Showdown zwischen Pure Plays und Global Majors

Der EMM-Markt 2016

Maximilian Hille ist Analyst des IT-Research- und Beratungsunternehmens Crisp Research. Seine inhaltlichen Schwerpunkte sind Cloud Computing, Social Collaboration und Mobile Innovations.
Es existiert eine Vielzahl an EMM-Lösungen, die von Pure Play-Anbietern, Global Majors oder Anbietern für Sicherheitssysteme bereitgestellt werden. Die Abgrenzung und Auswahl der Lösungen untereinander ist dabei nicht trivial, da fast alle Lösungen ähnliche Basis- Anforderungen erfüllen.
Enterprise Mobility Management: Wieviel Freiheit gebe ich, wieviel Sicherheit benötige ich?
Enterprise Mobility Management: Wieviel Freiheit gebe ich, wieviel Sicherheit benötige ich?
Foto: Georgejmclittle - shutterstock.com

Im Kontext Enterprise Mobility stellt sich häufig die Frage nach dem Fokus. Geht es darum, den Mitarbeitern mit möglichst wenigen Einschränkungen hohe Freiheiten bei der Arbeitsplatzgestaltung und Technologieauswahl zu geben oder müssen Sicherheit, Kontrolle und hierarchische Steuerung überwiegen, um keine Sicherheitsrisiken zu provozieren? Dagegen stellt sich die Frage: Warum nicht beides?

Denn für alle Unternehmen bietet der Einsatz von Smartphones, Tablets etc. gemeinsam mit der Flexibilisierung der Arbeit ein großes Potential hinsichtlich Mitarbeiterzufriedenheit, Attraktivität und Produktivität. Technologische Lösungen, die additiv zum Hardware-Einsatz eine optimale Arbeitsumgebung schaffen, die sowohl Flexibilität als auch Sicherheit verspricht, existieren schon lange.

Die Anbieter im Fokus

Derzeit existieren viele Anbieter, die als Option für die Unternehmen in Frage kommen. Aus reinen Mobile Device Management-Systemen, die über eine Geräteverwaltung hinaus wenig boten, haben sich viele Enterprise Mobility Management Systeme entwickelt, die weit mehr als nur Kernfunktionalitäten anbieten. Viele Schlagworte und Abkürzungen, wie MDM, MAM, IAM, SSO, Container, Enterprise App-Store, Collaboration Features usw. bilden nun ein Konsortium, das in EMM-Lösungen abgebildet werden kann. Und auch die Freiheitsgrade werden bei den meisten Anbietern so hoch wie möglich gehalten. Die Unterstützung der führenden mobilen Plattformen (Android, iOS, Windows) sind ebenso Standard wie die Begleitung verschiedener Ausroll-Konzepte wie BYOD und Die wichtigsten Anbieter werden im Folgenden kurz charakterisiert:

  • Airwatch by VMware: Gemessen an den Kunden ist Airwatch by VMware der größte EMM-Anbieter weltweit. Trotz oder sogar gerade weil VMware das Unternehmen vor zwei Jahren übernommen hat, konnte sich Airwatch schnell zu einem Marktführer für EMM entwickeln. Die Lösung hat sich organisch aus einem MDM-Tool entwickelt und ist mittlerweile mit vielen weiteren Modulen (MAM, Container, MCM, Browser, E-Mail & Collaboration) eine ganzheitliche Pure-Play-Lösung, die prinzipiell für den Einsatz in allen mittleren und größeren Unternehmen geeignet ist. Die Freiheiten für die Anwender werden hier möglichst groß gehalten, sodass das Kollektiv aller Module eine gute Unterstützung bei der Ausprägung der Mobility-Strategie sein kann. Seit neuestem bietet Airwatch by VMware auch ein Modul für das Laptop-Management, um zukünftig den ganzen Stack tragbarer Endgeräte einschließen zu können.

  • BlackBerry/Good: Schon vor dem Zusammenschluss von Smartphone-Hersteller BlackBerry und Good Technology besaßen beide Anbieter eine Lösung für das Enterprise Mobility Management. Der Zusammenschluss war unter dem Strich für beide Parteien ein kluger Schritt. BlackBerry ist bekanntermaßen in höchster Not, was das Hardware-Geschäft angeht. Daraus resultierte, dass auch das gesamte Unternehmen in Schieflage geriet. Die Software-Services (wie BES 12) waren wenigstens konkurrenzfähig. Allerdings fehlte der X-Faktor, der aus MDM+ auch EMM gemacht hat. Diesen hat man in Good Technology gefunden. Denn Good besitzt ein besonders attraktives Portfolio, das sich auf Collaboration-Features und die Ergonomie der Nutzer konzentriert. Good baut gewissermaßen eine eigene OS-Umgebung mit allen Einstellungen, Apps und Services auf, die ein Smartphone im Geschäftskontext benötigt. Der Zusammenschluss der Produkte ist bereits beschlossen und paart die starke Security-Komponente von BlackBerry mit der Freiheit des Good-Portfolios.

  • Citrix: Auf Basis der zugekauften MDM-Lösung Zenprise hat Citrix XenMobile vorgestellt. XenMobile gilt bei Citrix als Teil der gesamten neuen Arbeitsplatzstrategie, wo insbesondere die Kernprodukte der Desktop-Virtualisierung hinzugehören. Dennoch hat es auch Citrix nicht versäumt, die eigene MDM-Lösung weiter auszubauen und daraus ein Enterprise Mobility Management zu formen. So kann XenMobile auch die ganze Mobility Journey abbilden, die für Citrix aus Secure Mobility, Drive Productivity und Mobilize Business besteht. Die Worx Apps sind neben der zusätzlichen Features (MAM etc.) ein wichtiger Baustein im Gesamtkontext EMM und XenMobile. Ein zusätzlicher Vorteil entsteht durch das allgemeine Portfolio. Mit ShareFile steht ein FileSharing-Service bereit, der technisch nahtlos integriert werden kann und so auch den mobilen Datenverkehr unter ein sicheres Dach bringen kann.

  • MobileIron: MobileIron ist ein weiteres Pure Play-EMM, das mittlerweile eine besonders große Funktionsdichte aufweist. Das Hauptprodukt MobileIron Plattform besteht aus den Modulen Core (MDM, MAM, MCM), Sentry (Verschlüsselung), Client (Umgebung für sichere Anwendungen) und Endbenutzerprodukte (Collaboration). MobileIron hat daher ebenfalls seine frühere Basis-MDM Lösung stark erweitert und bietet mittlerweile von der IT-Security bis zum Produktivitätswerkzeug für den Anwender ein umfangreiches Portfolio.

Die Anbieter für Enterprise Mobility Management: Markt- und Produktübersicht (Auszug)
Die Anbieter für Enterprise Mobility Management: Markt- und Produktübersicht (Auszug)
Foto: Crisp Research

Die Vielzahl der Anbieter zeigt bereits, dass eine Differenzierung der Portfolios mittlerweile nicht einfach ist. Viele Grundvoraussetzungen, wie die Plattformoffenheit, MDM-, MAM-, MCM- und Container-Tools sowie eine intuitive Bedienungsoberfläche für die Administration sind bei den meisten EMM-Lösungen bereits erfüllt. Es geht also häufig darum, mit speziellen Sicherheitsfeatures oder Value Adds im Collaboration und Communication-Bereich zu überzeugen. Eine möglichst große Integrationsmöglichkeit in das gesamte IT-Ökosystem sowie die Unterstützung bei der Etablierung digitaler Geschäftsprozesse und –modelle sind eindeutig die Differenzierungsmerkmale, die Anwender bei der Evaluation der EMM-Angebote einbeziehen werden.

Die Anwendersicht

Derzeit sind viele Unternehmen damit beschäftigt, ein Enterprise Mobility Management einzuführen. Im Rahmen einer Studie von Crisp Research im Jahr 2015 gab das Gros der Entscheider (72 Prozent) an, eine solche Lösung bereits im Einsatz zu haben oder dies konkret zu planen.

Welche Initiativen für ein ganzheitliches Management der IT-Arbeitsplatzumgebung leitet Ihr Unternehmen ein?
Welche Initiativen für ein ganzheitliches Management der IT-Arbeitsplatzumgebung leitet Ihr Unternehmen ein?
Foto: Crisp Research AG 2015

Durch die derzeitige Anbieterlandschaft bieten sich den Anwendern sowohl Vor- als auch Nachteile. Denn einerseits haben die anbieterseitigen Weiterentwicklungen der Produkte dazu geführt, dass viele der notwendigen Teilelemente des Mobility Management mittlerweile in einer Suite zusammengefasst verfügbar sind. Darüber hinaus können die Lösungen vollständig in die bestehenden IT-Landschaften integriert werden. Weiterhin helfen neue Collaboration- und Produktivitätswerkzeuge dabei, die Geschäftsprozesse und –modelle im Unternehmen zu digitalisieren und mobilisieren.

Andererseits haben die Anwenderunternehmen mittlerweile auch eine große Vielfalt von Anbietern, die mit scheinbar ähnlichen Lösungen für sich werben. Die Priorisierung der einzelnen Module, die Anbieter untereinander abgrenzen, ist für die Anwender also entscheidend – aber nicht trivial. Denn häufig bilden sich erst im Zuge der Digitalisierungsbemühungen die tatsächlichen Bedarfe heraus. Die Entscheider sollten frühzeitig klare Prioritäten bei der Anbieterauswahl setzen. Wichtige Bezugspunkte könnten dabei die Entscheidung zwischen der Robustheit der Sicherheitsmaßnahmen und der Flexibilität der Nutzer bei der Nutzung der Services oder die Vielfalt der zusätzlichen Anwendungen sein. So können beispielsweise sicherheitskritische Unternehmen eher einen Security-Anbieter wählen, der auch eine EMM-Suite bietet. Eher kollaborative und kreative Unternehmen setzen dagegen besser auf ein Angebot, das mit vielen Collaboration-Tools und Services für die Anwendungsentwicklung möglichst viele Innovationen stützen kann.

Schlussendlich bleibt aber auch zu konstatieren, dass einige Anbieter bereits klare Vorteile hinsichtlich ihres Portfolios und der Expertise aufgebaut haben. Viele Anbieter scheinen mit ihren Basis-Lösungen bereits ein ausreichendes Portfolio zu bieten. Letztendlich kommt es für die Anwender aber vor allem darauf an, wie es um die zukünftige Entwicklungskapazität bestellt ist. Denn nur diejenigen Anbieter, die sich kontinuierlich weiterentwickeln, können den Anwendern am Ende des Tages ein hinreichendes Security-Level sowie eine ausreichende Perspektive für die Etablierung eines umfangreichen Digitalisierungs- und Mobilitätskonzeptes bieten. (mb)