Meinung zur Produktivität mittels Informationstechnologie

Der Traum von Produktivitätssteigerung durch IT

Dr. Wilfried Lyhs ist Geschäftsführer von Hilderts & Partner Consultants GmbH in Berlin, das CIOs als Berater, Interim- und Projektmanager unterstützt. Als promovierter Physiker hat er Organisationen für Softwareentwicklung geführt und große IT- und Automationsprojekte erfolgreich geführt. Während seiner Zeit als global CIO wurde Wilfried Lyhs mehrmals für seine Leistungen bei der Restrukturierung von IT und insbesondere der IT-Kostenverrechnung ausgezeichnet. Er hat zu vielen Themen der IT Vorträge gehalten und Veröffentlichungen erstellt.
Die Informationstechnik ist alleine nicht in der Lage, die Produktivität zu steigern. Das Management ist gefordert, den Wertbeitrag und die Produktivitätssteigerung zu verbessern.

"Wir sehen das Computerzeitalter überall, nur nicht in der Produktivitätsstatistik", hat Robert Solow schon in den 80er-Jahren gesagt. Das sog. Solow-Paradoxon stellt fest: Wir investieren in ITK und die Produktivität steigt nicht oder zumindest nicht stärker.

Im Vergleich der Produktivität der fünf größten Volkswirtschaften in der EU zeigt sich, dass

  • in Italien in diesem Jahrtausend auf niedrigem Niveau (32 Euro/h) keine Steigerung zu beobachten ist,

  • in Großbritannien die Produktivität seit 2007 von einem höheren Niveau als in Italien (40 Euro/h) langsam abfällt,

  • in Deutschland (43 Euro/h) und Frankreich (46 Euro/h) die Produktivität weiterhin noch langsam ansteigt, nachdem sie in Deutschland 2011 und 2012 sogar rückläufig war.

Die im Handelsblatt am 10. Juni dieses Jahres hierzu veröffentlichten Fakten sind nicht neu. Dennoch treffen sie den IT-ler mitten ins Mark. War ihm doch immer gewiss, dass zum Beispiel die von ihm gebauten Simulations- und Automationssysteme irgendwie dazu beigetragen, die Effizienz und damit auch die Produktivität zu steigern. Wenig tröstlich ist dabei, dass dies nicht nur Deutschland und die EU betrifft. Die Steigerung der Produktivität ist weltweit auf dem Rückzug.

Produktivitätssteigerung durch den Einsatz von IT ist kein Selbstläufer.
Produktivitätssteigerung durch den Einsatz von IT ist kein Selbstläufer.
Foto: pathdoc - shutterstock.com


Weltweit ist aber laut dem Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty auch die Wachstumsrate der Weltproduktion auf dem Rückzug, sodass sich grundsätzlich die ketzerische Frage stellt: Warum sollen wir uns um die Produktivität sorgen?

Dennoch lohnt es sich ja vielleicht doch, der Frage nachzugehen, warum es das Solow-Paradoxon gibt.

Möglichkeit 1: Die Produktivitätszahlen stimmen nicht

Befürworter dieser Ansicht führen an, dass die wirtschaftswissenschaftlichen Berechnungen deswegen nicht stimmen, weil sie die alte, "analoge" Ökonomie abbilden, nicht aber die digitale. Die kostenfreien Dienstleistungen, die zum Beispiel von Facebook, Wikipedia und Google erbracht werden und die laut Handelsblatt mit etwa 300 Milliarden Euro zu veranschlagen sind, würden nicht in die Rechnung mit einfließen. Das Argument ist für einen Nicht-Ökonomen schwer verständlich, da sich zumindest auf der Seite der Nutzer ein Einfluss auf das Verhältnis von Ausbringungsmenge zu Einsatzmenge zeigen müsste - wenn es denn da ist.

Möglichkeit 2: Die Produktivitätszahlen stimmen ...

  • ... aber es braucht seine Zeit, bis die Maßnahmen durch Einsatz von IT Wirkung zeigen.
    Denn auch die Dampfmaschine hat 25 Jahre gebraucht, bis ihre Wirkung ökonomisch sichtbar wurde. Unsere Zeit ist schnelllebiger und vor allem kommunikativer als das 18-te Jahrhundert des James Watt. Das Argument, die ITK braucht Zeit, ist nicht sehr überzeugend. Sie hatte alle Zeit dieser Welt.

  • ... aber die Optimierungen der Produktivität sind tatsächlich an ihrer Grenze angelangt.
    Der für seine Rüpeleien bekannte Larry Summers ist auch der Meinung, dass die "low hanging fruits" der IT schon alle gepflückt seien. Auch dieses Argument scheint nicht plausibel denn sonst müsste eine Sättigung in der Produktivität international auf annähernd dem gleichen Niveau zu beobachten sein. Eigene Erfahrungen bei der Beratung von mittelständischen und großen Unternehmen lassen vermuten, dass da noch viel machbar ist. Dazu später. Also auch kein überzeugendes Argument!

  • ... aber die IT ist gar nicht in der Lage, die Produktivität anzuheben.
    Das ist schon interessanter. Fragt man zum Beispiel in Unternehmen nach den Ursachen für eine durchschnittliche Unproduktivität von 40 Prozent der Arbeitszeit, dann werden folgende Gründe in aufsteigender Gewichtung genannt:
    1. Bürokratie
    2. SMS schreiben
    3. Soziale Medien
    4. Small Talk im Büro
    5. Ineffiziente Meetings
    6. Prokastination
    7. Surfen
    8. Mail schreiben

Elektronische Medien und ihre falsche Anwendung werden als wichtigste Zeitfresser benannt. Grundsätzlich ist die Einführung eines Mailsystems eine Ordnung schaffende Maßnahme. Seine tägliche falsche Ausübung in Form von senden und lesen irrelevanter Mails, Informationsüberflutung, Beschäftigung mit falschen oder unfertigen Informationen oder Ordnen und Löschen der eMail-Flut, verschlingt viel Zeit. Somit wird der positive Effekt einer schnelleren Kommunikation mittlerweile überdeckt.


Die Nutzung Sozialer Medien im Büro hilft dabei, Zeit sinnlos zu vertun und die Menge dummer, sinnloser und irrelevanter Nachrichten zu vermehren, die anderen auch die Zeit stiehlt. Offensichtlich ist es in vielen Betrieben zu leicht geworden, sich unproduktiv am PC zu beschäftigen.

Wir verschwenden immer noch unsere Zeit mit langen, ineffizienten Meetings oder Telefonkonferenzen, zu denen jeder jeden einladen kann, an der Verschwendung von Ressourcen teilzunehmen. Wir dulden es, dass Kollegen währenddessen zum Beispiel Mails lesen oder Surfen, anstatt wie zum Beispiel bei SCRUM-Meetings alles kurz und knackig zu halten, das Ganze im Stehen und möglichst ohne Getränke und in einer definierten "Time-Box".