Interview

"Derzeit verfügbare Codes sind nicht zu brechen"

05.05.2000
Mit Simon Singh, Autor des Buchs "Geheime Botschaften", sprach CW-Redakteur Martin Seiler

CW: In Ihrem Buch erzählen Sie die Geschichte der Kryptografie. Was interessiert Sie an diesem Thema am meisten?

SINGH: Besonders fasziniert hat mich die Rolle, die die Kryptografie schon immer in der Geschichte gespielt hat, wie Politik und Ausgänge von Kriegen davon beeinflusst wurden. Außerdem faszinieren mich die Menschen, die sich mit der Verschlüsselung beschäftigen. Kryptologen und ihre Gegenspieler, die Kryptoanalytiker, erfahren während ihres Lebens nur selten die Wertschätzung, die sie verdienen.

CW: Lassen Sie uns über die Entwicklung der Kryptografie reden - lange Zeit war auf diesem Gebiet das Militär die treibende Kraft. Es scheint jedoch, als würde das Internet auch dies ändern: Die Wirtschaft gewinnt zusehends an Einfluss.

SINGH: Es stimmt, bis in die 50er Jahre waren es vor allem militärische Stellen und Regierungseinrichtungen, die etwas auf Kryptografie gaben. Seitdem hat sich das aber in zunehmendem Maße auf Universitäten und die Industrie verlagert, was mit dem kommerziellen Aspekt zusammenhängt. Wenn eine Bank Daten sicher um den Globus schicken will, kann sie nicht auf die Armee zurückgreifen, sie muss sich hierfür eine Lösung kaufen. Mit den entsprechenden Geldern können Hersteller wiederum die Forschung finanzieren, um die Verschlüsselung weiterzuentwickeln. Nehmen Sie nur PKI-Verschlüsselung - auf diese Idee kamen die Spezialisten der britischen Regierung zuerst, doch ein paar Jahre später erfanden amerikanische Wissenschaftler dieselbe Technik.

CW: Sie sprechen die Rolle von Regierungen an - sollten offizielle Stellen Zugriff auf die privaten Schlüssel von Individuen oder Firmen haben?

SINGH: Ich finde es sehr schwer, mich hier festzulegen. Einerseits sehe ich die Gefahr, dass Kriminelle das Internet für Ihre Zwecke missbrauchen, was den Zwang zur Offenlegung von Schlüsseln rechtfertigen könnte. Dem steht aber das Recht des Einzelnen auf seine Privatsphäre entgegen. Diese beiden Aspekte müssen berücksichtigt werden. Momentan lässt sich die Schwere dieses Problems noch nicht richtig abschätzen, weil wir uns noch nicht wirklich im Informationszeitalter befinden. Es wird wohl darauf hinauslaufen, einen Kompromiss zwischen absoluter Freiheit und strenger Kontrolle zu finden. Ohne den Beweis für den Anstieg der Cyberkriminalität würde ich aber dafür plädieren, den Dingen ihren freien Lauf zu lassen.

CW: Anfang des Jahres entschloss sich die amerikanische Regierung dazu, die Exportbeschränkungen für starke Verschlüsselungen aufzuheben. Welche Bedeutung hat dieser Schritt?

SINGH: Auch der britische Premier Tony Blair hat seinen Willen bekräftigt, England zu einem der besten Plätze für E-Commerce zu machen. Folglich muss er dafür sorgen, dass E-Commerce sicher ist. Dazu sind starke Verschlüsselungstechniken notwendig. Der Trend geht - zumindest in den westlichen, demokratischen Staaten - dahin, liberaler mit Kryptografie umzugehen.

CW: Wie beurteilen Sie den gegenwärtigen Stand der Kryptografie?

SINGH: Momentan haben die Verschlüssler dank RSA einen enormen Vorsprung vor den Knackern. Heute stehen Codes zur Verfügung, die nicht zu brechen sind.

CW: Außer mit Quantencomputern, wie Sie in Ihrem Buch darlegen.

SINGH: Aber die sind noch nicht gebaut worden. Es wird zwar daran gearbeitet, und theoretisch funktionieren sie. Es gibt auch schon Überlegungen, wie sie zur Entschlüsselung von RSA eingesetzt werden könnten. Wahrscheinlich besitzt die NSA noch keinen Quantencomputer, aber man kann sich in solchen Fragen nie ganz sicher sein.

CW: Was würde die Existenz eines solchen Supercomputers bewirken?

SINGH: Er würde ein absolutes Chaos auslösen. E-Commerce und der ganze Aktienmarkt würden zusammenbrechen, weil die für den Erfolg des elektronischen Handels notwendige Sicherheit nicht mehr vorhanden wäre. Und wir haben ja gerade erst gesehen, wie nervös die Märkte auf kleinste Veränderungen reagieren.

CW: Was ist für Sie die wichtigste Kryptografie-Entwicklung?

SINGH: Das PKI-Verfahren. Zweitausend Jahre lang haben Kryptologen nach einem Weg gesucht, um Nachrichten zu verschlüsseln, ohne dass vorher der zur Dechiffrierung notwendige Schlüssel ausgetauscht werden muss, der ja abgefangen werden könnte. PKI löst diese scheinbar unmögliche Aufgabe.