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Der Wunsch der über 50-Jährigen: ein Telefon bloß zum Telefonieren

18.07.2007
Ein Telefon - nur zum Telefonieren, ohne Schnickschnack, aber mit großen griffigen Tasten, integriertem Notruf und gut lesbarem Display.

Vom durchschlagenden Markterfolg seines Produktes war der Hersteller total überrascht. Lange Lieferzeiten und Wartelisten in den Kaufhäusern waren in diesem Frühjahr die Folge.

Industrie und Handel haben mit altersgerechten Produkten die kaufkräftige Generation der über 50-Jährigen entdeckt und dabei auch ihr baldiges Älterwerden im Blick. Dabei geht es längst nicht mehr nur um klassische Hilfsprodukte für das Alter, wie Einstiegshilfen in Badewannen, Treppenlifts oder Kosmetika und Stärkungsmittel. Banken, Versicherungen und auch Reiseanbieter entwickeln zunehmend spezielle Angebote für diese wachsende Käufergruppe. Eine große Lebensmittel-Kette testet derzeit deutschlandweit seniorengerechte Filialen mit überbreiten Gängen, rutschfesten Böden und Lupen an den Regalen, damit auch die ältere Käuferschicht das meist zu klein gedruckte Verfallsdatum entziffern kann.

Doch trotz all dieser positiven Ansätze: Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) sieht den Seniorenmarkt in Deutschland "noch in der Kinderschuhen". Hilfe soll jetzt eine Kontakt- und Infobörse bieten, die Wirtschaft, Verbraucher- und Seniorenorganisationen und Altersforscher an einen Tisch bringen soll. Mit vier Millionen Euro will sie das Projekt "Wirtschaftsfaktor Alter - Unternehmen gewinnen" bis 2010 fördern. Nicht jedes kleine Unternehmen könne schließlich eigene Marktforschung betreiben, wohl aber von Erfahrungen anderer profitieren - entgegnet sie auf den Einwand, dass dies eigentlich doch die Aufgabe der Wirtschaft sei.

Vom Umdenken in der Wirtschaft soll schließlich auch der ältere Verbraucher profitieren - durch verständlichere Gebrauchsanleitungen, praktische Bedienungsführung an Geräten und Verzicht auf nur schwer zu öffnende Verpackungen. "Deutschland kann es sich nicht leisten, diesen wachsenden Zukunftsmarkt der Senioren mit enormer Kaufkraft anderen zu überlassen", sagte von der Leyen.

Deutschland hat laut von der Leyen bald die älteste Bevölkerung der Welt. 2035 wird fast jeder zweite Deutsche älter als 50 Jahre sein. Die Marktforscher der Unternehmensberatung Roland Berger haben diese Älteren in ihrer Studie für das Ministerium als die eigentliche Zielgruppe der Zukunft ausgemacht. 2005 lag der Anteil der über 50-Jährigen an der Bevölkerung erst bei 37 Prozent. Übergroßes Wachstumspotenzial beim Gesamtkonsum sehen sie auch bei den über 65-Jährigen. Statt wie heute 18 Prozent würden sie 2035 über 26 Prozent des Umsatz bestreiten. Auch die Zahl der 80-Jährigen wird sich dann verdreifacht haben - mit weiteren Folgen für den Gesundheitsmarkt.

Heute schon sind 45 Prozent der Käufer von hochwertigen Konsumgütern älter als 50 Jahre. Bei Nahrungsmitteln, Bekleidung und Reisen sei dies sogar fast die Hälfte. Mit weiter wachsendem Alter verändert sich das Konsumverhalten. Der Studie zu Folge geben über 75-Jährige heute doppelt so viel für Gesundheitspflege aus wie 20- bis 49-Jährige, aber nur halb so viel für Verkehrsmittel. Gütergruppen wie "Gesundheit" könnten vor dem Hintergrund des demographischen Wandels mit bis zu 40 Prozent Wachstum rechnen, "Reisen" und "Hotels" mit über 10 Prozent. Andere Bereiche wie "Bekleidung" und "Schmuck" oder auch "Home Entertainment" würden dagegen an Gewicht verlieren.

Dabei haben die Konsumforscher vor allem die begüterten Alten im Blick: So fänden sich unter Männern "mit über 40 Jahren Konsumerfahrung und hohem Aktivitätsniveau überdurchschnittlich viele Porsche- und Harley-Davidson-Fahrer", heben sie hervor. Noch nie in Deutschland ging es einer Rentnergeneration materiell so gut wie heute.

Doch die andere Seite der Medaille ist, dass dies angesichts sinkendenden Rentenniveaus und lückenhafterer Erwerbsbiografien der künftig aus dem Erwerbsleben Ausscheidenden nicht mehr lange so bleiben wird. So warnte dieser Tage bereits die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) nicht ohne Sorge vor einer bald zunehmenden Altersarmut in Deutschland. (dpa/tc)