"Der sequentielle Zwangsablauf muß zerschlagen werden"

04.08.1978

Mit Jurgen Becker und Gero Zimmermann vom Siemens-Unternehmensbereich Daten- und Informationssysteme sprach Dieter Eckbauer

* Herr Becker, das größte Rationalisierungspotential liegt unbestritten in der Fabrik. Aber gerade im Fertigungsbereich wird die geringste EDV-Eindringtiefe gemessen. Woran liegt das?

Becker: Zunächst einmal kann ich Ihre erste Aussage bestätigen. Die Rationalisierungsmöglichkeiten, nämlich Reduzierung der Bestände, Auslastung der Kapazität, Verkürzung der Durchlaufzeiten und Einhaltung der Liefertermine, sind für einen Fabrikationsbetrieb eindeutig vorhanden. In der Vergangenheit sind diese Ziele nicht ganz realisiert worden, und zwar aus mehreren Gründen: Ein sachlicher Grund besteht zunächst darin, die erzeugnisspezifischen und arbeitsplatzbezogenen Stammdaten aufzunehmen. Das dauert erfahrungsgemäß zwischen drei und fünf Jahren. Der zweite Grund liegt wahrscheinlich darin, daß versucht wurde, dieses doch sehr komplexe System der Produktionsplanung und -steuerung in einem integrierten Gesamtsystem zu realisieren, das letztlich für den Anwender nicht mehr überschaubar war.

* Nun scheinen mir drei bis fünf Jahre für die reine Erfassung der Stammdaten reichlich lang zu sein.

Becker: Man muß davon ausgehen, daß das Erfassen der Stammdaten parallel zum Tagesgeschäft erfolgt. Das heißt, die Mitarbeiter, die Fertigungssteuerung heute manuell betreiben, müssen nebenher die Daten für die maschinelle Bearbeitung aufbereiten. Deswegen dauert das so lange. Hinzu kommt, daß das in großen Industriebetrieben ein sehr umfangreiches Spektrum von fünfzig- bis hunderttausend verschiedenen Teilen sein kann.

* Liegt nicht die Crux auch darin, daß die Rechner-Hersteller mit Fertigungssteuerungs-Standardprogrammen an die Kundenorganisation herangehen und diese dann den Erfordernissen des Systems angepaßt werden muß?

Becker: Das ist eher umgekehrt. Es gibt eine Tendenz, die beim Anwender immer wieder erkennbar ist, daß er versucht, das manuelle Verfahren in einem solchen EDV-System eins zu eins abzubilden. Das hat natürlich zur Folge, daß die Standardpakete wiederum an den organisatorischen Ablauf, wie er heute vorhanden ist, angepaßt werden müssen. Und das führt letztendlich dazu, daß die Systeme nicht so effektiv laufen, wie sie laufen könnten.

* Von integrierten Gesamtsystemen müßte eigentlich gefordert werden, daß sie so modular und flexibel sind, kundenindividuelle Modifikationen zuzulassen.

Becker: Das ist richtig. Sie sind auch in der Regel so modular aufgebaut. Das Problem liegt jedoch weniger in der Realisierung der DV-Systeme, als vielmehr in der Tatsache, daß die Anwender die Modifikationen in Form von Parametern festlegen müssen. Es ist erfahrungsgemäß äußerst schwierig, von der Fachabteilung zu verlangen, daß sie die Konsequenzen kennt, wenn sie irgendwelche Parameter festlegt.

* Das klingt plausibel. Aber ist es nicht doch so, daß jetzt auf einmal ein EDV-Spezialist kommt und dem AV-Mann sagt, so solltest du es eigentlich machen, wie du es bisher gemacht hast, war offensichtlich nicht optimal?

Becker: Das ist großteils richtig. Es ist eindeutig so, daß die bisher entstandenen Systeme einen sequentiellen Zwangsablauf hervorgerufen haben, der dem widersprochen hat, was die Fachabteilung in der Vergangenheit getan hat. Die Fachabteilung hat früher die ganze Arbeitsvorbereitung in einzelnen Dialogschritten betrieben und wurde nun mit einem Mal von der Problemlösung so lange ausgeschaltet, bis der sequentielle Ablauf mal zu Ende war.

* Welche Lösung schlagen Sie vor?

Becker: Dieser sequentielle Ablauf muß wieder zerschlagen werden.

Bezogen auf die Funktionen muß sogar eine Desintegration stattfinden. Damit kommt man dem Anwender entgegen, der dann, glaube ich, auch durchaus bereit sein müßte, solche Systeme zu akzeptieren.

* Den Punkt "Ersterfassung" hatten wir abgehackt. Nun gibt es ja auch noch die laufende Erfassung der Tagesdaten. Was müßte getan werden, um diese Erfassung zu beschleunigen?

Becker: Die Erfassung der laufenden Daten wurde in der Regel mit Lochkarten gemacht, was zur Folge hatte, daß sie sehr zeitaufwendig und sehr fehleranfällig war. Was hier unbedingt erforderlich ist, sind automatisierte Betriebsdatenerfassungssysteme, die mehr tun, als nur die Betriebsdaten erfassen, nämlich auch eine gewisse Vorverarbeitung betreiben. Es ist ein Schwerpunkt der zukünftigen Entwicklung, DV-gestützte Betriebsdatenerfassungssysteme zu installieren.

* Woran liegt's dann, daß es momentan im BDE-Markt nicht gerade boomt?

Zimmermann: Ich glaube, das liegt daran, daß diese Betriebsdatenerfassungssysteme weniger eingesetzt werden, um Fertigungsgrunddaten zu erfassen, sondern vielmehr zur Werkstattüberwachung. Dabei gibt es erst wenige Firmen, die ein DV-mäßiges Hintergrundsystem haben, um die erfaßten Daten weiterzuverarbeiten. Zum zweien glaube ich, daß derartige Systeme heute noch relativ teuer sind.

* Nun war ja die Schwäche der zu Batchzeiten entwickelten Programmsysteme für Produktionssteuerung wohl die, daß sich eine Änderung der Stammdaten durch alle Programme hindurchzog, so daß der Änderungsaufwand enorm hoch war. Wurde das bei den neueren Systemen ausgemerzt?

Becker: Ja, denn wenn ein Datenbankkonzept zugrunde gelegt wird und man davon ausgeht, daß alle Verarbeitungsprogramme auf eine Datenbank zugreifen, dann ist es natürlich viel eher sicherzustellen, daß in allen Bereichen mit den neuesten Daten gearbeitet wird, die auch sehr schnell im Dialog geändert werden können.

* Wie hoch würden Sie den Implementierungsaufwand für ein datenbankgestütztes Fertigungssteuerungs-System schätzen?

Becker: Das ist schwer zu beantworten. Es kommt hier darauf an, ob ein Anwender bereit ist, Standardsysteme der Hersteller möglichst unmodifiziert einzusetzen. Dann kann, vorausgesetzt die Grunddaten sind vorhanden, der Einführungs- oder Implementierungsaufwand bei einigen Mannjahren liegen. Wer allerdings sehr viele Sonderwünsche hat, so daß in die Standardsoftware noch eigenentwickelte Software eingebaut werden muß, der kann durchaus mit 20 bis 30 Mannjahren rechnen.

* Halten Sie den nicht vorbelasteten Anwender überhaupt für fähig, seine eigenen Forderungen EDV-gerecht zu formulieren und beurteilen zu können, ob ein Standardpaket seinen Anforderungen entspricht?

Zimmermann: Sicherlich war es früher für den unerfahrenen Anwender schwer, seine Wünsche DV-gerecht vorzugeben, so daß in vielen Fällen die DV-Organisatoren ihm ihre eigenen Vorstellungen verkauft haben. Heute hat die Fachabteilung Erfahrungen aus bisherigen eigenen Anwendungen und Einsätzen in anderen Unternehmen und kommt dann mit konkreten Wünschen und Forderungen auf die DV-Abteilung zu.

Becker: Ich glaube, daß man die Frage nicht nach der Fähigkeit stellen sollte, sondern nach dem Willen des Anwenders. Wir haben in sehr vielen Fällen festgestellt, daß Standardsysteme, wie sie beispielsweise auch von uns angeboten werden, durchaus achtzig Prozent der Problematik abdecken. Nur, ob der Anwender bereit ist, sich damit zufriedenzugeben, das war in der Vergangenheit oftmals nicht zu erkennen.

* Wenn, wie Sie sagen, achtzig Prozent der Anwendungen mit vorhandenen Paketen erschlagen werden können, dann müßten es die Anwender doch unbesehen machen. Oder sehen die Anwender den Nutzen derartiger Lösungspakete nicht?

Becker: Da haben Sie natürlich einen heiklen Punkt angesprochen. Man kann diesen Nutzen in zwei Teile teilen und einen quantifizierbaren und einen nicht quantifizierbaren Nutzen definieren. Quantifizieren kann man zum Beispiel ganz eindeutig die Bestandsreduzierung, quantifizieren kann man auch Durchlaufzeit-Verkürzungen. Was man natürlich nicht quantifizieren kann zumindest nicht unmittelbar, ist die Verbesserung der Liefertreue.

Zimmermann: In vielen Fällen stellt sich allerdings gar nicht die Frage nach der Wirtschaftlichkeit, sondern die Frage, ob sich die Probleme ohne ??? überhaupt lösen lassen.

* Nun sollen Fälle vorgekommen sein, daß Lieferschwierigkeiten etc. überhaupt erst durch die EDV entstanden sind. Was sollte herstellerseits getan werden, um diese Situation zu verbessern?

Becker: Was man auf jeden Fall tun muß, ist, die Fachabteilung bei der Entwicklung solcher Systeme viel stärker einzuschalten. Was man weiterhin verstärkt tun muß, ist eine bessere und intensivere Schulung der Anwender, damit sie überhaupt in die Lage versetzt werden, solche Systeme einzusetzen.

* Glauben Sie denn, daß sich die Situation in absehbarer Zeit dahingehend ändern wird, daß die Anwender den Bereich Produktionssteuerung und Produktionsplanung mit den vorhandenen Software-Tools befriedigend lösen können?

Becker: Ich bin fest davon überzeugt.

Zimmermann: Ich glaube es auch, und zwar insbesondere deswegen, weil es ein deutliches Umdenken von heute gegenüber früher gibt. Früher war die DV ein Planungsinstrument, mit dem versucht wurde, den Planer im Betrieb, in der Fachabteilung zu ersetzen - mit all den Schwierigkeiten, die schon genannt wurden.

Heute vertreten wir die Meinung, daß ein Fertigungssteuerungssystem dem Anwender die Routinearbeiten abnehmen soll und ihm in Situationen, die sein personelles Eingreifen erfordern, aktuelle Informationen im Dialog zu liefern hat.

Jürgen Becker,

39, leitet die Dienststelle "Anwenderprogramme" im Unternehmungsbereich Daten- und Informationssysteme der Siemens AG, München. Becker, Ingenieur der Elektrotechnik, ist seit 14 Jahren bei Siemens. In seine Zuständigkeit fällt die Entwicklung und Realisierung von Fertigungssteuerungs-Programmen.

Gero Zimmermann,

36, ist seit sechs Jahren bei Siemens. In seiner Funktion als "Leiter der Anwendersoftwareförderung Fertigungssteuerung" betreut der promovierte Betriebswirt mehr die konzeptionelle Seite (Anwendersoftware-Strategien).