Methodenwissen durch interdisziplinäre Zusammenarbeit ergänzen:

Der Informatiker muß auch als Kaufmann denken lernen

08.11.1985

Die Unternehmen geraten zunehmend In eine Zwickmühle: Technischer Wandel sowie wachsender Wettbewerb auf dem Markt zwingen sie, DV-und Informationstechnik einzusetzen. Der Mangel an Fachkräften, die informationstechnisches Wissen auch in betriebliche Lösungen umzusetzen verstehen, ist jedoch bedenklich. Dies zu beheben, bleibt nicht nur Aufgabe der Hochschule, meint Helmut Plickert von der Digital Equipment GmbH in München, Aus- und Weiterbildung, Bereich Produkte und Programme.

Rationolisierungspotentiale auszuschöpfen und die Produktivität, Effektivität und damit die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern - die Lösung dieser unternehmerischen Probleme erfordert zweierlei Qualifikationen: Erstens kaufmännisches Denken und Kenntnis der betrieblichen Organisationsstrukturen, Arbeitsabläufe und Informationsflüsse. Zweitens Erfahrung in der Handhabung und dem Einsatz von Verfahren und Geräten der Informationstechnik.

Fachkräfte mit dieser Doppelqualifikation sind auf dem Arbeitsmarkt rar, weil die öffentlichen und betrieblichen Ausbildungsstätten in aller Regel nur auf eine der beiden

Qualifikationen ausgerichtet sind. So sind die Informatiker und Informationstechniken und die Fachkräfte der Wirtschaftsbereiche auf das betriebliche Fachwissen spezialisiert.

Die Informatiker verstehen ihr Fachgebiet als Wissenschaft von der systematischen und automatischen Verarbeitung von Information. Sie erforschen grundsätzliche Verfahrensweisen der Informationsverarbeitung und allgemeine Methoden ihrer Anwendung in den verschiedensten Bereichen. Für diese Aufgaben wendet die Informatik vorwiegend formale und ingenieurmäßig orientierte Techniken an.

Durch Verfahren der Modellbildung sieht sie beispielsweise sowohl von den Besonderheiten spezieller Datenverarbeitungssysteme als auch von den konkreten Erfordernissen der betrieblichen Praxis ab.

In diesem - von der Gesellschaft für Informatik (GI) festgelegten - Berufsbild befaßt sich der Informatiker daher mit strukturellen Aspekten der Information, mit Formalisierung und Mathematisierung von Anwendungsgebieten, weiterhin mit Modellierung und Simulation und mit der Entwicklung von Systemsoftware moderner Konzeption.

Das Studium der Informatik vermittelt daher langfristig brauchbares theoretisches Fakten- und Methodenwissen. Er vermittelt jedoch keine Fähigkeiten und Kenntnisse in der Umsetzung dieses Wissens in betriebsspezifische Lösungen, etwa zur Verbesserung der Kommunikation oder zur Verdichtung und Darstellung fachbereichs- oder unternehmensspezifischer Information als Grundlage zur schnellen und durch alle relevanten Daten abgesicherten Entscheidungsfindung.

Das Beispiel von drei Aufgabenbereichen, in denen Informatiker tätig sind, nämlich der Systementwicklung, der Systembeschaffung sowie dem Systembetrieb soll zeigen, wie weit die Anforderungen der Industrie durch die Qualifikation der Informatik-Hochschulabsolventen abgedeckt sind.

In der Systementwicklung unterscheidet man zwischen der Entwicklung von systemnaher und anwendungsnaher Software.

Für die Entwicklung von SW-Produkten im systemnahen Bereich, also von Verwaltungs- und Dienstleistungsprozessen in Computersystemen, sind Informatiker qualifiziert, besonders in den Bereichen Systemspezifikation, Systementwurf, außerdem Systemimplementierung.

Im allgemeinen vermittelt die Hochschule auch theoretische Kenntnisse, um den Entwicklungsprozeß zu strukturieren, also analytische Verfahren und Methoden wie etwa das Phasenkonzept.

Da Hochschulen im allgemeinen keine größeren Entwicklungsprojekte im Lehrbereich durchführen, fehlen den Informatikern praktische Erfahrungen in typischen Teilaufgaben erfolgreicher Projektarbeit, wie zum Beispiel bei der Ablaufplanung, der Ablaufsicherung, ebenso bei der Ressourcen-/Kostenkontrolle oder der Qualitätssicherung.

Bei der Entwicklung von SW-Produkten wie Anwendungssoftware, Werkzeuge im anwendernahen Bereich, das heißt, von Softwaresystemen mit Schnittstellen zu komplexen sozialen Systemen, fehlen den Informatikabsolventen oft Kenntnisse von Verfahren und Methoden, etwa zur Bedarfsermittlung/-analyse und zur Daten- und Funktionsanalyse. Es

fehlt ihnen aber auch die Fähigkeit, in interdisziplinärer Zusammenarbeit mit Fachleuten die Ziele, Anforderungen und Schnittstellen festzulegen. Das liegt teilweise an der Schwierigkeit, die jeweiligen Fachsprachen zu verstehen, und teilweise an der geringen Kenntnis der betrieblichen Organisationsformen und Unternehmensstrukturen. Hinzu kommt, daß die in der Hochschule gelehrten analytischen Strukturierungstechniken für die Entwicklung von Systemen, die im sozialen Umfeld eingesetzt werden, nicht geeignet sind. Der Entwicklungsprozeß für derartige Systeme, die durch ein dynamisches Umfeld gekennzeichnet sind, kann nur durch heuristische, schrittweise und rückgekoppelte Methoden, wie beispielsweise Prototyping, Versionenkonzept und partizipative Systemanalyse durchgeführt werden. Denn der Einfluß der Systementwicklungsaktivität auf das Umfeld, aus dem heraus das Bedürfnis für das neue System entstand, ist unbedingt zu berücksichtigen.

Die Informationsausbildung der Studenten ist bewußt auf den Entwurf und die Entwicklung von SW-Systemen und auf die größtmögliche Unabhängigkeit von speziellen DV-Systemen ausgerichtet. Dies hat häufig zur Folge, daß die Informationsabsolventen die Hard- und Softwareprodukte des Marktes nicht genügend kennen. Fehlende Marktkenntnis aber wirkt sich nachteilig für Informatiker aus, denen die Aufgabe einer Systembeschaffung gestellt ist. Der Kauf von Softwaresystemen, vor allem Anwendungen, gewinnt jedoch künftig eine immer stärkere Bedeutung. Die steil ansteigenden Entwicklungskosten und größer werdende Anwendungsstaus zwingen die Unternehmen zunehmend, die Anwendungssysteme des Marktes einzusetzen.

Der fehlende Marktüberblick ist aber nur eine der Qualifikationslücken, die sich im Beschaffungsbereich auftun. Es fehlen dem Informatiker darüber hinaus Erfahrungen in der Erfassung des Produktumfeldes, Methoden der Klassifizierung marktgängiger Produkte und Verfahren zur Produktanalyse. Es fehlen besonders Methoden der Produktauswahl unter kaufmännischen und strategischen Gesichtspunkten.

Ein nennenswerter Anteil der Informatiker wird im Systembetrieb, also für die Pflege und Weiterentwicklung bestehender Systeme eingesetzt. Am Beispiel des Rechenzentrums(RZ)-Betriebs soll noch einmal die Frage der Qualifikation der Informatiker untersucht werden.

Typische Positionen im RZ-Bereich, wie RZ-Leiter, Systemprogrammierer, Systemanalytiker oder Systemadministrator, erfordern Kenntnisse, Fähigkeiten und praktische Erfahrungen in der Mitarbeiterführung, aber auch in der System- und Ressourcenplanung, bei Fehleranalyse, Tuning, Maintenance sowie Administration von Ressourcen und Benutzern. Genau wie Beratung, Schulung und Einweisung müssen darüber hinaus Hard- und Softwareauswahl bewältigt werden. Die Vermittlung der benötigten Qualifikationen für diese Anforderungen ist bewußt aus dem Informatikstudium ausgeklammert worden. Sie paßt nicht in eine auf Strukturen, Algorithmen, Modellen und Formalisierung ausgerichtete Informatikausbildung.

Gerade auf diese Ausbildungs- und Erfahungslücken hat die Industrie immer wieder hingewiesen. Auch die GI ist sich dieser Lücken bewußt. Sie empfiehlt daher "eine praktische Tätigkeit auf freiwilliger Basis, die dem Studenten interdisziplinäre Zusammenarbeit und einen Einblick in die Arbeitswelt vermitteln sowie ihn auf spätere Leistungsfunktionen vorbereiten soll". Das Ziel eines solchen "Praktikums" gliedert sich nach den Vorstellungen der GI in drei Bereiche:

- Erfahrungen in der Umsetzung des Wissens auf praktische Anwendungen gewinnen,

- Erfahrungen mit den fachübergreifenden Zielvorgaben sowie den daraus folgenden Randbedingungen praktischer Tätigkeit erwerben und

- sich Erfahrungen mit Organisationsformen und Strukturen von Unternehmen verschaffen.

In dieser Situation gewinnt für Hochschulabsolventen der Informatik die Fort- und Weiterbildung in Bereichen der kaufmännischen und betrieblichen Praxis eine besondere Bedeutung.

Das Ausbildungsangebot auf diesem Sektor hat besonders bei denjenigen DV-Herstellern, die als Anbieter von computerunterstützten Gesamtlösungen in kaufmännischen Bereichen, im Bereich Büroorganisation sowie in Konstruktion, Entwicklung und Produktion (computerintegrierte Fertigung) bereits eine langjährige Erfahrung aufweisen, in den letzten Jahren an Breite und Tiefe zugenommen.

So bietet etwa Digital Equipment (DEC) in seinen Schulungszentren die praxisorientierte Schulungsreihe "Informationsorganisation" mit den Einzelmodulen Betriebswirtschaftslehre und Infomationsverarbeitung mit Hilfe von Arbeitsplatzcomputern gleichzeitig mit kaufmännischer Programmierung, betrieblicher Projektausbildung und EDV-Organisation/ Informationsmanagement an.

In ihrem herstellerunabhängigen Trainingsprogramm bietet DEC ferner Seminare über Bürokommunikation, computerintegriete Fertigung und künstliche Intelligenz am Beispiel der Expertensysteme an.

Wie sehen nun die Chancen der Informatiker auf einem durch die Anforderungen der Wirtschaft geprägten Arbeitsmarkt aus?

Nach Angaben des Istituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg werden im Bereich Informatik derzeit wesentlich mehr Stellen geschaffen als Hochschulabsolventen auf den Markt kommen.

Vergleicht man jedoch, über alle Branchen gesehen, den Nachfrageanteil der Informatiker mit demjenigen anderer Fachleute mit und ohne DV-Wissen für die Bereiche Org./ DV, fällt der geringe Anteil der Informatiker auf. So stellte die SCS Personalberatung, Hamburg, in ihrer Arbeitsmarktanalyse im ersten Halbjahr 1984 fest, daß - wiederum alle Branchen betrachtet - für den Org./ DV-Bereich nur 18 Prozent Informatiker gesucht wurden gegenüber 46 Anteilen nicht näher spezifizierter DV-Spezialisten, 12 Prozentpunkten Ingenieuren und 9,1 Prozent vom Hundert Betriebswirten. Hier sieht man deutlich: Allgemeines praktisches DV-Wissen ebenso wie fachbereichsspezifisches Wissen qualifiziert besser für den Org./DV-Bereich als reines Informatikwissen. Selbst in der Computerindustrie - so die SCS-Analyse - liegt der Nachfrageanteil der Informatiker mit neun Prozent erstaunlich niedrig. Und selbst hier erfordern die für Informatiker angebotenen Positionen oft Zusatzqualifikationen, die die Hochschule nicht vermittelt. So werden etwa ein Fünftel der Informatiker für den Vertrieb gesucht, 7,7 Prozent für PR und Marketing und sechs Anteile für Beratertätigkeit.

Die Chancen der Informatiker liegen in Zusatzqualifikationen, um in anderen Wirtschaftsbereichen langfristig ihre Position auf dem Arbeitsmarkt zu stärken. Diese Zusatzqualifikationen können erworben werden durch praktische Tätigkeiten in verschiedenen Bereichen der Wirtschaft oder durch Fort- und Weiterbildung bei den DV-Herstellern oder anderen Instituten. Es steht jetzt schon fest: In Zukunft spielen zusätzliches Wissen, Kenntnisse und Fähigkeiten ohnehin eine verstärkte Rolle. In dem Maße, in dem Fachspezialisten der Wirtschaft das Fort- und Weiterbildungsangebot auf dem Gebiet der Informationstechniken nutzen und somit die Informationstechnik als Werkzeug zur Problemlösung handhaben können, werden die reinen Informatiker auf die Kerngebiete der Forschung und Entwicklung komplexer Systemsoftware und Tools zurückgedrängt.

Schon heute ist ein Trend abzusehen, der beispielsweise - durch die Entwicklung von Programmiersprachen der 4. Generation - den klassischen Anwendungsprogrammierer langfristig überflüssig machen wird. Auch in den Bereichen Datenbankdesign, Tuning oder anderes wird durch moderne Tools oder später durch Expertensysteme der Bedarf an reinen DV-Spezialisten abnehmen.

In einer Zeit, in der technologisches Wissen rasch veraltet und in der immer mehr Fachleute der Wirtschaft die modernen, anwenderfreundlicher werdenden Werkzeuge der Informationstechnik nutzen und handhaben können, darf der Hochschulabsolvent die Erstausbildung nur als Basis betrachten. Die Kenntnisse der Computer- und Informationstechnologie um Fachwissen aus anderen Bereichen ergänzen und sich mit Hilfe der Fort- und Weiterbildung dem schnellen Wandel der beruflichen Anforderungen anpassen ist ein kategorischer Imperativ geworden, wenn der Newcomer seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöhen beziehungsweise den Arbeitsplatz langfristig sichern will.