CW-Kolumne

Der Timeline-Effekt

Heinrich Vaske ist Chefredakteur der COMPUTERWOCHE und verantwortlich im Sinne des Presserechts (v.i.S.d.P.). Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung der Computerwoche - im Web und in der Zeitschrift. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte der COMPUTERWOCHE und moderiert Veranstaltungen. Weitere Interessen: der SV Werder Bremen, Doppelkopf und Bücher - etwa die von P.G. Woodhouse.
Dass Facebook seinen rund 800 Millio-nen Nutzern die Lebenschronik Timeline ungefragt aufs Auge drückt, ist eine Dreistigkeit, über die sich nicht nur Datenschützer und Politiker aufregen. Und dass Google mal eben seine Datenschutzrichtlinien ändert und alle Informationen, die Anwender bei den vielfältigen Diensten hinterlassen, gesammelt auswerten will, ist nicht minder frech.
"Zwar können sich professionelle Cloud-User anders als Facebook-Nutzer mit Service-Level-Agreements (SLAs) bezüglich Antwortzeiten, Durchsatz, Sicherheitsparametern etc. absichern, doch sie haben wenig Einfluss auf funktionale Veränderungen." Heinrich Vaske, COMPUTERWOCHE-Chefredakteur.
"Zwar können sich professionelle Cloud-User anders als Facebook-Nutzer mit Service-Level-Agreements (SLAs) bezüglich Antwortzeiten, Durchsatz, Sicherheitsparametern etc. absichern, doch sie haben wenig Einfluss auf funktionale Veränderungen." Heinrich Vaske, COMPUTERWOCHE-Chefredakteur.
Foto: CW-Redaktion

Viele Nutzer finden das allerdings gar nicht so schlimm. Sie fühlen sich wohl in der "Post-Privacy-Ära" und haben angeblich kein Problem, sich vor ihren Mitmenschen und der werbetreibenden Wirtschaft nackig zu machen. "Was privat und was öffentlich ist, wird im Web-2.0-Zeitalter neu bewertet", sagen die Internet-Exhibitionisten. Mal sehen, ob sie immer noch so reden, wenn sie irgendwann merken, dass es "Privat" gar nicht mehr gibt.

Lehrreich ist das Verhalten der Web-Giganten aber noch aus einem ganz anderen Grund: Es führt die Schattenseite der Cloud-Welt vor Augen. Zwar können sich professionelle Cloud-User anders als Facebook-Nutzer mit Service-Level-Agreements (SLAs) bezüglich Antwortzeiten, Durchsatz, Sicherheitsparametern etc. absichern, doch sie haben wenig Einfluss auf funktionale Veränderungen.

Das haben soeben die CRM-Kunden von Salesforce.com zu spüren bekommen. Mehrfach hatten sie in einem Portal des Herstellers bessere Reporting-Funktionen angemahnt, doch dann, als sie endlich da waren, wollte Salesforce 40 Dollar pro User und Monat zusätzlich kassieren. Dass daraus nichts wurde, ist allein einer kundengetriebenen Web-Kampagne zu verdanken, die den Anbieter zurückzurudern zwang.

Cloud Computing bietet enorme Effizienz- und Flexibilitätsvorteile, führt aber auch zu einer neuen Form der Hersteller-Kunden-Bindung. Der Grad der Abhängigkeit, der in der IT stets ein Problem war, erhöht sich weiter. Außerdem ist nicht gewährleistet, dass Veränderungen an der Software in jedem Fall zum Vorteil der Nutzer geraten. Es ist wie im richtigen Leben: Man sollte aufpassen, mit wem man sich einlässt.