Emanzipation

Der neue Typ Mann

01.11.2014
Von Daniel Rettig
Seit Jahren diskutieren Politik und Wirtschaft darüber, wie Frauen Beruf und Familie besser vereinbaren können. Doch die wahren Profiteure dieser Entwicklung sind häufig gar nicht die Frauen - sondern die Männer.

Die Zukunft von James Renier entschied sich an einem Freitagabend im Januar 1997. Der gebürtige Amerikaner arbeitete damals als Tennistrainer in Wien - und erinnert sich noch heute genau an die Kleidung seiner Schülerin: Jogginghose, Fleecejacke und Laufschuhe. Als sie den Platz betrat, konnte Renier nicht ahnen, dass die Frau seines Lebens vor ihm stand.

"Ich habe sie wegen ihrer Schuhe ermahnt, sie hätte sich damit auf dem Tennisplatz ernsthaft verletzen können", sagt Renier heute. Als die Schülerin das nächste Mal zum Training kam, hatte er drei verschiedene Paar Tennisschuhe besorgt: "Ich wusste, dass sie keine Zeit hatte, eigene Schuhe zu kaufen." An dieser Rollenverteilung hat sich seitdem nicht viel geändert.

James Renier, 53, ist der Ehemann von Ursula Soritsch-Renier. Die 46-Jährige ist seit April 2013 Chief Information Officer (CIO) beim Schweizer Maschinenbauer Sulzer in Winterthur. Dort soll sie die IT-Infrastruktur vereinheitlichen, was eine echte Herkulesaufgabe ist. Und das nicht nur, weil der Konzern weltweit 17.000 Mitarbeiter hat. Sondern weil ihr Posten ein Schleudersitz ist - Soritsch-Renier ist der dritte Sulzer-CIO innerhalb von drei Jahren.

Umso wichtiger ist es, dass sie zu Hause von ihrem Job abschalten kann. Dass sie sich nicht um eine saubere Wohnung und einen vollen Kühlschrank kümmern muss. Oder darum, den achtjährigen Sohn nachmittags zum Taekwondo zu bringen. Das alles erledigt ihr Ehemann James. Freiwillig.

Die Familie kann vom Gehalt seiner Frau gut leben, er muss kein Geld verdienen. Neben der Rolle als Hausmann bleibt ihm genug Zeit, vormittags selbst Sport zu treiben. Dieses Jahr will er wieder wettkampfmäßig Tennis spielen, bald startet die Sommersaison bei den Herren über 45. Darauf bereitet er sich sorgfältig vor.

Viel wichtiger ist ihm allerdings, dass er seiner Frau Halt für ihre Karriere gibt und zu Hause eine Atmosphäre schafft, in der sie entspannen kann. "Ich versorge meine Frau nicht finanziell, sondern emotional - aber das finde ich mindestens genauso wichtig. Ich möchte dieses Leben jedenfalls nicht missen und bereue nichts."

Egal, ob es um den Ausbau von Kindergartenplätzen, bessere Betreuungsmöglichkeiten oder die Einführung der Elternzeit geht: Seit einigen Jahren diskutieren Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft darüber, wie die Deutschen Beruf und Familie besser miteinander vereinbaren können. Doch meistens dreht sich die Debatte vor allem um die Rolle der Frauen.

Die einen appellieren an Abiturientinnen, häufiger wirtschaftsnahe oder ingenieurwissenschaftliche Fächer zu wählen. Die anderen verlangen, dass Personalverantwortliche bei neuen Stellenbesetzungen vor allem Bewerberinnen berücksichtigen. Wieder andere fordern von Politikern eine gesetzliche Frauenquote, um den Anteil weiblicher Führungskräfte in Unternehmen zu steigern.

Keine Frage, für alle Positionen gibt es Pro und Contra. Doch im Dickicht der Diskussion wird eines häufig vergessen: Die wahren Profiteure der Emanzipation sind oft nicht die Frauen - sondern die Männer.