlungsbedarf gibt, haben Politik und Industrie inzwischen erkannt. Denn: Wie kürzlich eine vom Bundeswirtschaftsministerium in Auftrag gegebene Studieergab, ist die deutsche Digitalwirtschaft derzeit nur Mittelmaß. Deutschland rutschte in dem aktuellen Zehn-Länder-Vergleich der führenden digitalen Wirtschaften von Platz fünf auf den sechsten Platz. Auf der Überholspur befindet sich China, das gegenüber den anderen Ländern den größten Sprung machte und gemeinsam mit Japan Platz vier belegt. Die Spitzenplätze besetzen die USA, gefolgt von Südkorea und Großbritannien.

Bislang fällt es jedoch vielen deutschen Unternehmen schwer, auf den digitalen Zug aufzuspringen. Da wären einerseits die gefürchteten Investitionskosten, fehlende einheitliche Standards, die immer noch vorherrschende Skepsis gegenüber relevanten Entwicklungen wie Social Media, Big Data und Cloud Computing oder auch fehlende Fachkräfte, die die Digitalisierung vorantreiben können. Und oft genug liegt die digitale Agenda in den Händen der IT-Abteilung, obwohl das Thema längst Chefsache sein sollte.
Denn Digitalisierung verändert nicht nur Produkte und Geschäftsmodelle, sie führt auch zu tiefgreifenden Veränderungen in der Organisation der Unternehmen.

Deutsche Unternehmen im digitalen Dilemma

Im internationalen Vergleich wird weiter deutlich, woran es fehlt: Um die Echtzeit-Kollaboration zu ermöglichen, sind digitale Infrastrukturen wie schnelle Internetleitungen sowie ein massiver Ausbau der Mobilfunknetze erforderlich.

Bislang steht Deutschland beim Thema Internetgeschwindigkeit jedoch nicht besonders gut da: Laut Statista liegt die Bundesrepublik im Ranking der Länder mit dem schnellsten Internetzugang mit durchschnittlich 10,7 Mbit/s auf Platz 24. Führend sind hier Südkorea mit 23,1 Mbit/s und Hong Kong mit 17 Mbit/s. Und auch unsere Nachbarn sind deutlich schneller im Internet unterwegs, am schnellsten in der Schweiz (15,6 Mbit/s) und in den Niederlanden (15,2 Mbit/s).

Während die deutschen Nutzer mittlerweile sehr online-affin sind, haben vor allem Unternehmen noch großen Nachholbedarf. Soziale Medien, Big Data und die Cloud bringen neue Möglichkeiten mit sich, die bislang noch zu wenig genutzt werden. Nach wie vor sind die Vorbehalte und Ängste beim Thema digitale Strategien und Cloud Computing groß und die Akzeptanz gerade bei mittelständischen Unternehmen immer noch gering. Und das obwohl die Cloud ein wesentlicher Bestandteil der Digitalisierung ist, denn Zukunftsgeschäfte wie das Internet der Dinge oder autonome Autos werden erst durch Cloud-Plattformen möglich.

Beim Mittelstand zeigt sich das ganze Ausmaß des Dilemmas: Obwohl 88 Prozent laut einer Studie der DZ Bank einen Zusammenhang zwischen Digitalisierung und Unternehmenserfolg sehen, ist für 51 Prozent der KMUs Digitalisierung derzeit nicht Bestandteil der Geschäftsstrategie. Also scheint die Devise bislang zu sein: Erst mal abwarten und schauen, was die Konkurrenz macht.

Self-made Experts?

Steuern wir als Konsequenz des demografischen Wandels immer mehr einem drastischem Fachkräftemangel entgegen, verändert die Digitalisierung unsere Arbeitswelt zudem. Digitale Technologien unterstützen uns bei unserer täglichen Arbeit, es ist einfacher denn je unabhängig von Ort und Zeit zu arbeiten. Gleichzeitig verändert sich die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine, neue Berufsbilder entstehen und in vielen Bereichen werden ganz neue Qualifikationen wichtig.

Um die Digitalisierung erfolgreich voranzutreiben, müssen deutsche Unternehmen verstärkt auf ihre eigenen Mitarbeiter setzen und sie fit für die neuen Herausforderungen machen. Flexibilität und kontinuierliche Weiterbildung gewinnen in diesem Kontext an Bedeutung. Und die Nachricht, dass digitale Kompetenzen für den zukünftigen Geschäftserfolg essentiell sind, scheint angekommen zu sein: Laut einer aktuellen Umfrage im Auftrag des Branchenverbandes BITKOM sehen lediglich drei Prozent der Unternehmen beim Thema Digitalisierung keinerlei Fortbildungsbedarf. Eine wichtige Erkenntnis, denn Deutschland belegt bei der Fachkräfteverfügbarkeit mit Platz zehn den letzten Platz. Experten sehen genau hierin eine besondere Schwäche des Standorts Deutschland in Sachen Digitalisierung.

Innovationskraft behaupten

Bislang ist Deutschland in Sachen Innovationsfähigkeit im weltweiten Vergleich immer noch vor Finnland, Spanien, Frankreich und den USA führend. Doch die Herausforderung liegt darin, diese Innovationskraft weiter zu behaupten - hier sind gerade die traditionell starken Wirtschaftsbranchen und vor allem der deutsche Mittelstand gefragt. Denn neue Geschäftsprozesse und disruptive Lösungen werden zunehmend auch die traditionsreichen Industrien wie den Maschinen- oder Automobilbau radikal verändern - Branchen, die bislang noch unterdurchschnittlich digitalisiert sind.

Eine entscheidende Rolle kommt hierbei dem Mittelstand zu, diesen kleinen Unternehmen, die mit ihrem spezialisierten Know-How oft Weltmarktführer in ihrem Segment sind. Verpassen diese aufgrund von Ängsten und Zurückhaltung den Anschluss an digitale Technologien, hat dies immense Auswirkungen auf die gesamte deutsche Wirtschaft, die vom Innovationsgeist der Hidden Champions lebt. Denn wie auch der Nationale IT-Gipfel in Berlin zeigte: Die Digitalisierung lässt sich nicht aufhalten und steht in Deutschland ganz oben auf der Agenda. Und auch wenn Skepsis und Vorsicht in Deutschland eine lange Tradition haben, ist hier etwas mehr Risikobereitschaft gefragt, um die Transformation aktiv mitzugestalten. Also weniger abwägen und mehr wagen. (bw)