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Deutsche Telekom setzt Shopping-Tour in USA fort

28.08.2000
T-Online: Warum ging Wolfgang Keuntje?

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Nach der Übernahme von Voicestream will sich die Deutsche Telekom nun mit Powertel ein zweites Standbein in den USA schaffen. Der Bonner Carrier will für den mobilen Carrier aus West Point, Georgia, rund 5,9 Milliarden Dollar in Aktien zahlen und Schulden in Höhe von 1,2 Milliarden Dollar übernehmen. Sollte die von den Kartellbehörden noch nicht genehmigte Voicestream-Akquisition durch die Telekom platzen, wird auch Powertel nicht an den Bonner Carrier gehen. Dann übernimmt Voicestream das Unternehmen.

Nach Angaben der Telekom haben sowohl der deutsche TK-Konzern als auch Voicestream Übernahmevereinbarungen mit Powertel abgeschlossen. "Der Vertrag zwischen den beiden US-Carriern wird jedoch hinfällig, sobald die amerikanischen Regulierungsbehörden der Voicestream-Akquisition durch die Telekom grünes Licht erteilt haben," erklärte Telekom-Sprecher Hans Ehnert gegenüber der COMPUTERWOCHE. Unter diesen Bedingungen werden die Powertel-Aktionäre für jeden ihrer Anteilscheine 2,6353 Telekom-Papiere erhalten. Dem amtlichen Schlusskurs der Telekom-Aktien am vergangenen Freitag zufolge würde das Powertel-Papier mit 105,36 Dollar und damit mit einem Premium von knapp 20 Dollar bewertet. Sollte es der Telekom nicht gelingen, Voicestream zu übernehmen, wird Voicestream seinerseits zwischen 0,65 und 0,75 seiner Anteile je Powertel-Aktie bieten. Unter Zugrundelegung des Voicestream-Kurses von 118,19 Dollar am letzten Börsentag bedeutet dies eine Powertel-Bewertung von rund 85 Dollar je Aktie.

Im Vergleich zu den meisten anderen Wireless-Anbietern in den USA ist Powertel zwar nur ein kleiner Player, besitzt für die Telekom beziehungsweise Voicestream jedoch zwei große Vorteile. Zum einen verwendet der Carrier wie seine Kaufinteressenten den in Europa gebräuchlichen Mobilfunkstandard GSM (Global System for Mobile Communications) - im Gegensatz zu dem sonst in den USA verbreiteten Verfahren CDMA (Code Division Multiple Access). Mit seinen 727 000 Mobilfunkkunden konzentriert sich Powertel außerdem auf den Süden der USA, wo weder Voicestream noch die Telekom bislang vertreten sind. In dieser Region beträgt das Kundenpotenzial rund 25 Millionen Anwender. Mit Voicestream und Powertel wäre die Deutsche Telekom in 24 der 25 größten Märkte in den USA präsent sein und könnte insgesamt bis zu 250 Millionen potenzielle Kunden erreichen.

Die Hauptanteilseigner von Powertel haben den Übernahmevereinbarungen bereits zugestimmt. Die Telekom will die Akquisition des Südstaaten-Carriers unmittelbar nach der Genehmigung des Voicestream-Kaufs abschließen. Ob die US-Regulierungsbehörden zustimmen werden, bleibt jedoch unklar. Stein des Anstoßes ist jenseits des Atlantiks die Mehrheitsbeteiligung der deutschen Bundesregierung an der Telekom. Grundsätzlich verbietet ein US-Gesetz den Verkauf einheimischer TK-Anbieter an ausländische Konkurrenten, die sich zu mehr als einem Viertel in Staatsbesitz befinden.

Gefährdet Ausstieg Keuntjes Ausstieg die Expansionsabsichten von T-Online?

Nicht nur die ungewissen Expansionspläne in den USA, sondern auch Probleme bei der Tochter T-Online beschäftigen die Deutsche Telekom. Nach dem überraschenden Rücktritt von T-Online-Chef Wolfgang Keuntje am vergangenen Freitag sind erste Spekulationen über die Hintergründe aufgetaucht. Dem "Wall Street Journal" zufolge ist Keuntje sauer auf den Telekom-Chef Ron Sommer, der die Übernahmeverhandlungen von T-Online mit dem britischen Online-Dienst Freeserve verzögert und damit zum Scheitern des Deals beigetragen haben soll. Zudem soll Sommer immer wieder massiv in das Tagesgeschäft des Tochterunternehmens eingegriffen haben. So habe Keuntje am vergangenen Montag das Telekom-Management gebeten, Übernahmeverhandlungen mit der spanischen Website Ya.com beginnen zu können. Als Sommer die Entscheidung vertagte, habe Keuntje am Folgetag seinen Rücktritt eingereicht. Die offizielle Sprachregelung der Telekom lautet, der Manager ziehe sich aus privaten Gründen zurück (CW Infonet berichtete).

Andere Stimmen, die Telekom-Chef Sommer nahe stehen, wiederum behaupten, Keuntje sei es nicht gelungen, das Konzern-Management von seinen Ideen zu überzeugen. Er habe bereits länger auf der Abschussliste gestanden. Vor einer personellen Neuordnung sollte jedoch erst der Börsengang von T-Online im April 2000 über die Bühne gebracht werden.

Unabhängig von den Personalquerelen berichtet die schwedische Zeitschrift "Vision" von einer geplanten Übernahme des Internet-Portals Spray.net durch T-Online. Die Verhandlungen seien bereits fortgeschritten. Ein Sprecher der Telekom-Tochter wollte die Gerüchte jedoch nicht bestätigen. Das in Schweden ansässige Spray.net ist bisher in neun europäischen Ländern, darunter Deutschland, Frankreich und Italien, vertreten.