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Die CO2-Bilanz der ITK-Industrie ist beschämend

07.05.2007
IT-Anwender und Hersteller pumpen genauso viel CO2 in die Atmosphäre, wie die weltweite Luftfahrtindustrie. Das dürfte sich bald ändern: Laut Gartner kommt keine IT-Abteilung um eine intensive Beschäftigung mit Umweltfragen herum.

Die weltweite Informations- und Kommunikationstechnik (ITK) ist für rund zwei Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich, rechnen die Analysten von Gartner vor. Der Wert, der kaum von dem der gesamten Luftfahrtindustrie abweicht, sei "unhaltbar", heißt es bei den Marktforschern. In die CO2-Bilanz des IT-Einsatzes rechnet Gartner unter anderem die Kosten für den laufenden Betrieb von PCs, Servern, Kühltechnik, Festnetz- und Mobilfunktechnik, Local Area Networks (LANs) Büro-Telekommunikation und Drucker ein. Hinzu kommt der Energieaufwand, der für Design, Produktion und Distribution der Geräte benötigt wird, sowie der Unterhalt der gesamten öffentlichen und privaten IT- und TK-Infrastruktur weltweit. Unterhaltungstechnik jenseits von Handys und PCs lassen die Marktforscher in ihrer Betrachtung außen vor.

Rechenzentren müssen endlich grün werden, meint Gartner.
Rechenzentren müssen endlich grün werden, meint Gartner.

Bis heute sorgen sich nur wenigen Firmen um Stromkosten und CO2-Emissionen. Doch angesichts des galoppierenden Klimawandels ändert sich die Wahrnehmung rund um den Globus – in einigen Ländern früher, in anderen später. Das starke Medieninteresse hat zur Folge, dass sich Verbraucher bei ihren Kaufentscheidungen zunehmend auch an den Umweltschutzanstrengungen ihrer Lieferanten orientieren. Es geht laut Gartner also weniger darum, ob sich Firmen mit Umweltthemen beschäftigen, sondern mehr um die Risiken, die sie eingehen, wenn sie diese Themen außer Acht lassen (siehe beispielsweise: Warum Apple grüner wird).

Um finanzielle, rechtliche und umweltbezogene Risiken zu vermeiden, werden Unternehmen laut Gartner nicht darum herum kommen, sich umweltfreundlicher aufzustellen. Die Kunden werden nach umweltfreundlicher Technik fragen – und die Anbieter sollten darauf vorbereitet sein. In Europa werde es schon in diesem, spätestens aber im nächsten Jahr so weit sein, andere Regionen würden folgen.

Den Analysten zufolge braucht die Industrie ein besseres Verständnis des gesamten Lebenszyklus von ITK-Produkten und Services sowie mehr technische Innovationen, um Umweltfragen befriedigend zu beantworten. Bislang geschehe noch zu wenig, weil es noch kein kommerzielles Interesse der Anbieter und kaum rechtlichen Druck gebe. Doch binnen der nächsten drei Jahre würden die Verbraucher anfangen, detaillierte Fragen zu den Lebenszyklen der Produkte zu stellen. Auch die rechtlichen Rahmenbedingungen in Sachen Energiebilanz ändern sich, prophezeit Gartner, es werde mehr Gesetze geben. CO2-Emissionen ließen sich durch Materialeinsparungen, geringeren Energieverbrauch und die Nutzung weniger gefährliche Substanzen verbessern. Gleichzeitig könne der Recycling-Prozess effizienter und effektiver gestaltet werden, die Zweitverwertung von Material lasse sich optimieren (siehe: "UN-Initiative will Hightech-Müllberge abtragen").

IT-Organisationen, die sich mit dem Thema beschäftigen möchten, empfehlen die Analysten, zunächst einmal die bestehenden Aussagen und Ziele zum Thema Umwelt im Unternehmen zu studieren und sich auch die Aussagen zur sozialen Verantwortung genauer anzusehen. "Nur wenige IT-Management-Teams wissen darüber Bescheid, und nur selten haben sie die Folgen für ihre eigenen Aktivitäten bedacht und Maßnahmen eingeleitet", beobachtet Simon Mingay, Research Vice President von Gartner. Sie müssten sich entscheiden, ob sie proaktiv handeln, sich im Gleichschritt mit Markt und Gesetzgebung bewegen oder sich passiv verhalten wollten - also nur das tun, was unbedingt getan werden muss. Je nachdem, welcher Weg eingeschlagen werde, fielen Rollen, Verantwortlichkeiten und Programme höchst unterschiedlich aus.

Was Gartner IT-Abteilungen konkret empfiehlt:

  • Erheben Sie den Stromverbrauch für die ITK-Infrastruktur;

  • Nutzen Sie weniger Server und Drucker, lasten sie die vorhandene Geräte besser aus (Virtualisierung);

  • Verbessern Sie die Kapazitätsplanung und vermeiden Sie Überversorgung;

  • Prüfen Sie die Effizienz Ihrer Kühltechnik;

  • Nutzen Sie Vorrichtungen für das Energie-Management und regeln Sie den Stromverbrauch herunter, wenn es möglich ist. Auch Ausschalten ist eine Alternative;

  • Setzen Sie Geräte möglichst lange ein und geben Sie sie intern oder extern weiter, damit sie auch künftig zum Einsatz kommen;

  • Sichern und validieren Sie die korrekte Planung und Zuteilung des gesamten elektronischen Equipments;

  • Analysieren Sie den Elektronikschrott.

Gartner rät IT-Managern, die intern ihre Hausaufgaben in Sachen Umwelt gemacht haben, anschließend die Ökobilanz des gesamten Unternehmens ins Auge zu fassen. Beispielsweise könne Elektronikeinsatz dazu dienen, Reisen zu vermeiden oder energieaufwändige Prozesse ökonomischer abzuwickeln. Die Marktforscher erwarten, dass die Hälfte aller IT-Organisationen bis 2010 Umweltschutz-Richtlinien eingeführt haben wird. Mehr als ein Drittel werde seine Kaufentscheidungen auch von Umweltschutz-Aspekten abhängig machen. (hv)