Open-Source-Diaspora

Deutschland hinkt bei Open Source hinterher

Rafael Laguna ist CEO und Mitgründer der Open-Change AG. Das Unternehmen entwickelt Kommunikations- und Collaboration-Software für die Cloud, die Unternehmen und Privatanwendern über Systemintegratoren, Hosting-, Telekommunikations- und Kabelanbieter bereitgestellt wird.

Obwohl im Koalitionsvertrag in Aussicht gestellt, unternimmt die Bundesregierung bislang wenig, um verstärkt quelloffene Software in der öffentlichen Verwaltung einzusetzen.

Bis heute wird bei Bund, Ländern und Kommunen Open-Source-Software nur punktuell genutzt. Dabei haben die öffentliche Verwaltung sowie der Bildungs- und Gesundheitsbereich in Deutschland durch ihr Beschaffungsvolumen eine enorme Bedeutung bei der Etablierung von IT-Standards.

Beim Einsatz von Open-Source-Software in der öffentlichen Verwaltung hinkt Deutschland gegenüber anderen europäischen Ländern hinterher.
Beim Einsatz von Open-Source-Software in der öffentlichen Verwaltung hinkt Deutschland gegenüber anderen europäischen Ländern hinterher.
Foto: Curioso - shutterstock.com

Ein Blick zu unseren europäischen Nachbarn zeigt, wie eine Einkaufspolitik aussehen kann, die Open-Source-Software den Vorzug gibt:

Italien verpflichtet seit August 2012 jede italienische Verwaltung, primär Open Source Software zu wählen. Nur wenn eine vergleichende Analyse auf technischen und wirtschaftlichen Aspekten beweist, dass es unmöglich ist, Open Source Software oder eine bereits von der Verwaltung entwickelte Software einzusetzen, wird es erlaubt, proprietäre Software zu kaufen.

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In Spanien haben zahlreiche Regionen auf Open Source Software migriert und dies insbesondere als Instrument eingesetzt, um die lokale Wirtschaft zu fördern. Ziel ist der Aufbau regionaler IT-Kompetenz, um Abhängigkeiten von externen Anbietern zu vermindern. Im Juli 2012 beschloss das Baskenland den „Openness and Reuse of Applications of Public Administration of Basque Country Decree“, der die Wiederverwertbarkeit von Open-Source-Software-Lösungen fördern soll. Des Weiteren hat Spanien eine hohe Verbreitung von Open Source Software an den Universitäten.

Großbritannien war bisher beim Einsatz von Open-Source-Software in der öffentlichen Verwaltung den meisten anderen EU-Ländern unterlegen und stark abhängig von wenigen großen IT-Anbietern. Nun unterstützt die Regierung die derzeit strengsten Richtlinien in der EU, welche direkt vom Premierminister und dem Finanzminister forciert werden.

Anfang 2011 lud das Cabinet Office alle großen System-Integratoren ein, an welche die Verwaltung jährlich 16 bis 21 Milliarden Pfund Sterling bezahlt. Der stellvertretende Regierungs-CIO und das Open-Source-Software-Team erklärte den Unternehmen, dass sie in Zukunft auf Open Source Software bestehen werden. Ziele des neuen Aktionsplans sind: Aktualisierung des Beschaffungswesens mit dem Ziel, dass KMUs einen Marktanteil von 25 prozent aller IT-Ausgaben bekommen.

Außerdem soll in der öffentlichen Verwaltung Open-Source-Software-Know-How gebildet werden, und Unternehmen sollen davon in Kenntnis gesetzt werden, dass die Regierung und die Verwaltung zukünftig Open-Source-Software kaufen wollen. Des Weiteren soll es in Zukunft wiederverwertbare, modulare Open-Source-Lösungen geben.

Schweden bietet von Seiten des Kammarkollegiet der öffentlichen Verwaltung einen Rahmenvertrag zur Beschaffung von Open Source Software an. Der Vertrag regelt die rechtlichen Rahmenbedingungen für den Einsatz von Open Source Software. Mit ihm können die Verwaltungen Dienstleistungen von nahezu allen Open-Source-Software-Unternehmen in Schweden sowie diversen in Finnland und in den Vereinigten Staaten einkaufen. 2010 wurden darüber IT-Lösungen für sechs Millionen Euro bezogen. Der Einsatz von Open Source Software in der öffentlichen Verwaltung Schwedens ist in den letzten vier Jahren zwischen 15 und 20 Prozent gestiegen. Ziel des Kammarkollegiet ist es, diese Zahl weiter zu steigern.

Frankreich setzt verstärkt Open-Source-Software auf dem Arbeitsplatz in der Verwaltung ein. Seit 2007 stellt das französische Parlament jedem Abgeordneten und seinen Mitarbeitern GNU/Linux-Computer zur Verfügung und die französische Gendarmerie hat sowohl auf dem Arbeitsplatz wie auch im Backoffice auf freie Betriebssysteme und Büro-Anwendungen umgestellt. Des Weiteren hat die zentrale IT-Abteilung der französischen Regierung im Juni 2012 einen Zwei-Millionen-Euro-Rahmenvertrag für Freien Software Support an die französischen Unternehmen Alterway, Capgemini und Zenika vergeben. Diese liefern Support für 350 Open-Source-Software-Programme, welche von 15 der 22 Ministerien eingesetzt werden.

Portugal legt seit 2012 im „Global Strategic Plan to Rationalize and Decrease ICT Costs in Public Administration“ fest, dass die Behörden vor dem Kauf die Kosten für proprietäre und Open-Source-Software gegenüberstellen. Portugal erwartet dadurch ein Einsparpotenzial von etwa 500 Millionen Euro pro Jahr und argumentiert zudem, dass selbst bei gleichen Kosten der wirtschaftliche Effekt besser wäre, als wenn Lizenzen von den üblichen Anbietern gekauft werden würden. (bw)