Der Bachelor wird skeptisch beäugt

Ingrid Weidner arbeitet als freie Journalistin ín München.
Endlich verlassen die Wunschkandidaten der Unternehmen die Hochschulen: jung, gut ausgebildet und wissbegierig. Doch vielerorts empfangen IT-Firmen die Bachelor-Absolventen mit gewissen Vorbehalten.

Helmut Krcmar zählt zu den Pionieren des neuen universitären Ausbildungssystems. Als seine Kollegen an anderen Hochschulen noch Augen und Ohren vor der Einführung der Bachelor- und Master-Studiengänge verschlossen und eisern am Diplom festhielten, bot der Professor für Wirtschaftsinformatik an der Technischen Universität in München zum Wintersemester 2000/ 2001 einen Bachelor-Abschluss in Wirtschaftsinformatik an. Im vergangenen Wintersemester folgten die ersten 30 Master-Studenten. "Fast alle unsere Bachelor-Absolventen hatten von Anfang an vor, ihren Master ohne Unterbrechung anzuschließen", erklärt Krcmar. Diese Entscheidung wurde durch die schwierige Lage am IT-Arbeitsmarkt und die Unsicherheit rund um die Akzeptanz der Bachelor-Abschlüsse sicherlich beeinflusst, vermutet der Professor.

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Die neuen zweistufigen Studienabschlüsse sollen Absolventen und Unternehmen gleichermaßen Wettbewerbsvorteile bringen. Noch begegnen viele Firmen den jungen Akademikern mit Skepsis. Das Beratungsunternehmen Accenture befragte gemeinsam mit der Initiative D21 70 IT-Unternehmen in Deutschland nach ihren Erfahrungen mit den neuen Studienabschlüssen in den Fächern Informatik, Elektro- und Informationstechnik. Außerdem interessierte die Rechercheure, welche Qualifikationen die Arbeitgeber von den Hochschulabsolventen erwarten. 40 Prozent der befragten IT-Firmen setzen weiter auf das Diplom, für weitere 40 Prozent ist die Frage des Abschlusses irrelevant, nur elf Prozent achten auf den Bachelor- oder Master-Abschluss. Dies trifft vor allem für Firmen mit weniger als 200 Mitarbeitern zu.

Spätestens bis zum Jahr 2010 sollen alle Hochschulen in Deutschland und in anderen europäischen Ländern zum zweistufigen Bachelor-Master-Modell wechseln. Das erfolgreiche Diplomkonzept wird zum Auslaufmodell. Nach anfänglichem Zögern entschloss sich beispielsweise die TU München, zum Wintersemester 2005/06 das Diplom in Informatik abzuschaffen und durch neue Studiengänge zu ersetzen. "Der Bologna-Prozess ist nicht mehr umkehrbar", ist Krcmar überzeugt.

Firmen fordern Nachbesserungen

Das neue modulare System verfolgt mehrere Ziele. Neben der Vergleichbarkeit der Studienabschlüsse, mehr Flexibilität für Studenten, etwa was einen Hochschulwechsel betrifft, und einem Punktesystem, das die Studienleistungen vom ersten Semester an zählt und Einzelnoten sowie Seminarscheine und Abschlussprüfungen ablöst, sollen die Lehrpläne die veränderten Anforderungen in der Arbeitswelt berücksichtigen.

Diese Hoffnungen erfüllten sich bisher nur zum Teil; die Unternehmen fordern hier Nachbesserungen, denn einige Hochschulen versehen ihre alten Lehrinhalte nur mit einem neuen Etikett. Diese Mogelpackung kritisieren zwar zahlreiche Firmen, allerdings nicht offen. Nur der Münchner Wirtschaftsinformatiker Krcmar weist darauf hin, dass es nicht zweckmäßig sei, möglichst viele Inhalte eines Diplomstudiengangs in den Bachelor-Lehrplan zu packen.

Bald werden sich vermehrt Absolventen mit den neuen Abschlüssen bewerben, und die Arbeitgeber müssen Farbe bekennen. "Wir haben für unser Unternehmen den Master-Abschluss als Nachfolgequalifikation für das Diplom definiert. Bachelor-Absolventen werden wir wohl nur in Ausnahmefällen einstellen", erklärt Christoph Reuther, Personalchef von sd&m, die Firmenstrategie. Seiner Meinung nach bringen Bachelor-Absolventen nicht das gleiche Ausbildungsniveau mit wie Bewerber mit einem Diplom. "Sie bräuchten eine intensivere Betreuung im Unternehmen, die zu viele Kräfte binden würde", begründet Reuther die Entscheidung. Nach Meinung des Personalchefs bringen die neuen Studienabschlüsse keine Vorteile für das Softwarehaus: "Wir waren mit dem Niveau des Diploms zufrieden; wir verlangen eine solide akademische Ausbildung wie den Master."

Fundiertes Wissen statt Abschluss

International tätige Konzerne wie IBM kommen an den neuen Abschlüssen nicht vorbei. "Wir unterscheiden bei Stellenausschreibungen nicht zwischen Universitäts-, Fachhochschul- und Berufsakademie-Abschlüssen, sondern prüfen bei jedem Bewerber, ob die geforderten Kenntnisse vorhanden sind", so eine Unternehmenssprecherin.

Die Itelligence AG geht einen ähnlichen Weg und zeigt sich offen für neue und herkömmliche Studienabschlüsse. Ob Fachhochschulabsolventen, Einsteiger mit Bachelor, Diplom oder Promotion, alle sind in dem Bielefelder SAP-Beratungsunternehmen willkommen. Allerdings achtet Personalchef Dieter Schoon genau darauf, welche Praktika die Bewerber während des Studiums absolviert haben: "Die praktische Erfahrung ist uns wichtiger als der Abschluss."

Keiner zuständig für Soft-Skill-Kurse

Berufspraxis und Soft Skills wünschen sich viele Firmen von den Bewerbern. Laut einer Studie der Unternehmensberatung Accenture haben die Universitäten diesen Trend erkannt: Von den 98 untersuchten Hochschulen fordern 86 Ausbildungsstätten ein betriebliches Praktikum. Allerdings sehen sich 35 Prozent der Hochschulen in erster Linie als akademische Lehranstalt. Soziale Kompetenz sollen die Studenten in den Betrieben erlernen, die Hälfte der Universitäten möchte diese Qualifikation mit den Firmen einüben. Hier wünschen sich die Autoren der Studie für die Zukunft einen intensiveren Austausch zwischen Praxis und Lehre.

Einige Unternehmen sind bereits tätig geworden und haben eigene Einarbeitungsprogramme für Bachelor-Absolventen initiiert. "Wir haben unser Trainee-Programm an die neuen Bachelor- und Master-Abschlüsse angepasst", erklärt Tim Ackermann, Senior Recruitment Manager bei Microsoft Deutschland in Unterschleißheim bei München. Der weltweit agierende Konzern verfügt über reichlich Erfahrung mit den nach angelsächsischem Vorbild entwickelten Abschlüssen. Das Trainee-Programm, das Einsteiger bei Microsoft durchlaufen, dauert jetzt 24 anstatt wie bisher zwölf Monate. Auch das Auswahlverfahren passt der Softwarekonzern an. "Wir erstellen eigene Hochschul-Rankings, überlegen uns genau, welches Hochschulprofil zu unseren fachlichen Schwerpunkten passt, wie lange die Absolventen studiert haben und ob sie internationale Berufserfahrungen mitbringen", erläutert Microsoft-Personaler Ackermann.

SAP bietet bisher noch kein spezifisches Programm für Bachelor-Absolventen an. "Wir prüfen derzeit, ob dies notwendig ist", sagt Steffen Laick, Senior Recruitment Consultant bei SAP in Walldorf. IBM setzt weiter auf den Direkteinstieg nach dem Hochschulabschluss: "Ein klassisches Trainee-Programm gibt es bei IBM nicht", so die Unternehmenssprecherin Michaela Hofmann. Zusätzlich zu Schulungen steht Absolventen in den ersten Monaten ein Mentor zur Seite, außerdem wird gemeinsam mit dem Vorgesetzten ein individueller Entwicklungsplan erstellt.

Uwe Kloos, Personalchef von Softlab in München, setzt bei Bachelor-Absolventen auf bewährte Konzepte wie das Patenprogramm, individuelle Einarbeitungspläne oder Gespräche im Laufe der Probezeit. Allerdings haben sich bisher noch keine Absolventen mit den neuen Abschlüssen bei ihm beworben.

Aus dem Betrieb zurück an die Uni

Mittelständische Firmen können von der Ausbildung und dem Wissen der Bachelor-Absolventen besonders profitieren. Für Wirtschaftsinformatiker sieht Krcmar von der TU München gute Berufsperspektiven: "Bachelor-Absolventen verdienen meist weniger, sind aber gut für die Aufgaben eines mittelständischen Unternehmens ausgebildet, etwa IT-Projekte zu managen."

Gehaltlich stufen die Unternehmen die jungen Absolventen ganz unterschiedlich ein. "Bisher haben wir hier noch keine allgemeine Differenzierung getroffen. Wir berücksichtigen neben dem Studienabschluss auch Faktoren wie Persönlichkeit, Fachexpertise, Internationalität und berufsrelevante Praktika. Das Einstiegsgehalt bei Hochschulabsolventen liegt bei durchschnittlich 40 000 bis 45 000 Euro." Damit legt Steffen Laick von SAP die Messlatte ziemlich hoch. Microsoft setzt die Einstiegsgehälter der Bachelor-Absolventen zwar ein wenig niedriger an, doch da die Berufsanfänger früher ins Unternehmen einsteigen, gleicht sich die Differenz im Laufe der Zeit an die allgemeine Gehaltsentwicklung an.

Bachelor-Absolventen mit guten Noten soll der Weg zurück an die Universität und zum Master-Abschluss offen stehen. Doch bei dieser Frage melden viele Unternehmen Bedenken an: Sie wollen die ins Unternehmen integrierten Mitarbeiter nicht nach einigen Jahren zurück in die Hochschulen schicken. Christoph Reuther vom Softwarehaus sd&m favorisiert die Universitätsausbildung aus einem Guss: "Zum einen verlängert sich die Ausbildung gegenüber dem Diplom, wenn die Bachelor-Absolventen nach zwei bis drei Jahren an die Hochschulen zurückkehren. Zum anderen haben sie sich an ein gewisses Einkommen und einen bestimmten Lebensstandard gewöhnt, auf den sie wahrscheinlich nur schwer verzichten könnten." Auch das geforderte Lernpensum und die universitäre Umgebung würden manchem Anpassungsprobleme bereiten, befürchtet der sd&m-Mann.

Kooperation von Uni und Wirtschaft

Wirtschaftsinformatik-Professor Krcmar sieht es ähnlich. Wenn die Arbeitgeber den jungen Mitarbeitern attraktive Verdienst- und Karriereperspektiven bieten, bestehe kein Anlass für einen zweiten akademischen Titel. Diese Entwicklung sei auch im Sinne der Kultusministerkonferenz, die empfiehlt, dass nur ein Drittel der Bachelor-Absolventen einen Master-Titel anstrebt. Krcmar hält nichts von solchen Quoten; er schätzt, dass zirka die Hälfte einen weiteren akademischen Titel erwerben möchte.

Mittelständische Unternehmen dürften wenig begeistert reagieren, wenn es ihre gut integrierten Angestellten zurück an die Hochschulen zieht. "Für uns wäre das schwierig, denn wir investieren viel in die Weiterbildung unsere Mitarbeiter. Der Studienabschluss steht für uns nicht im Vordergrund"; erläutert Christian Buric vom Münchner IT-Dienstleister Beck et al.

Große Veränderungen dauern. Fertige Konzepte und ausgereifte Lehrpläne entstehen langsam und peu à peu. Hochschulen und Unternehmen dürfen in diesem Prozess weder die Geduld verlieren noch den Dialog meiden, denn beide Seiten tragen eine große Verantwortung gegenüber den Studenten. Der Zwiespalt zwischen akademischem Anspruch und Forderungen der Praktiker lösen auch die neuen Abschlüsse nicht. Etwas mehr Toleranz erleichtert jedoch die Zusammenarbeit.

Manche Kritik aus Chefetagen und Personalabteilungen sollte auch weiter auf taube Professorenohren treffen. Wenn diese beispielsweise die mangelnde Reife der jungen Absolventen beklagen, kann der Münchner TU-Professor Krcmar nur müde lächeln: "Das Reifeargument zählt nicht; schließlich verlangen die Firmen immer jüngere Einsteiger. Jetzt entlassen wir Studenten früher und gut qualifiziert. Die Unternehmen müssen ihnen weniger zahlen. Das sind doch ideale Voraussetzungen und kein Grund zum Meckern." (am)