Die besten Tools für die Enterprise Architecture

Wolfgang Herrmann ist Deputy Editorial Director der IDG-Publikationen COMPUTERWOCHE und CIO. Zuvor war er Chefredakteur der Schwesterpublikation TecChannel und stellvertretender Chefredakteur COMPUTERWOCHE. Zu seinen thematischen Schwerpunkten gehören Cloud Computing, Data Center, Virtualisierung und Big Data.
Forrester Research hat die führenden Anbieter von Werkzeugen für eine unternehmensweit konzipierte IT verglichen. In der Spitzengruppe behauptet sich auch die deutsche IDS Scheer AG.

Das Konzept der Enterprise Architecture (EA), einst eine Domäne weniger Spezialisten, hat sich mittlerweile in allen Branchen durchgesetzt, erläutert Forrester-Analyst Henry Peyret. Hinzu kommen immer mehr Nutzer aus der öffentlichen Hand, die mit Hilfe von Enterprise-Architecture-Management (EAM) eine Art Generalbebauungsplan für die IT entwickeln. "Unternehmen agieren zunehmend global, brauchen aber zugleich vor Ort mehr Agilität und Effizienz", beschreibt er die Treiber des Markts für EA-Tools. Neben der IT-Infrastruktur, die viele Organisationen bereits konsolidiert haben, nutzen Firmen immer öfter auch Prozesse und Anwendungen grenzüberschreitend. Repositories und Modellierungswerkzeuge für eine Enterprise Architecture erlauben es, solche Ressourcen zu analysieren und bei Bedarf zu verändern. Peyret: "Mit der wachsenden Komplexität der IT steigt auch das Bedürfnis, Risiken einzudämmen, die aus Veränderungen erwachsen."

Hier lesen Sie…

  • wie sich der Markt für Enterprise Architecture Management entwickelt;

  • welche Hersteller im Vergleich von Forrester Research die Nase vorn haben;

  • was die führenden Tools leisten.

Forrester Research bewertet die Tool-Anbieter nach den Kriterien Angebot, Strategie und Marktpräsenz.
Forrester Research bewertet die Tool-Anbieter nach den Kriterien Angebot, Strategie und Marktpräsenz.
Foto: Forrester Research

EA-Tools mit ihren diversen Modellen zum Verfolgen von Abhängigkeiten liefern Risikoanalysen, zeigen Auswirkungen von Änderungen auf und helfen dabei, konkurrierende IT-Initiativen zu steuern. Zu Letzteren zählt der Forrester-Mann beispielsweise Business-Process-Management (BPM), IT-Governance, Project- Portfolio-Management oder auch Service-orientierte Architekturen (SOA). Vor diesem Hintergrund habe die Anzahl der Nutzer von EA-Informationen dramatisch zugenommen, schreibt er im Bericht "The Forrester Wave: Enterprise Architecture Tools, Q2 2007". In den vergangenen drei Jahren wuchsen die Umsätze mit EA-Tools jeweils um zehn bis 20 Prozent, schätzen die Auguren (siehe Kasten "Fakten zum EA-Markt"). Inzwischen tummeln sich mehr als 35 Anbieter auf dem Markt.

Die führenden Hersteller bewertet das US-amerikanische Marktforschungs- und Beratungshaus anhand von rund 120 Kriterien, die in drei Gruppen unterteilt sind: Angebot, Strategie und Marktpräsenz (siehe Kasten "So bewertete Forrester"). Aus dem so entstandenen Ranking gehen die etablierten Anbieter als Sieger hervor: Casewise, IDS Scheer, Mega International, Proforma und die schwedische Telelogic, für die IBM zwischenzeitlich ein Übernahmeangebot abgegeben hat (siehe Grafik "Die zehn besten EAM-Anbieter"). In der Verfolgergruppe finden sich unter anderem Adaptive und die Berliner Alfabet AG, zwei relativ neue Mitspieler.

Casewise

Zu den Marktführern zählt Forrester den britischen Hersteller Casewise. Mit seiner "Corporate Modeler Suite" habe sich das bereits seit vielen Jahren aktive Unternehmen eine starke Marktstellung aufgebaut, die durch ein Netz von 200 Vertriebspartnern gestützt wird. Die Produkte böten umfassende Funktionen für Modellierung, Simulation und Analyse. Peyret lobt insbesondere die Unterstützung diverser Templates. Dazu zählen Modelle und Frameworks wie ITIL (IT Infrastructure Library), Togaf (The Open Group Architecture Framework) und eTOM, ferner die weniger bekannten Modelle MRASCo, Neta und SEI. Zu empfehlen sei das Casewise-Portfolio besonders Unternehmen, die in ihren EA-Projekten einen Top-down-Ansatz wählen oder sich auf das Change- Management konzentrieren.

Termin

Das Executive Program "Enterprise Architecture Management" am 19. September 2007 in Frankfurt zeigt in Praxisbeispielen und Fachvorträgen, wie ein ganzheitliches Management von IT und Business aussehen kann. Mehr Informationen finden Sie hier.

IDS Scheer

Auch IDS Scheer ergattert im Forrester-Ranking einen Spitzenplatz. Die international etablierten "Aris"-Werkzeuge zur Prozessmodellierung ergänzte der Saarbrücker Hersteller um das System "Enterprise Architecture Solution", das ebenfalls eine Reihe von Frameworks unterstützt. Dazu gehören beispielsweise Zachman und das Department of Defense Architecture Framework (DoDAF). Ausgestattet mit einer starken Strategie und einer breiten Marktpräsenz bietet das Angebot der Deutschen überzeugende Metamodell-Features, loben die Analysten. IDS Scheer sei es gelungen, die hohe Reputation aus dem Modellierungsmarkt auf seine EA-Tools zu übertragen. Weniger gut bewertet Forrester die Anpassungsmöglichkeiten für Reports, Importfunktionen und die hohen Produktkosten. Auch in puncto Lifecycle-Management bestehe Nachholbedarf.

Das Aris-Angebot eignet sich laut Forrester vor allem für Organisationen, die eine breit angelegte strategische EA-Initiative mit einem Top-down-Ansatz planen. Entscheidungsrelevant könne dabei auch der Bedarf an globalem und lokalem Support für die Produkte sein. Mit seiner internationalen Präsenz in Europa, Nordamerika und Asien biete IDS Scheer dafür gute Voraussetzungen. Der Servicearm des Unternehmens erwirtschaftet mehr als zwei Drittel der Umsätze.

Mega International

Als besonders stark in Sachen Metamodelle und Lifecycle-Management stufen die Analysten Mega International ein. Das 1991 in Paris gegründete Unternehmen setze auf eine möglichst umfassende EA-Lösung und offeriere beispielsweise gute Simulations- und Analysefunktionen. Einen Schwachpunkt sieht Forrester im Bereich Web-basierende Modellierung. Das umfassende Metamodell des Produkts erfordere zudem einen gewissen Schulungsaufwand.

Unternehmen, die eine breit angelegte Enterprise Architecture ins Auge fassen und dabei besonderen Wert auf Change-Management legen, sollten das Angebot prüfen, rät Forrester. Profitieren könnten Kunden dabei auch von Beratungsleistungen und Best Practices zum Thema Modellierung.

Proforma

In die Gruppe der Marktführer schafft es auch der US-amerikanische Hersteller Proforma. Vor allem die leistungsstarken Import- und Exportfunktionen sowie die grafischen Darstellungsmöglichkeiten finden das Lob der Analysten. Hinzu kommt eine große Zahl an Templates und Modellen, darunter Togaf und DoDAF. Defizite im Vergleich zu einigen Konkurrenten sehen die Experten im Bereich Lifecyle-Management. Unterm Strich habe das Angebot rund um die Produktfamilie "Provision" keine bedeutenden Schwächen. Zu empfehlen sei es insbesondere Kunden, die Templates und Framework-Funktionen benötigten und dabei Wert auf Import- und Exportoptionen legten.

Telelogic

Die schwedische Telelogic stieg mit der Übernahme von Popkin Software im Jahr 2005 in den EA-Markt ein. Das daraus entstandene Produkt "System Architect" bietet laut dem Bericht insbesondere gute Modellierungs- und Publishing-Funktionen. So können Unternehmen etwa über das Web-Tool "SA Information Publisher" EA-Informationen veröffentlichen. Ebenso lassen sich bestehende Portale und Intranets für die Veröffentlichung von Modellen nutzen. Schwächen sieht Forrester in den Bereichen Governance und Collaboration.

Unterm Strich eigneten sich die Produkte für klassische Top-down-Projekte, so die Einschätzung. Aufgrund der vielfältigen Erfahrungen mit Entwicklungs-Tools könne Telelogic auch für Nutzer Vorteile bringen, die über einen EA-Ansatz strategische Enterprise-Anwendungen bauen wollen. Dabei spielt unter anderem die Requirements-Management-Lösung "Doors" eine wichtige Rolle. Wie es mit Doors und den EA-Tools insgesamt weitergeht, ist nach dem Übernahmeangebot der IBM für Telelogic indes schwer abzusehen.

Die Verfolger

Im Verfolgerfeld sieht Forrester unter anderem die deutsche Alfabet AG. Mit dem Produktpaket "Planning IT" offeriere das 1997 in Berlin gegründete Unternehmen starke EA-Tools. Allerdings fehle es noch an einer breiten Marktpräsenz. Mit seinem Schwerpunkt auf Change-Management verfolgt Alfabet nach Ansicht der Analysten einen pragmatischen Ansatz für eine Enterprise Architecture, der vor allem durch Funktionen für das Project-Portfolio-Management ergänzt werde. Planning IT eigne sich aufgrund dieser Ausrichtung besonders für IT-getriebene Transformationsprojekte.

So bewertete Forrester

Forrester Research nahm rund 35 Hersteller im Markt für Enterprise-Architecture-Tools unter die Lupe. Die rund 120 Bewertungskriterien teilten die Experten in drei Gruppen auf: Angebot, Strategie und Marktpräsenz.

Das Angebotsportfolio beleuchteten die Experten nach den Kategorien Modellierung, Simulation und Analyse, Lifecycle-Management, Funktionen für das Publizieren von Informationen, Templates für EA-Modelle und der Robustheit der Produktarchitektur. Als Messlatte für die Strategie dienten die Zukunftspläne für Produkte und das Unternehmen als Ganzes sowie die Produktkosten.

Zu den Trendsettern in Sachen Change-Management zählt Forrester auch die privat gehaltene Firma Agilense. Mit "EAonDemand" offeriert der amerikanische Hersteller zudem eine Produktvariante über ein SaaS-Modell (SaaS = Software as a Service). Ebenfalls aus den Vereinigten Staaten stammt die Softwareschmiede Troux. Mit der Übernahme der schwedischen Computas im Jahr 2005 erwarb das Unternehmen unter anderem das Modellierungs-Tool Metis, heute die Basis für EA-Werkzeuge mit vielfältigen Modellierungsfunktionen.

Als starken Anbieter im Markt für EA-Tools stufen die Studienautoren auch Adaptive ein. Zwar halte sich das Dienstleistungsangebot aufgrund der geringen Größe des Anbieters in Grenzen. Doch mit ausgefeilten Metamodell-Features und einem Metadaten-Repository punktet der Hersteller mit Hauptsitz in Washington D.C.

Als Herausforderer sehen die Analysten Embarcadero Technologies. Der kalifornische Hersteller offeriert in erster Linie Datenbank-Tools und hat sein Portfolio auf Prozessmodellierung und Enterprise Architecture ausgedehnt. Über ein Repository können Benutzer Impact-Analysen anstoßen und EA-Modelle gemeinsam nutzen. Embarcadero vertreibt seine Produkte weltweit vor allem über indirekte Kanäle. Forrester empfiehlt die Tools Unternehmen, die klein in das Thema Enterprise Architecture einsteigen wollen und dabei zunächst auf die Datenarchitektur abheben.

Fakten zum EA-Markt

Nach Erhebungen von Forrester Research wuchs der Markt für EA-Tools (EA = Enterprise Architecture) im Jahr 2006 auf ein Umsatzvolumen von weltweit 320 Millionen Dollar. In den vorangegangenen drei Jahren verbuchten die Hersteller demnach jeweils Zuwachsraten zwischen zehn und 20 Prozent. Mehr als 35 Anbieter tummeln sich auf dem Markt. Dabei zählten die Auguren klassische Softwaremodellierungs-Tools, die um EA-Funktionen erweitert werden, nicht mit.

Das Wachstum wird sich im laufenden Jahr ungebremst fortsetzen, prognostizieren die Analysten. Die meisten Hersteller könnten mit Umsatzzuwächsen zwischen 15 und 20 Prozent rechnen.

Etwa 90 Prozent der 500 größten Unternehmen weltweit haben bereits EA-Methoden eingeführt, schätzen die Marktforscher. Die Akzeptanz in kleineren Unternehmen bleibt noch weit dahinter zurück. Laut einer Forrester-Erhebung aus dem Jahr 2006 setzten 64 Prozent der größten Unternehmen weltweit dedizierte EA-Werkzeuge ein. In Firmen mit 1000 bis 5000 Mitarbeitern lag der Wert nur bei 50 Prozent.

Die im Jahr 2004 von Forrester definierte Einteilung von EA-Tools in die Kategorien Modellierung, Repositories und Change-Management verschwimmt. Viele Anbieter haben inzwischen auch kollaborative und Governance-Features in ihre Produkte eingebaut.

Für die kommenden Jahre prognostizieren die Analysten eine Marktkonsolidierung. Dies sei zum einen auf die geringe Größe der Anbieter zurückzuführen: Lediglich IDS Scheer und Telelogic wiesen Umsätze von mehr als 200 Millionen Dollar aus. Zum anderen wecke die zunehmende strategische Bedeutung von EA-Initiativen Begehrlichkeiten der großen Player. Im Fall Telelogic bestätigte sich die Erwartung bereits. IBM will den schwedischen Softwarehersteller für umgerechnet 557 Millionen Euro übernehmen.

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