Interview

Der weite Weg zum Enterprise 2.0

Heinrich Vaske ist Chefredakteur der COMPUTERWOCHE und verantwortlich im Sinne des Presserechts (v.i.S.d.P.). Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung der Computerwoche - im Web und in der Zeitschrift. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte der COMPUTERWOCHE und moderiert Veranstaltungen. Weitere Interessen: der SV Werder Bremen, Doppelkopf und Bücher - etwa die von P.G. Woodhouse.
Vielen Unternehmen fällt es schwer, Enterprise-2.0-Techniken in ihre Organisationsstrukturen zu integrieren, beobachtet Professor Rüdiger Zarnekow vom Lehrstuhl für Informations- und Kommunikations-Management an der TU Berlin.

CW: Gibt es bereits Unternehmen, in denen ein Gesamtkonzept für Enterprise 2.0 existiert und Blogs und Wikis mehr als nur Insellösungen sind?

ZARNEKOW: Die Anwendungsfälle des Enterprise 2.0, die uns bekannt sind, befinden sich in der Tat eher in einer Erprobungs- und Testphase. Viele Unternehmen experimentieren mit sozialen Netzwerken, Tagging-Systemen, Blogs und Micro-Blogs oder auch Wikis und sammeln Erfahrungen. Die Schwierigkeit besteht in der Integration dieser Techniken in die übergeordneten Organisationsroutinen. Die Chancen erhöhter Vernetzung und offener Kommunikation sind dabei mit den Risiken des Kontrollverlusts abzuwägen. Eine rein technische Perspektive greift da zu kurz. Es geht um die Analyse der sozialen Handlungen, die ermöglicht werden, und jener, die jetzt ausgeschlossen sind. Also ist auch die kulturelle Ebene eines Unternehmens angesprochen.

CW: Welche Weichen muss ein Management stellen, um Enterprise-2.0-Potenziale zu heben?

ZARNEKOW: Eine Reihe von Initiativen scheitert, weil die breite Masse der Mitarbeiter keinen hinreichenden Nutzen für sich und das Unternehmen als Ganzes erkennen kann. Aufgabe des Managements ist es, spezifische Nutzenpotenziale zu benennen, diese überzeugend zu kommunizieren und auch zu überprüfen, ob sich die Erwartungen erfüllt haben.

Nur auf diese Weise kann nachhaltige Akzeptanz für das Enterprise 2.0 gewonnen werden. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist, dass ein differenziertes Wissen über Chancen und Risiken entsprechender Technologien im Management vorhanden ist. (Siehe Interview mit Willms Buhse zum Thema "Das mittlere Management ist das Nadelöhr")

IT Operations Day

Achtung: Die Digital Natives kommen

IT-Entscheider und Manager der IT-Branche treffen sich am 12. Mai in Berlin, um die Herausforderungen durch Digital Natives und Enterprise 2.0 für Unternehmen und IT-Organisationen zu diskutieren.
  • Was wie eine schleichende Veränderung beginnt, kann Unternehmen und IT-Shops den Boden unter den Füßen wegziehen: Eine neue Generation von IT-Profis und Knowledge-Workern, geprägt von Social Web und Mobile Computing, trägt ihren Arbeits- und Lebensstil in die Unternehmen herein - und ist dabei wenig kompromissbereit.

  • Fortschrittliche Manager und CIOs erkennen darin eine große Chance: Die Newcomer können Zukunftsthemen wie Collaboration, Crowdsourcing, Mobile Computing oder auch Social-Web-Aktivitäten im Unternehmen verankern und so Wettbewerbsvorteile sichern.

  • Doch der Schuss kann auch nach hinten losgehen - wenn sich Unternehmen wenig tolerant, phantasielos und borniert präsentieren.

  • Hochkarätige Referenten von Konzernen wie Siemens, Volkswagen, der Telekom und Zurich Financial beschäftigen sich mit diesen Themen am 12. Mai auf dem Management-Kongress IT Operations Day in der Neuen Mälzerei in Berlin. Gastgeber sind Walter Brenner vom Institut für Wirtschaftsinformatik in St. Gallen und Rüdiger Zarnekow vom Lehrstuhl für Informations- und Kommunikations-Management an der TU Berlin.

  • Weitere Informationen finden Sie hier!

CW: Bringen die Digital Natives dieses Wissen mit?

ZARNEKOW: Zumindest sind sie es gewöhnt, spontan und flexibel mit den digitalen Medien umzugehen. Gelingt es, diese Medienkompetenz im Unternehmenskontext wirksam werden zu lassen, so erhöht sich die Produktivität, und es kommt in der Regel auch zu kreativeren Arbeitsergebnissen. Als Schattenseite der Mediennutzung zeigt sich allerdings zum Teil eine gewisse Zerstreutheit und Abgelenktheit. Privates und Berufliches fließen zusammen. (Siehe Interview mit Prof. Walter Brenner: "Ich sehe schwarze Wolken am Horizont")

CW: "Crowdsourcing" ist eines der großen Versprechen des Enterprise 2.0, ebenso Open Innovation. Wie weit öffnen sich Unternehmen derzeit, um übergreifend Wertschöpfung zu erreichen?

ZARNEKOW: Unter Crowdsourcing verstehen wir Formen interaktiver Leistungserbringung auf der Basis elektronischer Plattformen. Es gibt mittlerweile ein breites Spektrum von Anwendungsszenarien unterschiedlicher Innovationsgrade. Sie finden einerseits Crowdsourcing-Geschäftsmodelle, die man mit einiger Berechtigung als Ausbeutung der Nutzer bezeichnen könnte. Auf der anderen Seite gibt es aber eine Reihe von Beispielen, etwa im Bereich Open Innovation, wo durch entsprechende Plattformen ein signifikanter Nutzen für alle Beteiligten geschaffen wird.

Teil der "Bezahlung" der Nutzer ist dabei zweifellos die Freude am Mitgestalten innovativer Produkte. Die Diskussion darüber, was Fairness im Zusammenhang mit solchen Wertschöpfungsszenarien bedeutet, ist in vollem Gange. Ein allgemeines Urteil darüber ist wenig sinnvoll, man muss die spezifischen Kosten- und Nutzenaspekte der beteiligten Parteien genau betrachten. Im Hinblick auf die Öffnung von Wissensressourcen beachten Unternehmen natürlich, dass der Schutz entsprechenden Wissens oftmals Teil der Bestandsgrundlage eines Unternehmens ist. Es gibt dennoch viele Beispiele, wo es für Unternehmen vorteilhaft sein kann, spezifisches Wissen transparent zu machen, etwa in der Zusammenarbeit mit Open-Source-Communities.