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Erster Interessent ist Verizon

Der Ausverkauf bei Yahoo beginnt

Heinrich Vaske ist Chefredakteur der COMPUTERWOCHE und verantwortlich im Sinne des Presserechts (v.i.S.d.P.). Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung der Computerwoche - im Web und in der Zeitschrift. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte der COMPUTERWOCHE und moderiert Veranstaltungen. Weitere Interessen: der SV Werder Bremen, Doppelkopf und Bücher - etwa die von P.G. Woodhouse.
Die Anzeichen dafür, dass Verizon Communications das Internet-Geschäft von Yahoo kaufen wird, verdichten sich. Einige Unternehmen, die als potenzielle Interessenten gehandelt wurden, haben sich Medienberichten zufolge wieder zurückgezogen.

Am Montag gingen die vorläufigen Angebote für das Internet-Business von Yahoo ein, das die glücklose Konzernchefin Marissa Mayer zu verkaufen gedenkt. Wie das "Wall Street Journal" mit Bezug auf Insiderkreise berichtet, sind von den rund 40 Unternehmen, die Interesse am Internet-Business von Yahoo oder an Teilen davon bekundet hatten, nur noch eine Handvoll übrig geblieben.

Selfie von Marissa Mayer beim Jodelrekord zum 20-jährigen Yahoo-Geburtstag im März 2015. Schon damals war die Situation im Konzern allerdings nicht sonderlich lustig.
Selfie von Marissa Mayer beim Jodelrekord zum 20-jährigen Yahoo-Geburtstag im März 2015. Schon damals war die Situation im Konzern allerdings nicht sonderlich lustig.
Foto: Mayer via Tumblr

Unter anderem soll die zunächst interessierte Time Inc. abgesprungen sein. Auch die Google-Mutter Alphabet, der Kabelnetzbetreiber Comcast und das Internet-Unternehmen IAC/InterActiveCorp haben offenbar nach anfänglichem Interesse abgewunken. Favorit scheint nun Verizon zu sein, ein weltweit führender TK-Konzern mit einem Börsenwert von rund 240 Milliarden Dollar und Cash-Reserven von 4,5 Milliarden Dollar.

Wie nun die Nachrichtenagentur "Bloomberg" berichtet, soll auch die YP Holding (YP = Yellow Pages) in Verhandlungen mit Yahoo stehen. Ein Zusammenschluss des Digital-Business von Yellow Pages mit den Internet-Geschäften von Yahoo könnte dem Duo demnach zu signifikanten Steuerersparnissen verhelfen, da die Konstruktion eines sogenannten Reverse Morris Trust möglich wäre.

Mit einem Marktwert von nicht einmal 900 Millionen Euro wäre das vom Investor Cerberus Capital Management aufgekaufte Gelbe-Seiten-Unternehmen allerdings wohl nur im Rahmen einer komplizierten Transaktion mit mehreren Beteiligten in der Lage, das milliardenschwere Internet-Geschäft von Yahoo zu kaufen. Wahrscheinlicher erscheint deshalb ein Zuschlag für Verizon: Der TK-Riese hätte nicht nur das nötige Kleingeld, sondern mit seinem gerade erst aufblühenden digitalen Mediengeschäft auch eine plausible Strategie, um Yahoos Webgeschäfte zu integrieren.

Yahoo setzt auf Wachstumsmotor Video

Dem Wall Street Journal zufolge setzt Verizon zunehmend auf Video-Services und Online-Werbung als Wachstumsmotor. Das Unternehmen plant demnach, die Kundendaten, die aufgrund der zahlreichen Smartphone-Nutzer im hauseigenen Mobilfunknetz Verizon Wireless reichlich vorhanden sind, mit Werbeinventar des im vergangenen Jahr übernommenen Medienkonzerns AOL und möglicherweise dann auch mit dem von Yahoo zu kombinieren. So soll eine mobile Werbeplattform entstehen, die es mit den Webgiganten Facebook und Google aufnehmen kann.

"Verizon glaubt, das ein kombiniertes AOL/Yahoo zu einer digitalen Werbeplattform von der Größe führen würde, die sie für die Umsetzung ihrer Videostrategie benötigen", meint Craig Moffett, Senior Analyst bei MoffettNathanson, einer auf TK-Player konzentrierte Marktforschungsgesellschaft.

Allerdings ist Verizon noch nicht am Ziel. Unter den Interessenten sind auch milliardenschwere Investment-Gesellschaften wie Bain Capital, TPG und Advent International - so berichtet das Journal mit Bezug auf seine Insiderquellen. Auch KKR & Co. soll interessiert sein, wobei nicht klar ist, ob dieser Investor wirklich ein Angebot abgegeben hat. Auch die britische "Daily Mail & General Trust" soll gemeinsam mit anderen Investoren Interesse gezeigt haben.

Was steht wirklich zum Verkauf?

Yahoo-Chefin Mayer will sich bekanntlich vom Kerngeschäft des Internet-Pioniers trennen und im Wesentlichen die Beteiligung am chinesischen Internet-Giganten Alibaba zum Unternehmenszweck machen. Allerdings ist nicht wirklich klar, welche Unternehmensbereiche Yahoo nun wirklich im Detail abstoßen wird. Die Bieter sollen mitteilen, wofür sie sich interessieren und welche Summe sie zu zahlen bereit wären.

Geht es um das Kern-Web-Geschäft von Yahoo, liegen die Spekulationen bezüglich des Kaufpreises zwischen vier und acht Milliarden Dollar. Experten glauben, dass Verizon eher in der Lage wäre, einen höheren Preis zu zahlen, als Privat-Equity-Gesellschaften, die weniger strategisch orientiert seien und mehr auf den erzielbaren Profit fokussiert sein müssten.

Doch auch Verizon, das 2014 rund 130 Milliarden Dollar aufbrachte, um Vodafones Minderheitsanteil von Verizon Wireless aufzukaufen, muss aufs Geld schauen. Das Unternehmen steckt mitten in einer komplizierten Transformation und liegt zudem im Clinch mit einem Teil seiner Beschäftigten. Zwei Gewerkschaften, die rund 40.000 Mitarbeiter im Festnetz-Geschäft repräsentieren, haben nach zehnmonatigen ergebnislosen Tarifverhandlungen am vergangenen Mittwoch zum Streik aufgerufen. Verizon konzentriert derzeit seine Kräfte auf das Mobilfunkgeschäft, da die Ergebnisse im Festnetzbereich schrumpfen. Gute zwei Drittel der Einnahmen kommen derweil aus dem Wireless-Business, das allerdings auch Sättigungstendenzen zeigt.

Die Übernahme der Webgeschäfte von Yahoo wäre durchaus mit Risiken verbunden, da Yahoo hier in den vergangenen Jahren alles andere als erfolgreich war. Es handelt sich um einen "schrumpfenden Vermögenswert", der dem Internet-Pionier auch in diesem Jahr weder umsatz- noch ertragsseitig Freude bereiten dürfte. Zudem sollen sich Kaufkandidaten beschwert haben, dass Yahoo nicht in der Lage gewesen sei, detaillierte Auskünfte über die gegenwärtigen Geschäftsaussichten zu machen. Hinzu kommt eine heftige Auseinandersetzung, die Yahoo seit dem Sommer 2015 mit seinem Investor Starboard Value LP führt.

Yahoo hat für das erste Quartal 2016 soeben einen um zwölf Prozent gesunkenen Umsatz von 1,09 Milliarden Dollar ausgewiesen (Vorjahr 1,23Milliarden Dollar). Der Nettoprofit halbierte sich von 15 auf acht Dollar-Cent je Aktie und übertraf damit die durchschnittliche Erwartungen der Wall-Street-Analysten um einen Cent.