Agile Softwareentwicklung

DevOps: Ziemlich beliebt, ziemlich falsch umgesetzt

19.08.2016
Andreas Gerst ist CTO & Vice President für Presales, Central Europe bei CA Technologies.
Deutsche Unternehmen sind bei der Einführung neuer Technologien gar nicht so scheu, wie häufig angenommen wird. Ein Blick auf die Details zeigt jedoch, dass sie das volle Potenzial häufig nicht ausschöpfen.

Deutsche Unternehmen sind bei der Einführung neuer Technologien gar nicht so scheu, wie häufig angenommen wird. Tatsächlich zeigen Studien, wie die kürzlich von Freeform Dynamics veröffentlichte Befragung "Assembling the DevOps Jigsaw", dass deutsche Unternehmen im internationalen Vergleich zumindest beim Thema DevOps vorne sind. 76 Prozent der befragten Unternehmen setzen hierzulande DevOps bereits ein. Damit ist Deutschland vor der Schweiz (71 Prozent), Spanien (69 Prozent) und Großbritannien (67 Prozent) europäischer Spitzenreiter.

Gerade im Zeitalter der digitalen Transformation haben agile Unternehmen einen großen Vorteil: Sie können schneller neue Softwareversionen entwickeln, neue Features implementieren und somit auch schneller auf Marktveränderungen reagieren. Und wenn wir einen Blick auf die deutsche Unternehmenslandschaft werfen, sehen wir schnell, wie wichtig Software geworden ist: Deutsche Autohersteller kaufen Softwareunternehmen, FinTechs treten in Konkurrenz zu traditionellen Bankhäusern, die wiederum mit einem Großaufgebot an Entwicklern antreten, und die IHK Akademie München lädt zum "Oktoberhackfest" ein.

Schnell auf veränderte Business-Anforderungen reagieren zu können, ist der Sinn einer agilen Unternehmensstruktur. DevOps helfen, die interne Softwareentwicklung entsprechend aufzustellen.
Schnell auf veränderte Business-Anforderungen reagieren zu können, ist der Sinn einer agilen Unternehmensstruktur. DevOps helfen, die interne Softwareentwicklung entsprechend aufzustellen.
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Messbare Vorteile dank DevOps

DevOps sorgt in diesem Rahmen für messbare Erfolge: 85 Prozent der in der eingangs genannten Studie befragten Unternehmen verzeichnen dank DevOps signifikante Erfolge in der Kundenbindung, 76 Prozent erzielen vergleichbare Ergebnisse beim Kundengewinn und 68 Prozent erreichen Vorteile bei neuen Umsatzquellen. Digitale Initiativen werden von DevOps-Nutzern auch auf pan-europäischer Ebene als entscheidende Faktoren betrachtet. DevOps sorgt also für Erfolg und deutsche Unternehmen setzen entsprechende Maßnahmen um. Ist damit alles gut? Mitnichten, denn deutsche Unternehmen wissen eigentlich nicht so recht, wie sie die neuen Technologien anwenden sollen.

Die Studie nennt Kernfähigkeiten für den Erfolg von DevOps, die sich in drei Bereiche kategorisieren lassen: ein Business-Ansatz, gut zusammenarbeitende, qualifizierte Mitarbeiter und die Einführung von Schlüsselfunktionen zum Management von DevOps. Deutsche Unternehmen erfüllen diese Voraussetzungen in allen drei Bereichen nicht. Bemerkenswert ist die hohe Diskrepanz zwischen der Bewertung der Wichtigkeit dieser Maßnahmen und dem Grad ihrer tatsächlichen Realisierung. So sind 91 Prozent der Unternehmen der Meinung, dass es wichtig ist, die Business-Prioritäten in der IT-Abteilung zu kennen. Nur 32 Prozent der Befragten haben aber einen entsprechenden Prozess implementiert. 89 Prozent halten funktionsübergreifende Prozesse innerhalb der IT für wichtig - allerdings ist dies nur bei 30 Prozent Realität. Ähnlich verhält es sich mit den Kontrollmechanismen: Für 84 Prozent sind sie von zentraler Bedeutung, um den Sicherheits- und Compliance-Herausforderungen der DevOps-Methodologie zu begegnen, aber wieder nur ein Drittel hat diese auch implementiert.

Ein Teil dieser Lücke lässt sich durch die kulturellen Unterschiede innerhalb von IT-Abteilungen erklären. Für 80 Prozent der Organisationen ist es daher enorm wichtig, die Barrieren zwischen den Entwicklungs- und Operations-Teams zu verkleinern oder ganz aufzuheben. Doch nur eine Minderheit von 20 Prozent hat bereits alle Hürden dieses kulturellen Wandels überwunden - es braucht Zeit und Geduld, um die traditionellen Grenzen, etablierten Denkweisen und lang andauernden Revierkämpfe hinter sich zu lassen.

Implementierung nicht weit fortgeschritten

Zu Beginn wurde die beeindruckende Spitzenposition Deutschlands bei der DevOps-Implementierung genannt. Allerdings haben nur zehn Prozent alle Kriterien erfüllt, um zu den fortschrittlichen DevOps-Unternehmen gezählt zu werden. Damit ist Deutschland leider europäisches Schlusslicht. Die Schweiz (23 Prozent), Spanien (13 Prozent) und Italien sowie Frankreich (jeweils zwölf Prozent) sind weiter vorne. Um bei einem Bild aus der deutschen Industrie zu bleiben: DevOps ist hierzulande vergleichbar mit einem schnellen Sportwagen, bei dem der Fahrer allerdings noch nicht herausgefunden hat, wie er den zweiten Gang einlegt.

Was ist also zu tun? Zunächst sollten sich Unternehmen bei der Einführung von agilen Methoden im Klaren sein, dass es nicht nur um den Erwerb neuer Entwicklungstools oder -plattformen geht, sondern um eine Veränderung der Unternehmenskultur.Nicht nur die IT-Abteilung muss agiler entwickeln und schneller Applikationen ausrollen können, sondern das gesamte Unternehmen muss agiler werden, IT-Teams intelligent einbinden und über Unternehmensziele informieren, sodass sie richtig priorisieren können. Zudem müssen Barrieren innerhalb der IT-Abteilung aufgebrochen werden.

Oft wird bei technologischen Themen der Faktor Mensch außen vor gelassen. Allerdings ist DevOps eine Strategie, die sich sehr stark an menschlicher Interaktion orientiert und diese auch voraussetzt. Zu guter Letzt sollten bestehende Teams nicht überfordert werden. Dafür sind entsprechende Schulungen unersetzlich. In der Praxis haben sich Teams aus Entwicklern, Administratoren und dedizierten DevOps-Experten bewährt. Eine übergreifende Strategie sollte dabei den Rahmen bilden, mit klaren Deadlines, Verantwortlichkeiten und Prozessdefinitionen. So können deutsche Unternehmen den technologischen Vorsprung dank ihrer hohen Adoptionsrate auch wirklich ausspielen und den nächsten Gang einlegen. (sh)