Kapazität aus der Steckdose

Deutsche Börse schafft Marktplatz für sichere Cloud-Services

Karin Quack arbeitet als freie Autorin und Editorial Consultant vor allem zu IT-strategische und Innovations-Themen. Zuvor war sie viele Jahre lang in leitender redaktioneller Position bei der COMPUTERWOCHE tätig.
In Kooperation mit dem Berliner Softwareunternehmen Zimory und dem TÜV Rheinland bauen die Frankfurter einen Marktplatz für standardisierte RZ- und Speicherkapazitäten. Er soll im Januar 2014 an den Start gehen.

Sicherheit und Effizienz – mit diesem Versprechen wirbt die Deutsche Börse Cloud Exchange AG (DBCE) derzeit um „Early Adopters“ auf der Anbieter- und Kundenseite. Wobei die Grenzen fließen, denn neben Mittelständlern und Start-ups soll das Joint-venture mit Zimory, einem Anbieter von Cloud-Management-Software, erklärtermaßen auch Serviceanbieter ansprechen, die auf Basis zugekaufter Kapazität eigene Angebote erstellen und offerieren.

Derzeit haben die Frankfurter eigenen Angaben zufolge etwa 20 Interessenten zu einem Commitment bewegen können. Die Anwender bleiben ungenannt. Bei den Anbietern handelt es sich um IaaS-Provider (Infrastructure as a Service) wie T-Systems, Host Europe und das Leibniz-Rechenzentrum, aber auch um Colocators wie Equinix oder Global Switch.

Mit im Boot ist zudem der TÜV Rheinland, der dem Vorhaben seinen Segen in Sachen Risk-Management und Compliance geben soll. „Wir sorgen dafür, dass die technischen Grundlagen der Datensicherheit dem State of the Art entsprechen“, so Ulrich Fietz, Finanzvorstand des Zertifizierungsunternehmens, „und wir werden das später auch überprüfen.“

Wie DBCE-Vorstandsmitglied Maximilian Ahrens versichert, kann der künftige Kunde des Cloud-Marktplatzes über einen Filter exakt bestimmen, wo seine Daten liege sollen, sprich: welches die „Governing Region“ ist und welches Datenschutzgesetz folglich angewendet werden muss. Neben den reinen Infrastrukturservices werde die DBCE „Use Cases“ vermitteln, gemeint sind gebrauchsfertige Pakete aus RZ-Kapazität und Anwendungen. Darüber hinaus sollen die Abnehmer der Services auf unterschiedliche Vertragsmodelle zugreifen können.

Keine Angst vor Vendor-Lock-in

Für die Anbieter ist das Vorhaben offenbar ebenfalls attraktiv. „Wir bekommen einen großen Teil des Markts nicht, weil die Kunden Angst haben vor einem Vendor-Lock-in“, bekennt Patrick Pulvermüller, COO der Host Europe Group. Eine standardisierte Plattform könnte vielen Unternehmen diese Angst nehmen: „Das ist eine gute Ergänzung unserer Wertschöpfungskette.“

Wie Ahrens ergänzt, lässt sich mit Hilfe der Colocators der Wechsel zu einem anderen Anbieter auch technisch vereinfachen – gesetzt den Fall, der alte und der neue Provider kooperieren mit derselben Colocation-Plattform: „Das könnte für den Kunden zum Auswahlkriterium werden.“ Jörg Rosengart, Geschäftsführer von Equinix Deutschland, wirbt für seine Services auch mit dem Hinweis auf die hohe Transparenz: „Der Kunde kann genau sehen, wer außer ihm noch in einem RZ ist.“

Dieter Kranzlmüller, Direktoriumsmitglied der Ludwig-Maximilians-Universität München und Leiter des Leibniz-Rechenzentrums freut sich hingegen, „wieder vorn mit dabei zu sein“. Das flexible Angebot spreche vor allem Studenten an, die sich mit einem Produkt selbständig machen wollen oder noch nicht wissen, wie das Geschäft skalieren wird. Es sei zwar etwas teurer als die standardisierten Dienste von Amazon, aber dafür garantierten die SLAs deutlich mehr Ausfallsicherung.

Social Community für Cloud-Kunden

Und noch einen Vorteil soll der Marktplatz bieten: Rüdiger Baumann, CEO der Zimory GmbH, erwartet eine „Social Community“ von Cloud-Kunden, die nicht nur Services nutzen, sondern sie auch bewerten.

Die IaaS-Cloud-Management-Software von Zimory soll die physische Verbindung zwischen Käufer und Verkäufer herstellen. „Wir liefern für den Marktplatz das, was die SIM-Karte für das Handy leistet“, fasst Baumann seinen Beitrag zusammen. Derzeit sind die Techniker der DBCE damit beschäftigt, letzte Hand an die Produktspezifikationen zu legen. Im vierten Quartal sollen die Tests beendet sein. Wenn alles glatt geht, geht der Spot-Markt für Cloud-Services Anfang des kommenden Jahres live.

Steile Lernkurve und langer Atem

Die Marktbeobachter sehen das Vorhaben differenziert. Forrester-Analyst Stefan Ried „gratuliert der Deutschen Börse zu ihrem mutigen, wenn nicht kühnen Schritt“. Allerdings prophezeit er ihr auch eine “steile Lernkurve“ und empfiehlt einen „langen Atem“. Ausschlaggebend wird laut Ried sein, inwieweit sich die DBCE und ihre Partner auf die Anforderungen eines Echtzeitmarkts einlassen und die damit verbundene „Lieferkette“ beherrschen. Für Langzeitverträge eigne sich eine solche Servicebörse weniger.

Die Idee eines Standardvertrags ist für Ried bestechend. Allerdings setze die komplizierte deutsche Rechtsprechung hier gewisse Grenzen. Aus demselben Grund sei auch die Möglichkeit, ungenutzte RZ-Kapazität „mal eben so“ weiterzuverkaufen, wohl eher illusorisch.

Auch die Entscheidung für Zimory sieht Ried kritisch: Zwar biete die Software aus Berlin offene Programmierschnittstellen, aber sie bleibe doch proprietär. Viele Provider würden lieber mit VMware oder dem Open-Source-Projekt „OpenStack“ arbeiten und die DBCE eventuell drängen, diese ebenfalls zu unterstützen. (qua)