Cloud Computing versus klassische IT

Die Cloud braucht eigene Spezialisten

Sebastian Weiss ist Managing Director für das DACH & Osteuropa-Geschäft bei Mirantis. Nach verschiedenen Stationen bei Red Hat und Ingenious Technologies und Aufenthalten in USA und Australien ist der diplomierte Wirtschaftsinformatiker inzwischen in Berlin angekommen.
Viele Projekte im Cloud Computing scheitern ganz offensichtlich an fehlenden Spezialisten. Der Grund: In IT-Abteilungen kommandiert der CIO traditionelle Experten für Cloud-Jobs ab. Das ist jedoch der falsche Weg, denn Cloud Computing ist kein Nebenjob, und außerdem gibt es weiterhin starke Vorbehalten dagegen.

Viele Unternehmen beklagen einen Mangel an Cloud-Spezialisten, der in etlichen Fällen schon Projekte verzögert oder verhindert habe. Das betrifft besonders OpenStack, mit dem zunehmend Firmen versuchen, der Lock-in-Falle im Cloud Computing zu entgehen. Das Defizit ist offenkundig und im OpenStack-Projekt sowie bei den beteiligten IT-Unternehmen bekannt. Sein Grund lässt sich zum Teil damit erklären, dass das OpenStack-Projekt in einem Maße gewachsen ist, den niemand erwarten konnte.

Die OpenStack Foundation hat in letzter Zeit versucht, dem Manko deutlich stärker zu begegnen. Hatte sie 2013 gerade 17 Fortbildungskurse in acht Stätten ausgerichtet, So waren es 2015 schon 119 Kurse in 99 Städten. Es ist klar: Das ist bei weitem noch nicht genug. Die Lücke zwischen Bildungsangebot und -nachfrage dürfte sich aber bald schließen.

Die Cloud braucht nicht weniger Spezialwissen, sondern mehr.
Die Cloud braucht nicht weniger Spezialwissen, sondern mehr.
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Allerdings ist fehlendes Fachwissen nicht der einzige Grund, der die Verbreitung von Cloud Computing behindert. Die Diskrepanz zwischen Cloud-Intentionen und -Realisierung erklärt sich auch nicht mit der berechtigten Angst vor Vendor Lock-in. Es gibt nämlich darüber hinaus auf Seiten der IT-Professionals erhebliche Vorbehalte gegen die Cloud.

In den Workshops zeigt sich Verunsicherung

Am Beginn jeder Cloud-Schulung und in den Workshops sind gewisse Bedenken zu spüren und oft genug bringen die Teilnehmer sie offen vor. Ein paar unter Cloud-Kennern übliche - und völlig richtige - Aussagen kommen gar nicht gut an. So irritiert viele die Aussage, dass man die IT-Silos überwinden muss, denn im Cloud Computing ist das Zusammenspiel von IT-Komponenten wichtiger als die maximale Verfügbarkeit der Einzelbestandteile. Auch wird sehr schnell klar, dass in einer Cloud die Kräfte stärker in Richtung der Anwendungsentwicklung gehen, deren Spezialisten Cloud-fähige Workloads erst neu schreiben müssen.

Umfrage zu CRM in der Cloud

Das berührt unmittelbar Maßstäbe der Wertschätzung von IT-Spezialisten im klassischen Infrastrukturbereich oder IT Operations. Sie sind bisher - und das durchaus zu Recht - stolz darauf, in ihrem Fachbereich, zum Beispiel bei Datenbanken oder virtuellen Maschinen, eine Verfügbarkeit von 99,99x Prozent zu gewährleisten und suchen tagtäglich nach Wegen noch eine "9" nach dem Komma zu ergänzen. Sie und oft genug auch ihr Gehalt werden an solchen Größen gemessen. Die Fachspezialisten erfüllen Service Level Agreements, die, wie sie nun erfahren, in der Cloud unwichtig sind, weil hier nicht ein Server zählt, sondern eine ausgefallene Instanz kurzerhand durch eine horizontal skalierende Herde von Rechnern ersetzt wird.

In der Regel schicken Firmen die besten Leute ihrer IT auf Cloud-Schulungen, darunter ausgewiesene Experten in einem Fachbereich der Administration. Diese erfahren nun, dass die Cloud, die sie später betreiben sollen, vor allem dafür gut ist, dass ihr Unternehmen schneller Anwendungen auf den Markt bringen kann. Datenbankexperten, VMware- und Linux-Kernel-Spezialisten befürchten sofort, folglich Erfüllungsgehilfen der Entwickler zu werden. Und diese Developer dürfen anscheinend alles, Fehlschläge gelten als normal.

Skepsis vor Veränderungen ist menschlich

In den Cloud-Schulungen steht die Befürchtung im Raum, Expertenwissen könnte entwertet werden. Es ist nachvollziehbar, dass Menschen solchen Veränderungen mit Skepsis begegnen. Jeder, der eine angesehene Position in seinem Job hat, scheut berufliche Unwägbarkeiten, die auf das Ego und per Gehalt auch noch auf die Lebensumstände durchschlagen könnten. Es ist also unverzichtbar, dass Unternehmen ihren künftigen Cloud-Spezialisten von Anfang an eine klare und positive Berufsperspektive aufzeigen.

Leider begehen hier etliche Unternehmen einen fundamentalen Fehler. Sicher ist die Entscheidung für Cloud Computing kein Ergebnis einer demokratischen Abstimmung in der IT-Mannschaft. Dieser Beschluss kommt "von oben". Es ist aber nicht damit getan, den Betroffenen die Arbeit kurzerhand auf den Schreibtisch zu werfen. Leider ist es oft so, dass bereits völlig ausgelastete IT-Professionals zusätzlich den Auftrag bekommen, sich um den Aufbau der Cloud-Strukturen zu kümmern. Eine Vermischung der Konzepte, der Denkweisen und der beiden Welten ist daher wenig erfolgsversprechend.

Cloud Computing hat, auch in der In-house-Version, völlig andere Maximen als der traditionelle IT-Betrieb. Es ist eine andere Welt schneller und teilweise auch kurzlebiger Services. Mit Cloud Computing ist die Wegwerfgesellschaft in der IT angekommen. Eine Instanz ist abgestürzt? Man startet sofort eine Kopie, bevor man die Ursachen recherchiert. Jedem gestandenen IT'ler stellen sich die Haare auf, jeder muss erst einmal lernen, so zu arbeiten.

Cloud Computing ist kein Nebenjob

Und Unternehmen müssen lernen, das Cloud Computing kein vorübergehender Nebenjob ist. Es ist eine neue IT-Welt, die nicht nur Investitionen in Server, Storage und I/O verlangt, sondern auch in das Personal. Es ist tatsächlich besser, für Cloud-Projekte einen separaten Bereich in der IT zu schaffen und auf dem Level "grüne Wiese" anzufangen. Und zwar mit Leuten, die nicht abkommandiert sind, sondern es selbst gewollt haben.

Für den Operations-Aspekt von Clouds kommen nur Mitarbeiter in Frage, die über Fachwissen in ihrem Spezialsegment hinaus die Bereitschaft mitbringen, über den Silorand zu blicken. Die Cloud braucht nicht weniger Spezialwissen, sondern mehr: Der Datenbankexperte ist wichtig in der Cloud, aber er muss auch über Wissen zu Netzwerken, zur Verwaltung virtueller Maschinen etc. verfügen. Und er muss kommunikations- und teamfähig sein. Denn er arbeitet nicht nur mit Spezialisten aus anderen Segmenten zusammen - die im Übrigen genau so verunsichert sind wie er. Darüber hinaus ist er Vermittler und Koordinator zwischen Business und Entwicklern und befindet sich einem viel agileren Umfeld mit wesentlich mehr Tempo und vielen neuen Technologien.

Ebenso wenig, wie sich ein Unternehmen in die Cloud zwingen lässt, sollte es seine IT-Leute dahin kommandieren. Die Cloud ist nicht plötzlich da und allgegenwärtig. Es wird im Unternehmen auch morgen noch genügend von der klassischen IT geben, dass weiterhin Bedarf an Fachspezialisten besteht. Die aktuelle IT-Welt ist bi-modal, wie Gartner es nennt. Ein Teil ist traditionell geprägt und auf Stabilität und Sicherheit bedacht. Der andere, neue Teil ist Cloud-orientiert und hebt Agilität sowie Geschwindigkeit hervor. Laut Gartner werden 2017 voraussichtlich drei Viertel aller großen Unternehmen bi-modal operieren.

In dieser Welt wird jeder seinen Platz haben, nur wird man sich zu einem gewissen Zeitpunkt die Frage stellen, auf welcher Seite man steht. In der IT gibt es genügend mutige und kreative Köpfe, die das Cloud Computing als Herausforderung annehmen. (pg)