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DCW-Kunden sind überrascht und verärgert

05.08.2003

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - SAP plant, den Mannheimer Anbieter für mittelständische ERP-Systeme DCW Software zu kaufen (CW online berichtete). Die Produkte wollen die Walldorfer noch fünf Jahre pflegen. Anwender sollen auf mySAP migrieren.

Für Softwareanbieter wie SAP ist der Mittelstand so wichtig wie noch nie. Die Walldorfer wollen ihre Position in diesem Segment durch die Übernahme der ERP-Schmiede DCW Software stärken. Bei der nun eingefädelten Transaktion handelt es sich keinesfalls um eine normale Firmenübernahme. Der Grund: SAP erwirbt zunächst fünf Prozent an DCW Software, erhält aber damit bereits die Mehrheit der Stimmrechte. Den Walldorfern steht es frei, die restlichen Anteile zu kaufen. Als einen "Deal unter Freunden" bezeichnet denn auch Helmuth Gümbel, ERP-Kenner und Managing Partner bei Strategy Partners, das Geschäft, denn der DCW-Gründer Claus Wellenreuther gehörte zu den Mitgründern der SAP. Wellenreuther wolle mit dem Verkauf seine Nachfolge regeln. Das Unternehmen erwirtschaftet einen Umsatz von etwa 18 Millionen Euro.

SAP begründet die Entscheidung für DCW Software jedoch mit dem Mittelstands-Know-how des Anbieters, dessen Expertise in Java, C++ und RPG sowie der räumlichen Nähe zu Walldorf. Die DCW-Produkte will SAP nur noch fünf Jahre zu den vertraglich vereinbarten Wartungskonditionen weiterpflegen. Kunden sollen auf ein mySAP-Produkt umschwenken, entsprechende "attraktive Angebote" möchte man diesen Firmen unterbreiten. Für Christoph Behrendt, der als Senior Vice President Small and Medium Business die Entwicklung für mittelständische Software verantwortet, kommt eine Weiterentwicklung der DCW-Systeme nicht in Frage, da diese praktisch die gleichen Funktionen abdeckt wie die eigene Produktlinie.

Die von SAP vorgesehene Migration dürfte sich als schwierig erweisen, denn die ERP-Systeme unterscheiden sich in ihrem Aufbau stark voneinander. Die Programme von DCW Software laufen auf den IBM-Midrange-Systemen der iSeries (vormals AS/400). "Allenfalls eine Datenmigration ist machbar, kundenindividuelle Anpassungen gehen verloren", erläutert ERP-Experte Gümbel. Zwar lasse sich die mySAP-Linie auch auf iSeries-Systemen betreiben, sodass Anwendern nicht auch noch ein Plattformwechsel ins Haus stünde, allerdings seien die laufenden Kosten höher, und zudem müssten die unfreiwilligen SAP-Neukunden in Schulungen investieren.

Die DCW-Kunden sind von der bevorstehenden Transaktion überrascht worden. Per Brief informierte ihr ERP-Lieferant sie über den Vorgang. Zu ihnen zählt der Mercedes-Benz-Partner Torpeda-Garage aus Kaiserslautern, der erst vor zwei Jahren eine DCW-Software eingeführt hatte und nun über das baldige Sterben des Produkts verärgert ist. "Wir haben viel Zeit, Energie und Geld investiert, und es ist sehr schade, dass dieses im Mittelstand verbreitete Produkt eingestellt wird", so Dieter Pfister, kaufmännischer Leiter des Unternehmens, das 600 Mitarbeiter beschäftigt. Man habe sich damals aus Gründen der Komplexität und der höheren Kosten gegen SAP entschieden. Einen Umstieg auf SAP schließt Pfister zwar nicht kategorisch aus, macht ihn jedoch von den Konditionen der Walldorfer abhängig.

Kalt erwischt hat es auch Temmler Pharma, die gerade die Finanzbuchhaltung von DCW-Software einführen. "Unserer grundsätzliche Entscheidung war es, nicht SAP einzuführen, insofern sind wir nicht glücklich mit der Situation", so Gerlinde Buhl, IT-Leiterin des in Marburg ansässigen Pharmaherstellers, der etwa 150 Mitarbeiter hat. "Das laufende Projekt werden wir trotzdem abschließen", kündigt Buhl an, denn das Unternehmen hätte jetzt ohnehin keine Zeit, sich nach Alternativen umzuschauen.

Die Revell AG aus Bünde, Hersteller von Modellbausätzen, will die Finanzbuchhaltungslösung der DCW Software zumindest noch für drei Jahre weiterbetreiben. "Ich will nicht der Letzte sein der umsteigt, denn dann wird die Betreuung nicht mehr so gut sein wie jetzt", sagt Manfred Abel, Prokurist und Bereichsleiter IT.

Ob es zur geplanten Übernahme kommt, darüber müssen unter anderen auch die Kartellbehörden entscheiden. Die dürften nach Auffassung von Gümbel wegen SAPs dominanter Position im ERP-Markt hellhörig werden. (fn)