Disaster Recovery

Der deutsche Mittelstand geht im Katastrophenfall baden

04.11.2015
René Büst ist Technology Analyst & Advisor mit dem Fokus auf Cloud Computing und IT-Infrastrukturen. Er ist Mitglied des weltweiten Gigaom Research Analyst Network und gehört weltweit zu den Top 50 Bloggern in diesem Bereich. Seit Ende der 90er Jahre konzentriert er sich auf den strategischen Einsatz der Informationstechnologie in Unternehmen.
Viele kleine und mittelständische Unternehmen vernachlässigen die Themen Backup und Disaster Recovery. Auf den Katastrophenfall sind sie schlecht vorbereitet.

Mit dem Siegeszug der Cloud und dem hohen Anteil an virtualisierten Infrastrukturen ist ein neues Zeitalter der IT bereits Realität. Auch mittelständische Unternehmen schaffen immer häufiger die Basis für eine Self-Service-orientierte IT in einem Cloud-Modell. Ein in diesem Zusammenhang unterschätztes Thema sind dabei jedoch belastbare IT-Verfügbarkeitsstrategien dieser digitalen Infrastrukturen. Das belegt erneut eine (nicht-repräsentative) Befragung unter 70 bis 120 IT-Entscheidern. Die Daten wurden auf der Veranstaltungsreihe IT.forum des Systemhauses CEMA erhoben. Dabei wurden vor allem CIOs und Systemadministratoren von mittelständischen Unternehmen mit mindestens 200 Mitarbeitern befragt.

Server-Virtualisierung ist im deutschen Mittelstand gesetzt

Die Server-Virtualisierung bietet Unternehmen eine Menge Vorteile. Sie reichen von der Konsolidierung ihrer physikalischen Serverlandschaft, der damit einhergehenden Kostenreduzierung über einen besseren Automationsgrad bis hin zu einer vereinfachten Bereitstellung und Verschiebung von Applikationen. Diese Vorzüge sind mittlerweile auch in der ganzen Breite des deutschen Mittelstands angekommen. Jedes der befragten Unternehmen hat mindestens gewisse Bereiche seiner Serverlandschaft virtualisiert. So haben 10 Prozent der Befragten ein Viertel ihrer Server auf eine virtuelle Ebene gehoben. Weitere 50 Prozent berichten von einem Virtualisierungsgrad von 50 Prozent. Rund 40 Prozent haben sogar sämtliche Server virtualisiert.

Einsatzgrad virtualisierter Server im deutschen Mittelstand
Einsatzgrad virtualisierter Server im deutschen Mittelstand
Foto: CEMA, Crisp Research AG, 2015

VMware ist dabei erwartungsgemäß der am weitesten verbreitete Hypervisor. Über 80 Prozent der befragten IT-Entscheider setzen auf vSphere, um ihren physikalischen Servern eine Virtualisierungsschicht zu verpassen. Weit abgeschlagen folgt Microsoft Hyper-V, das gerade einmal einen Einsatzgrad von 12 Prozent für sich in Anspruch nehmen darf. Mit rund 5 Prozent hat der Citrix XenServer unter deutschen mittelständischen Unternehmen keine Bedeutung, wenn es um die Virtualisierung ihrer Serverlandschaften geht.

Einsatzgrad von Hypervisor-Technologien im deutschen Mittelstand
Einsatzgrad von Hypervisor-Technologien im deutschen Mittelstand
Foto: CEMA, Crisp Research AG, 2015

Storage-Virtualisierung ist auf dem Vormarsch

Auch die Virtualisierung der Storage-Infrastruktur birgt für Unternehmen einige Vorzüge. So sorgt eine redundante Verteilung der Speicherkapazitäten zunächst für eine höhere Verfügbarkeit der Daten. Weiterhin lässt sich damit der Auslastungsgrad der physikalischen Storage-Pools optimieren und somit die Nutzung effizienter gestalten.

Im Vergleich zur Server-Virtualisierung findet die Storage-Virtualisierung unter deutschen Mittelständlern noch eine deutlich geringere Verbreitung. Über ein Drittel der befragten Unternehmen gab an, eine virtualisierte Storage-Infrastruktur im Einsatz zu haben. Etwa ein weiteres Drittel setzt noch auf klassische Storage-Architekturen, plant aber deren Virtualisierung. Hingegen setzen immer noch 40 Prozent der deutschen mittelständischen IT-Entscheider nicht auf Storage-Virtualisierung.

Einsatzgrad der Storage-Virtualisierung im deutschen Mittelstand
Einsatzgrad der Storage-Virtualisierung im deutschen Mittelstand
Foto: CEMA, Crisp Research AG, 2015

Der Grund für den im Vergleich zur Server-Virtualisierung geringen Einsatzgrad hängt vermutlich mit den negativen Erfahrungen der vergangenen Jahre zusammen. Das größte Problem der Storage-Virtualisierung bestand in ihrer schlechten Skalierbarkeit. Zwar haben Unternehmen diverse Proof of Concepts gestartet, anschließend jedoch feststellen müssen, dass sich die gewünschte Skalierbarkeit nicht erfüllen lässt und die I/O Performance weit von dem entfernt war, was sie von klassischen Storage-Infrastrukturen kannten.

Diese Herausforderungen haben die Storage-Anbieter allerdings erkannt und ihre Lösungen über die letzten Jahre immer weiter verbessert. Diese technologische Evolution sowie Best-Practices sorgen nun für eine steigende Adaptionsrate.

Auf die Unternehmen kommt allerdings auch eine weniger gute Nachricht zu. Das Internet der Dinge, Industrie 4.0 und andere datengetriebene Dienste sorgen für eine Informationsflut, die es zu bewältigen gilt. Es ist daher an der Zeit, sich alternative Ansätze zu überlegen, um Herr der Lage zu bleiben und die Kontrolle nicht zu verlieren.

Verteilung unterschiedlicher Storage-Protokolle im deutschen Mittelstand
Verteilung unterschiedlicher Storage-Protokolle im deutschen Mittelstand

Geht es um den Aufbau belastbarer Storage-Infrastrukturen und damit um einen performanten Transfer der Daten überlassen deutsche Mittelständler nichts dem Zufall. Knapp 40 Prozent setzen auf eine homogene SAN-Infrastruktur (Storage Area Network), basierend auf dem Fibre Channel (FC) Protokoll, dem auf Grund seines vollständig integrierten Ansatzes ein hoher Effizienzgrad nachgesagt wird. Weiterhin lässt sich FC ideal dafür einsetzen, große Entfernungen mit einer hohen Übertragungsgeschwindigkeit zu überbrücken.

Über ein Fünftel der Befragten setzt auf das kostengünstigere iSCSI-Protokoll, das sich immer mehr zu einer echten Alternative beziehungsweise Erweiterung zu Fibre Channel entwickelt. Das zeigen knapp ein Viertel der Unternehmen, die sowohl Fibre Channel als auch iSCSI in ihrer Storage-Infrastruktur verbaut haben. Auf das NFS-Protokoll setzen nur etwa 15 Prozent der deutschen Mittelständler, um damit NAS-Infrastrukturen (Network Attached Storage) aufzubauen und Dateisysteme über das Netzwerk bereitzustellen.

Im Katastrophenfall haben es mittelständische IT-Entscheider schwer

Mit Blick auf bestehende Disaster-Recovery-Strategien sollten wir mittelständischen IT-Entscheidern fest die Daumen drücken. Denn fast drei Viertel (73,5 Prozent) vernachlässigen ein externes Cloud-basiertes Backup- und Disaster Recovery Management, um ihre Daten für den Katastrophenfall zu schützen und schnell wiederherzustellen. Immerhin sehen 12 Prozent darin eine Option. Nur eine Minderheit von etwa 15 Prozent verfolgt bereits einen modernen Ansatz und realisiert eine Backup-Strategie mit einem lokalen Cloud-Anbieter.

Berücksichtung von Cloud Backup- und Disaster Recovery Strategien im deutschen Mittelstand
Berücksichtung von Cloud Backup- und Disaster Recovery Strategien im deutschen Mittelstand
Foto: CEMA, Crisp Research AG, 2015

Damit bewegen sich die meisten Unternehmen auf einem sehr dünnen Eis. Denn ein Ausfall der Systeme oder der Verlust geschäftskritischer Daten kann für viele Unternehmen, die heute und zukünftig stark von digitalen Infrastrukturen abhängig sind, existenzbedrohend werden. Im Ernstfall ist es für die Unternehmen also häufig überlebenswichtig, dass IT-Systeme möglichst schnell wiederhergestellt werden können und sich der Datenverlust dabei auf ein Minimum beschränkt.

Damit ist eine Disaster-Recovery-Strategie, basierend auf modernen Backup- und Disaster Recovery-Lösungen, eine Grundlage für den Fortbestand der Unternehmen. Diese Systeme werden bereits in verschiedenen Ausführungen hinsichtlich Produktumfang und Deployment-Modell angeboten. Somit können leistungsfähige Lösungen bereits heute lokal und kostengünstig bezogen werden.

Diejenigen, die bereits heute in der Lage sind, solche Katastrophenfälle erfolgreich zu überwinden und Systeme und Daten beinahe in Echtzeit wiederherzustellen, sind offenbar den Konkurrenten weit voraus. Spätestens wenn das Kind in den Brunnen gefallen, ist wird sich die Spreu vom Weizen trennen. (wh)