Startup und Enterpreneur im mobilen Internet

Die Cloud beflügelt junges Unternehmertum

  • Gabi Visintin ist Journalistin in Tübingen.
Tablet und Smartphone, Software und Services aus der Cloud sowie Crowdsourcing und Share Economy machen es möglich: sie schaffen selbst für Startups und Einzelunternehmer einen weltweiten Aktionsradius und Nährboden für neue Geschäftsmodelle und Ideen.

Lampenschirme mit Vogelmotiv, die ein bisschen an das Twitter-Symbol erinnern, Rosetten für extravagante Dekorationen; Kissen im außergewöhnlichen Design - das sind die Werke der Designerin Lorna Syson, die gerade auf dem Weg ins internationale Geschäft ist. Zu den Werkzeugen der Künstlerin und Handwerkerin gehören nicht nur Schere und Nähmaschine, die in einer Londoner Werkstatt ihren Platz haben, sondern auch Tablet und Smartphone; ERP-Software, Datenspeicher sowie ein Bezahlsystem aus der Cloud.

Die weltweit vernetzte Community heizt den Gründerwillen an.
Die weltweit vernetzte Community heizt den Gründerwillen an.
Foto: Jirsak-shutterstock.com

Ob die junge Designerin auf dem Weg nach Paris auf eine Accessoire-Messe ist, zum Zulieferer fährt oder während einer Akquise-Tour in einem Cafe eine Pause einlegt - überall erledigt sie nebenher ihre unternehmerischen Aufgaben. Sie legt auf ihrem Tablet Aufträge an, kontrolliert die Zahlungen ihrer Kunden, den Umsatz- oder Lieferstatus, begleicht Rechnungen oder sucht auf Social-Media-Kanälen das Profil einer Interessentin. Ihre Produkte verkauft die junge Unternehmerin inzwischen nicht mehr nur an einen kleinen Kundenkreis von Accessoire- und Designläden in ihrer näheren Umgebung, sondern über Landesgrenzen und Kontinente hinweg.

Arbeitswelt im mobilen Internet und der Cloud

Syson ist nicht die einzige, die heute auf diese Weise arbeitet und handelt. Immer öfter trifft man inzwischen auf Kleinunternehmer und Startup-Gründer, die sich der neuen Möglichkeiten des mobilen Internets und der Cloud "leichtfüßig" bedienen. Da sitzt die Chefin eines Reisebüros aus Baden-Württemberg an der Côte d‘Azur und checkt von dort aus ihre Mails, bevor sie mit ihrem Mann in den Urlaubstag startet. Dort hoppt das Ehepaar, das Manager und Business-Leiter coacht, in den Wintermonaten von einer Südsee-Insel zur nächsten, weil ihnen das kalte Europa in dieser Zeit nicht zusagt.

Digitale Wertschöpfung

Für den Professor der Betriebswirtschaft an der LMU in München, Arnold Picot, der das Papier "Arbeit in der digitalen Welt" verfasste, ist die Designerin aus London die typische Vertreterin eines neuen Unternehmertypus im digitalen Zeitalter: "Wer heute etwas gut kann, kann sich darauf spezialisieren und mit geeigneter Technologie in alle Welt verkaufen." Das Beispiel von Syson folgt der Logik des Wirtschaftslehrsatzes: Das Ausmaß der Spezialisierung wird durch die Größe des Marktes bestimmt. Und dieser ist - das wissen wir schon lange - durch das Internet sehr groß geworden.

Crowdsourcing und Share Economy sind Treiber

Dass das Web es nun sogar der kleinen Schneiderin um die Ecke ermöglicht, ganz neue Lebens- beziehungsweise Unternehmerwege einzuschlagen, war bisher nicht so klar. Für Picot sind es zwei Entwicklungen, die das neue Unternehmertum befördern:

  • Zum einen führt der stark dematerialisierte Kosmos, der parallel zur Welt der Dinge heranwächst, dazu, dass immer mehr vornehmlich junge Menschen in der "Wertschöpfung in virtuellen Zusammenhängen" ihre Chance erkennen und Startups gründen.

  • Zum anderen heizt eine weltweit vernetzte Community den Gründerwillen an.

Crowdsource-Plattformen wie Innosabi aus Deutschland oder Innocentive aus den USA, die auf die Macht des intelligenten Schwarms vertrauen, sind eine sprudelnde Quelle für das neue Unternehmertum.

Picot: "Es ist nicht trivial, ein agiles Unternehmen zu gründen und zu führen."
Picot: "Es ist nicht trivial, ein agiles Unternehmen zu gründen und zu führen."

Umfrage zu CRM in der Cloud

"Oft beteiligen sich Ingenieure oder Techniker neben dem Job an Ausschreibungen solcher Plattformen, die zum Beispiel nach einer technischen Lösung suchen, etwa wie sich zwei Materialien verbinden lassen", erläutert Picot: "Erste Erfahrungen zeigen, dass aus erfolgreichen Teilnehmern, die sich hier nebenberuflich engagieren, irgendwann Startup-Gründer werden können." Es sind demnach auch die Auslagerungsmöglichkeiten von Arbeit, respektive Crowdsourcing und Share Economy, die das neue Unternehmertum antreiben.

Virtuelle Assistenten entlasten Entrepreneurs

Gerade wer selbstständiger Unternehmer wird beziehungsweise sich im globalen Markt bewegen will, ist auf das Teilen sowie auf das Angebot vielfältiger Services angewiesen. Denn "es ist nicht trivial, ein solches agiles Unternehmen zu gründen und zu führen", betont Picot. Schließlich gilt es, parallel zur Kernidee viele betriebswirtschaftliche Aufgaben zu erledigen. "Es geht um eine gewisse Komplexität, die man plötzlich beherrschen muss", erklärt der Betriebswirtschaftler. Das beste Beispiel liefert Unternehmerin Syson, die ihre verschieden Rollen aufzählt: "Designerin, Gründerin, Sales, Buchhalterin, Kundenbetreuerin, IT-Admin und Händlerin." Das Picot-Papier "Wandel der Arbeit" weist darauf hin, dass für die Entlastung der Entrepreneurs schon heute ein Heer an virtuellen Assistenten und physischen Dienstleistern bereitsteht - mit wachsender Tendenz. Für die Zukunft schwebt Picot vor, dass sich viele einzelne Softwareservices in Mashup-Manier wie ein Legowerk zusammenfügen und die spezifischen Anforderungen jeglicher Art von Startup oder Manufaktur erfüllen.

Cloud und Softwareservices haben strategische Bedeutung

Eine der wichtigsten Assistenz- und Treiberfunktionen - das wird aus dieser These ersichtlich - hat die Informationstechnologie. Ayse Gül, Personalchefin von Sage Deutschland ist sogar überzeugt: "Die Basis für den neuen Unternehmertypus haben erst das mobile Internet und die Cloud gelegt, und die damit einhergehende Führungs- und Arbeitskultur." Christian Zöhrlaut, der bei Sage den Bereich der Cloud verantwortet, meint, dass die Cloud nicht zwingend nötig ist, um die Vorteile einer mobilen Lösung zu genießen, "weil es heute auch relativ einfach ist, eine mobile Verbindung vom Tablet direkt zum Server im Betrieb herzustellen". Doch auch für Zöhrlaut steht außer Frage, dass die Cloud strategische Bedeutung für das mobile Zeitalter hat: "Wenn alles, was ein Anwender braucht, in der Wolke liegt, ist die Nutzung von überall besonders einfach." Die Designerin aus London beweist es: Sie bezieht die betriebswirtschaftliche Software "Sage one" aus der Cloud, speichert ihre Dokumente in "Google Drive" ab, bezahlt über den Cloud-Service "Sage Pay" und managt mit Google Apps, E-Mails sowie ihren Kalender.

Dass das alles auf jedem Endgerät funktioniert und intuitiv nutzbar ist, kann nicht als selbstverständlich vorausgesetzt werden. Aus diesem Grund hat Sage zum Beispiel eine zehnköpfige Mobility Workforce in Frankfurt am Main eingerichtet, die an der Vision, Entwicklung und Lösung solcher mobilen Themen und Applikationen arbeitet. Dabei wird nach der Maxime gehandelt, Startups und kleineren mittelständischen Unternehmen die Handhabung so leicht wie möglich zu machen. "Es geht dabei um ein Arbeiten, das trotz Verbindlichkeit und Leistungsstreben sogar noch Spaß machen kann", formuliert Gül den Anspruch ihres Arbeitgebers.

Softwareprogramme schaffen Freizeit

Bleibt nur noch ein Thema, das sich nicht (allein) mit IT lösen lässt. Wer überall und immer für seine Kunden und sein Geschäft aktiv werden kann, vergisst oft, dass die eigenen Ressourcen nicht unendlich sind. Arnold Picot hat sich auch dazu Gedanken gemacht: "Wir müssen die Situation, dass Arbeiten und Nichtarbeiten nahe beieinander liegen, beherrschen lernen." Dabei können Softwareprogramme helfen, die zum Beispiel automatisch Prozesse abarbeiten, oder Dienstleister, die Aufgaben übernehmen. Der neue Unternehmertypus wird lernen, mit den Möglichkeiten umzugehen, ist sich der Professor sicher. (pg)