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Bestandsaufnahme Cloud Computing

Deutschland ist Entwicklungsland

Prof. Dr. Peter Lehmann lehrt seit 2003 Wirtschaftsinformatik an der Hochschule der Medien Stuttgart. Seine Schwerpunkte sind Business Intelligence, SAP Business Information Warehouse und Microsoft Business Intelligence. Prof. Lehmann war zuletzt auch als Projektleiter und Strategieberater bei SAP für den Bereich Business Warehouse zuständig.
Die meisten Unternehmen in Deutschland setzen Cloud-Software nur zögerlich ein. Was sind die Gründe dafür, welche Hindernisse gibt es? Ist Cloud Computing ein Flop? Drei Fakten von Prof. Peter Lehmann, HdM Stuttgart

Ob Word und Excel auf dem iPad oder E-Mails auf dem HTC-Smartphone - Office-Programme stehen heutzutage auf sämtlichen Mobilgeräten zur Verfügung. Cloud-Anwendungen durchdringen alle Lebensbereiche und betreffen nicht nur den Außendienstmitarbeiter, der beim Kundentermin auf Unternehmensdaten zugreift. Der hohe Kostendruck ist der Hauptgrund, warum Unternehmen auf Cloud-Software setzen. Schnelle Bereitstellung, hohe Skalierbarkeit, niedriger Preis - das sind die wesentlichen Faktoren, die für Lösungen aus der Cloud sprechen. Im Gegensatz zu on-Premise-Lösungen ist Cloud-Software schneller und einfacher zu implementieren und kann mit dem Unternehmen mitwachsen, sich den Bedürfnissen des Marktes besser anpassen beziehungsweise schneller erweitert werden. Bei der Wahl der Unternehmenssoftware ist das Business der entscheidende Treiber und nicht mehr nur die IT-Abteilung.

Drei Fakten zur aktuellen Entwicklung von Cloud-Software in Deutschland:

1. Cloud Computing: Deutschland ist Entwicklungsland

Während in den Unternehmen aus den USA, Asien und den skandinavischen Ländern Cloud Computing längst Realität ist, ist Deutschland vergleichsweise dazu ein Entwicklungsland. Das liegt unter anderem auch in der deutschen Kultur begründet. In Deutschland agieren die Menschen gegenüber neuen Entwicklungen und Trends aus der IT eher abwartend und zögerlich, während US-amerikanische Unternehmer weniger ängstlich sind. Die Angst vor Datenmissbrauch ist in Deutschland sehr groß. In einigen deutschen Firmen kann man jedoch diesbezüglich einen Wandel in der Unternehmenskultur beobachten. Das liegt zum einen auch daran, dass sich bei vielen Unternehmen das Headquarter nicht mehr innerhalb Deutschlands, sondern in den USA befindet. Immer mehr Unternehmen wissen den Wert von Cloud-Anwendungen zu schätzen und erkennen, dass sie sich prima im CRM-Bereich einsetzen lassen, während sensible Daten wie zum Beispiel aus der HR-Abteilung besser auf den hauseigenen Servern aufgehoben sind.

2. Große Unternehmen wie SAP, IBM und Microsoft treiben Cloud Computing voran

Der Trend zu Cloud-Lösungen ist auch deshalb nicht mehr aufzuhalten, weil die großen IT-Unternehmen wie Microsoft, IBM und SAP diese Entwicklung stark vorantreiben. Nehmen wir das Beispiel Microsoft: Mit der Einstellung des Supports von Windows XP blieb den Firmen gar nichts anderes übrig, als auf Windows 7 oder Windows 8 umzusteigen - und damit auch die sehr günstige Option zu nutzen, Office 365 einzusetzen. Der Weg in die Cloud ist damit unumgänglich. Auch SAP bietet neben der Standardsoftware immer mehr Anwendungen und Zusatzfunktionen an, die über die Cloud zur Verfügung stehen. "Cloud first", so lautet neuerdings die Devise der Software-Hersteller.

3. Breitbandabdeckung in Deutschland ist größtes Hindernis

Das größte Problem beim Einsatz von Cloud-Software ist die lückenhafte Breitbandabdeckung. Damit eine Cloud-Anwendung jedoch einwandfrei funktioniert, braucht sie eine stabile und schnelle Internetverbindung. In vielen Gebieten steht immer noch kein High-Speed-DSL zur Verfügung, geschweige denn LTE- oder 3G-Geschwindigkeit im mobilen Datennetz. Unternehmen sitzen aber nicht unbedingt immer in Großstädten. Es muss auch möglich sein, für den Mittelständler aus einer weniger Internet-technisch erschlossenen Region eine Cloud-Anwendung zu nutzen. Auf Grund der mangelnden Breitbandabdeckung greift dieser dann aber doch eher auf das alte Excel-Programm zurück, anstatt für die Kostenplanung eine entsprechende Software zu nutzen. Die Bundesregierung zeigt zwar mit ihrer Breitband-Initiative die Bereitschaft, das Netz entsprechend auszubauen, doch wenn man sich die Karte genau anschaut, gibt es noch sehr viele weiße Flecken. Das muss und wird besser werden. Ich denke aber, dass das nur noch eine Frage der Zeit ist. So wie für uns heute Smartphones und Tablets zum Alltag gehören, wird es auch in einigen Jahren für uns selbstverständlich sein, dass wir im Stau auf der Autobahn oder während einer Zugfahrt problemlos auf Cloud-Anwendungen zugreifen können.